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Lenz
Siegfried Lenz: Deutschstunde
Frankfurt am Main: Büchergilde Gutenberg, 1970. 505 Seiten – Lenz LinksLenz Literatur
In den Jahren 1952 bis 54 schreibt Siggi Jepsen (* 1933), Insasse einer Jugendstrafanstalt auf einer Insel in der Elbe und Ich-Erzähler, eine Strafarbeit zu „Die Freuden der Pflicht“. Sein Prototyp ist sein eigener Vater, Jens Ole Jepsen, der als Dorfpolizist 1943 bis 45 seine Pflicht erfüllte. Er überwachte ein Malverbot, das die Nazis über den Maler Max Ludwig Nansen (gewisse Übereinstimmungen mit dem Expressionisten Emil Nolde) verhängt hatten.
Das Motto des Vaters ist: "Wer seine Pflicht tut, der braucht sich keine Sorgen zu machen – auch wenn die Zeiten sich einmal ändern sollten" (S. 115). das hält er konsequent durch. Mit Nansen verbinden ihn nachbarschaftlich freundschaftliche Bande: er meldet jede Kleinigkeit nach Husum. Selbst seinen Sohn Klaas liefert er gnadenlos an die Nazis aus. Klaas verletzt sich an der Front selbst, kommt ins Lazarett und hat die übliche strenge Bestrafung zu befürchten. So flüchtet er aus dem Lazarett in sein Heimatdorf (aber nicht zu seinen Eltern!) und wird dort erneut verwundet. Jetzt erfüllt Jens Ole Jepsen seine Pflicht und übergibt den schwerverletzten Fahnenflüchtigen an die Behörden. Klaas taucht im Roman erst wieder nach dem Krieg auf. Diese Nachkriegsbegegnung der Brüder hätte Lenz unbedingt nützen müssen, um den Lesern über das Schicksal von Klaas zu informieren. Warum konnte er, trotz zahlreicher – in der Sicht der Nazis – schwerer Verbrechen am Volk überleben?
Dieser Romaninhalt bewirkt, dass es im Wesentlichen zwei Erzählzeiten gibt. Die Zeit der Niederschrift durch den jungen Erwachsenen Siggi Jepsen und die Zeit des Zweiten Weltkriegs, als die Niederlage deutlich wird. Ausserdem hat die Romankonstruktion die (für mich unangenehme) Folge, dass die Deutschstunde in Stil und Jargon eines Jugendlichen erzählt wird. Das wird dann unglaubwürdig, wenn Lenz zu Naturbeschreibungen greift, grossartige Szenen einflicht, wie die Notschlachtung einer Kuh (S. 236-237) oder poetische Sätze schreibt, wie: "Rauh und stoßweise kam der Wind von der See und rief hinter der Tür Tumulte hervor" (S. 55). Der Stil wirkt insgesamt umständlich und breit getreten.
Der inzwischen vielfach als Klassenlektüre gewählte Roman hat einen schillernden Titel.
  1. Die Deutschstunde bezieht sich auf die Strafarbeit: ein deutscher Besinnungsaufsatz; eigentlich eine Fortsetzuung der Gesinnungsschnüffelei des Dritten Reichs. Der Lehrer frägt ab, welche Einstellung und Wertvorstellung der Schüler hat.
  2. Dann verheißt der Titel, dass der Leser eine Lektion zur Deutschen Geschichte erhält.
  3. Es ist auch eine Einweisung und Probe im Schreiben eines Deutschaufsatzes für Siggi und die Leser.
Lenz Anfang
Neben Parallelen zu Günter Grass Die Blechtrommel sehe ich Gemeinsamkeiten mit Alfred Andersch: Sansibar. Dort geht es um die Rettung einer Figur des Künstlers Ernst Barlach, wenn ich mich recht erinnere, in einem Ort an der Ostseeküste. Die Situation der Jugendstrafanstalt erinnert an die Situation in Louis Sachar: Holes (Sachar Rezension).
Themen
  • Pflichterfüllung; nur in manchen Personen blitzt Zivilcourage auf
  • Provinzlertum; Lenz beschränkt sich auf das fiktive Dorf nahe der dänischen Grenze
  • Sozialdarwinismus, der besonders bei der Mutter Gudrun Jepsen auch nach Kriegsende anhält
  • Kunstfeindlichkeit
Ich gestehe Lenz zu, dass ein Roman nur einen Teilaspekt der nazistischen Wirklichkeit thematisieren kann. Hier ist es die blinde Pflichterfüllung ohne den eigenen Verstand zu gebrauchen, die bei einigen Personen auch nach 1945 aufgezeigt wird. Andere Personen gebärden sich später als typische Mitläufer oder gar Opfer des Nationalsozialismus. Jens Ole Jepsen behält nach Kriegsende seinen Posten. Diese Reduktion birgt die Gefahr der Verniedlichung der geistigen Beweggründe für die Verbrechen des Dritten Reiches.
Links
Vergleichsliteratur: vater Vater-Sohn Beziehung und Vater-Sohn-Konflikt
Rezensionen, Referate: LenzGerhardt Csejka, GoetheinstitutLenzSebastian Talmon (Referat)
LenzDer Weg 2001LenzDieter Wunderlich
Joanna Jablkowska: "Ein Paradigmenwechsel in der deutschen Bewälti­gungsliteratur. Zu Siegfried Lenz: Deutschstunde und Martin Walser: Ein Springender Brunnen". Orbis Linguarum Vol. 17/2001. Als LenzHTML und LenzPDF
Lenz Sekundärliteratur zu Siegfried Lenz: Deutschstunde
Verwandtes
Lenz Günter Grass Die Blechtrommel versus John Irving A Prayer for Owen Meany
Lenz Siegfried Lenz: Der Mann im Strom
Sachar Louis Sachar: Holes
Lenz Anfang
Literatur
Freund, Winfried: "Siegfried Lenz: Deutschstunde". In: Interpretationen. Roman des 20. Jahrhunderts. Band 2. Stuttgart: Reclam, 1993. S. 212-240
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Lenz LenzSiegfried Lenz: Deutschstunde. München: Süddeutsche Zeitung, 2004. Gebunden. SZ-Bibliothek Band 28 Lenz
Siegfried Lenz: Deutschstunde. München: Dtv, 2002. Broschiert Lenz
Lenz LenzReiner Poppe: Siegfried Lenz 'Deutschstunde'. Hollfeld: Beyer, 1997. Broschiert Lenz
Fred Müller: Siegfried Lenz. Deutschstunde. München: Oldenbourg, 1996. 128 Seiten. Oldenbourg Interpretationen, Bd.80 Lenz
Siehe: Lenz Sekundärliteratur zu Siegfried Lenz: Deutschstunde
Lenz LenzEdgar Neis: Siegfried Lenz. Deutschstunde. Hollfeld: Beyer, 1994. 8. Aufl. Broschiert, 105 Seiten Lenz
Wilhelm Große: Erläuterungen zu Siegfried Lenz. Deutschstunde. Hollfeld: Bange, 2003. Broschiert, 104 SeitenLenz
Siehe: Lenz Sekundärliteratur zu Siegfried Lenz: Deutschstunde
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 6.8.2005