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Werfel
Franz Werfel: Eine blaßblaue Frauenschrift
Frankfurt: S. Fischer, 1977. Gebunden, 179 Seiten. Nachwort: Friedrich Heer – Werfel LinksWerfel Literatur
Wien, Anfang Oktober 1936
Leonidas konnte sich aus kleinen Verhältnissen ("Sohn eines armen Gymnasialprofessors achter Rangklasse", S. 7) zum Sektionschef im österreichischen Kultusministerium hochdienern. Österreich hat ein Abkommen über die Wiederherstellung freundschaftlicher Beziehungen mit dem Deutschen Reich unterschrieben. Die Beamten und Politiker in Wien können ihre deutschfreundliche Haltung zeigen, indem sie in vorauseilenden Gehorsam Stock-Deutschnationalismus und Antisemitismus pflegen.
Zum 50. Geburtstag findet der Anpassler Leonidas einen Brief in blaßblauer Schrift unter der Glückwunschpost. Zurecht vermutet er seine Bekannte Vera Wormser ("Israelitin") dahinter. Kurz nach seiner Einheirat in die wienerische Gelddynastie Paradini betrog er seine Ehefrau Amelie mit der Jugendbekannschaft Vera. Er läßt Vera schnöde sitzen und ignoriert einen ersten Brief nach etwa 3 Jahren. Den neuerlichen Brief liest Leonidas: es ist "nur" eine Bitte nach Protektion eines deutschen Schülers, der aufgrund seiner jüdischen Abstammung aus Deutschland flüchten muß. Beim späteren Treffen mit Vera stellt sich heraus, dass auch sie vor den Nazihorden nach Montevideo flüchten will.
Werfel hat für den Leser einige Überraschungen auf Lager. Nicht alle überzeugen – doch ist dies nicht entscheidend. Die Motivation für Veras ersten Brief in blaßblauer Schrift ist dünn: denn immerhin hat sie sich (verständlicherweise) 3 Jahre nicht gemeldet. Auch Leonidas Schnellschussvermutung (S. 31) beim zweiten, von Vera extrem förmlich formulierten Brief überzeugt nicht. Seinen Einsatz  – gegen alle in der Ministerrunde – für den jüdischen Mediziner Alexander ("Abraham") Bloch fand ich herbeigezogen. Immerhin merkt Werfel dazu an, dass diese Kraftprobe nur seinem Eigensinn (denn er bisher lebenslang vermissen ließ) entspringt (S. 113). Er wendet sich am Ende darin wieder hin zur Anpassung.
Sehr gut gelungen ist die Ministersitzung und die Aussprache mit Amelie, die sich unerwartet wendet.
Leonidas wird als der typische Karrierist und Duckmäuser, ganz im Sinne von Heinrich Manns Untertan (Werfel Vergleichsliteratur) geschildert. Von seinem Namensvorgänger, dem König von Sparta, ein Nachkomme des Herakles (S. 43), hat er nichts. "Er hält sich mehrmals am Tage für einen ausgemachten Götterliebling" (S. 10). Amelie bleibt blaß, dafür schuf Werfel mit Vera Wormser eine kantige, schnurgerade Frauenfigur.
Über alles trifft Werfel die damalige Atmosphäre und Stimmung in der gehobenen Schicht, einige Monate vor dem Anschluß, ausgezeichnet. Da katzbuckeln die Angestellten und Beamten, während Amelie zwei Stunden beim Friseur verbringt. Der Opernabend läßt den Tag im Leben Leonidas und Amelies passend ausklingen.
Man kann den autobiografischen Parallelen nachspüren. Im Leben Franz Werfels und seiner Frau Alma (Amelie) ist da einiges zu finden.
Eine blaßblaue Frauenschrift ist sehr lesenswert. Es verbindet ein charakterliches Kammerspiel mit der Weltpolitik von 1936, ohne diese mit Namen oder Ereignisse nach vorne zu schieben. Der Tag im Leben eines österreichischen Ministerialbeamten verläuft mit Spannungen, aber am Ende geht alles seinen gewohnten Trott. Der deutsche Schüler wird dank Leonidas unterkommen, Vera wird hoffentlich in Montevideo ein neues Leben beginnen. Amelie und Leonidas werden spätestens in acht Jahren "erwachen".
Werfel schildert beispielhaft an einem individuellen Charakter wie gerade die Charakterlosigkeit einer gehobenen Mittel- und Oberschicht den Humus (besser: Lehm) für ein Regime bereitet, welches dies auszunützen weiß.
Vergleichsliteratur
Werfel Heinrich Mann: Der Untertan
Werfel William S. Maugham: "The Letter", Theaterstück 1927, mehrfach verfilmt
Werfel Leo Tolstoj: Der Tod des Iwan Iljitsch
Links
Eine blaßblaue Frauenschrift: WerfelWikipedia
Verfilmung mit Friedrich von Thun, Gabriel Barylli und Krystyna Janda; Regie: Axel Corti; 1984: Werfel3satWerfelmediacultureWerfelWikipedia
WerfelDieter Wunderlich: Franz Werfel: Eine blassblaue Frauenschrift
Werfel Franz Werfel – mit weiteren Links
Literatur
Fraiman-Morris, Sarah: "Franz Werfels ›Der Tod des Kleinbürgers‹ als Variation von Tolstojs ›Der Tod des Iwan Iljitsch‹". Herbert Foltinek, Hg.: Sprachkunst XXXV / 2004, 2. Halbband. Wien: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften 2005. S. 225-238
Hautzenröder, Sandra: Eine blaßblaue Frauenschrift. Facharbeit – Werfelonline als pdf
Paulsen, Wolfgang: Franz Werfel. Sein Weg in den Roman. Tübingen: Francke, 1995
Wagener, Hans: "Gericht über eine Lebenslüge. Zu Franz Werfels Eine blaßblaue Frauenschrift". In: brücken. Neue Folge. Germanistisches Jahrbuch Tschechien - Slowakei 1995. Berlin
Weber, Alfons: Problemkonstanz und Identität. Sozialpsychologische Studien zu Franz Werfels Biographie und Werk - unter besonderer Berücksichtigung der Exilerzählungen. Frankfurt: Peter Lang, 1989
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Werfel Werfel Franz Werfel: Eine blaßblaue Frauenschrift. Frankfurt: Fischer, 2011. Broschiert, 160 Seiten Werfel
Franz Werfel: Eine blaßblaue Frauenschrift. Martin Benrath, Leser. ZYX, 2008. Audio CD Werfel
werfel Werfel Franz Werfel: Eine blaßblaue Frauenschrift. Frankfurt: Fischer, 2007. Gebunden, 154 Seiten werfel
Franz Werfel: Eine blaßblaue Frauenschrift. SZ-Bibliothek Band 92. Süddeutsche Zeitung 2008. Gebunden, 160 Seiten Werfel
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 29.12.2007