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Edgar Hilsenrath: Der Nazi & der Friseur
München: Dtv, 2006. 476 Seiten – Edgar VergleichsliteraturEdgar LinksEdgar Literatur
Max Schulz (arisch geboren 1907), ein Nazi-Massenmörder, mutiert nach Kriegsende in seinen ehemaligen jüdischen Freund Itzig Finkelstein. Er erzählt uns seine Lebensgeschichte, die in manchen Punkten bis 1945 wohl typisch deutsch zu nennen ist. Max ist zwar (untypisch) kein Antisemit, läuft aber schnurstracks zur SA und SS. Dass seine Verbindung mit der Familie Finkelstein recht oberflächlich war, erkennt man daran, dass er nicht die geringste Einsicht in die grandiose Fehlentwicklung seit 1933 zeigt. Im Gegenteil: im Krieg wird er zum Massenmörder. Geschickt nutzt er seine Chancen in der Schule, Lehre und später beim Militär. Darin kommt eine grobe Bauernschläue durch, da Max ansonsten geistig minderbemittelt ist.
Am Kriegsende schnallt er, dass er sich absetzen muß; als sich die Möglichkeit bietet die Identität des exakt gleichaltrigen Itzig Finkelstein zu übernehmen, nimmt er auch diese wahr und wandert – eine der vielen Spitzen der Groteske / Satire – nach Palästina aus. Als Friseur macht er eine Handwerkerkarriere. Hilsenrath hat noch eine Steigerung: Max alias Itzig schließt sich einer israelischen Terrorgruppe an um die Briten aus Palästina zu werfen. 
Der Jargon des Ich-Erzählers ist seinem Charakter angemessen. Manchmal geraten seine Gedanken durch diesen Plapperstil etwas abschweifig. Doch mit zahlreichen grotesken Pointen wird die Aufmerksamkeit hoch gehalten. Köstlich ist Hilsenraths Spiel mit den vertauschten Rollen. Max als Itzig betont ja penetrant, dass er der Massenmörder ist. Die Alte in der Hütte, in die Max kurz vor Kriegsende flüchtet, hält ihn gefangen. Als er ganz verhungert bei ihr auftaucht  fragt sie ausrufend (!): "Könnt ihr Kerle nicht mehr aushalten als die Untermenschen!" "Das weiß ich nicht", sagte ich. "Ich war noch kein Untermensch." Doch", sagte die Alte. "Jetzt sind Sie einer" (S. 149).
Die satirische Krönung erhält das Geschehen als Max als Itzig Finkelstein in Israel einen lokalen Tierschutzverein gründet und sich für die Bewegungsfreiheit der Hühner in den modernen Hühnerfarmen einsetzt (S. 422).
Auf dem Emigrantenschiff wird angedeutet, dass auch Max Schulz, der "Rattenfänger mit Dachschaden" (S. 270) einmal geschnappt wird und seine Strafe erhalten wird. Dass daraus nichts wird war vielleicht mit ein Grund, dass Edgar Hilsenrath mit einer Veröffentlichung in Deutschland so überaus grosse Probleme hatte. Sein Erstverleger Helmut Braun schreibt dazu im Nachwort: "Man war sich einig, dass eine Aufarbeitung der Shoa in Form einer bitterbösen, pechschwarzen Satire – noch dazu ausschließlich aus der Täterperspektive geschrieben – völlig unangemessen und eshalb unzulässig sei" (S. 473). Nun, inzwischen sind sogar solche Werke wie Großmama packt aus von Irene Dische möglich. Ob das begrüßenswert ist, mag jeder Leser selbst beurteilen. Bei Der Nazi & der Friseur – so meine ich – gibt es ein bedingungsloses "Ja".
Der Nazi & der Friseur ist ein großartiger Roman zur literarischen Behandlung des Holocaust, ganz anders als Die Blechtrommel, doch diesem Jahrhundertwerk in seinem Genre durchaus ebenbürtig.
Edgar Anfang
Vergleichsliteratur
EdgarThomas Toivi Blatt: Nur die Schatten bleiben. Der Aufstand im Vernichtungslager Sobibór
EdgarPierre Boileau, Thomas Narcejac: Ich bin ein anderer
EdgarArne Dahl: Tiefer Schmerz [Europa Blues]
EdgarIrene Dische: Großmama packt aus
Edgar Leonhard Frank: Karl und Anna
Günter Grass: Die BlechtrommelEdgar Günter Grass Die Blechtrommel versus John Irving A Prayer for Owen Meany
Norbert Gstrein: Die englischen Jahre
Irmgard Keun: Nach Mitternacht
EdgarPhilip Roth: The Human Stain [deutsch: Der menschliche Makel]
Edgar Uwe Timm: Die Entdeckung der Currywurst (zum erzwungenen Aufenthalt bei Veronja, S. 145-168)
Edgar Fred Uhlman: Der wiedergefundene Freund
EdgarJoseph H. H. Weiler: Der Fall Steinmann
Links
Edgar Hilsenrath: hilsenrathExil-ArchivhilsenrathFH FuldahilsenrathWikipedia
hilsenrathGesammelte Werke Edgar Hilsenrath in 11 Bänden
hilsenrathBuechernachlese - die Werke von Edgar Hilsenrath
Rezensionen zu Der Nazi & der Friseur
hilsenrathFH Fulda mit mehreren Besprechungen
hilsenrathAndrea Livnat: "Wer hat Itzig Finkelstein erschossen?"
hilsenrathJan Süselbeck: "Schulz und Sühne", Literaturkritik 4, 2005
hilsenrathJörg Sundermeier: "Stolz und Vorteil", 2.1.2005
Edgar Anfang
Literatur
Peter Arnds: "On the Awful German Fairy Tale: Breaking Taboos in Representations of Nazi Euthanasia and the Holocaust in Günter Grass's »Die Blechtrommel«, Edgar Hilsenrath's »Der Nazi & der Friseur«, and Anselm Kiefer's Visual Art". The German Quarterly 75.4. (2002). S. 422-439.
Peter Stenberg: "Memories of the Holocaust. Edgar Hilsenrath and the Fiction of Genocide". Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 56.2 (1982). S.277
Jennifer Taylor: "Wrinting as a Revenge: Reading Edgar Hilsenrath's »Der Nazi und der Friseur« as a Shoah Survivor's Fantasy". History of European Ideas 20.1-3. (1995) S. 439-444
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Hilsenrath  hilsenrathEdgar Hilsenrath: Der Nazi & der Friseur. München: Dtv, 2006. Taschenbuch, 476 Seiten Hilsenrath
Edgar Hilsenrath: Der Nazi & der Friseur. Berlin: Dittrich, 2004. Gebunden, 478 Seiten hilsenrath
dopheide hilsenrathDietrich Dopheide: Das Groteske und der Schwarze Humor in den Romanen Edgar Hilsenraths. Berlin: Weissensee, 2000. Taschenbuch, 326 Seiten hilsenrath
Anne Fuchs, Richard E. Schade, Florian Krobb, Hg.: Ghetto Writing: Traditional and Eastern Jewry in German-Jewish Literature from Heine to Hilsenrath.  Camden 1999. Gebunden, 239 Seiten hilsenrath
heberger hilsenrath Alexandra Heberger: Faschismuskritik und Deutschlandbild in den Romanen von Irmgard Keun 'Nach Mitternacht' und Edgar Hilsenrath 'Der Nazi und der Friseur'. Ein Vergleich. Der Andere 2002. Broschiert, 119 Seiten
Hilsenrath  hilsenrathEdgar Hilsenrath: Der Nazi & der Friseur. Random House 2005. 10 CDs, Sprecher: Bodo Primus
 
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