| Franz
Werfel: Stern der Ungeborenen. Ein Reiseroman Salzburg: Bermann-Fischer 1949. 714 Seiten – |
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| Empfohlen vom Schriftsteller Michael Lentz anlässlich seines eigenen Romans, machte mich der Hinweis auf ein vergessenes Meisterwerk neugierig. | |
| F.W. gerät irgendwie in eine Gesellschaft,
mehr als 100.000 Jahre nach 1943-45, den Jahren, in denen Stern
der
Ungeborenen geschrieben wurde (erschien posthum 1946). Der
Titel geht auf das vorangestellte
Mottos
Diodors ( F.W. beschreibt die Errungenschaften der unter der Erde lebenden Menschheit und der "Dschungel" genannten Aussteiger auf der Erdoberfläche. Er gerät in ein futuristisches Hochzeitszeremoniell. Die hundertausend Jahre sind auch an der Erde nicht spurlos vorüber gegangen: "Berge sind eingeebnet, Meere sind ausgetrocknet, die Gravitation der Sonne scheint abgeschwächt" (S. 27). Das Lebensalter ohne Krankheiten wurde mehr als verdoppelt, der Tod ist ein Tabuwort, man geht – wenn's Zeit ist – in den Tod. Auch die Gier (Grundlage des Kapitalismus, der gelegentlich kritisiert wird) wurde den Menschen ausgetrieben. |
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| Franz Werfel hat sich einiges
Futuristische recht
clever ausgedacht, mit vielem lag er (so kann man in 2007 urteilen)
weit daneben. Das ist aber unwichtig, denn zu zeigen war (wenn ich es
richtig las), dass • trotz Überwindung von Krankheit, Krieg, Gier, Neid und Leid, der Mensch seine Freiheit bewahren muß • scheinbar allgemein vorteilhafte Erfindungen und Errungenschaften (astromentale Spracherkennung und Gedankenlesen) nicht immer dem Wohle auf lange Sicht dienlich sind. Deshalb kommt es auch am Ende zur Auseinandersetzung zwischen "Dschungel", den freiwillig rückständigen Aussteigern und der dominierenden Panopolis. |
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| Von allen Religionen hat nur der Katholizismus und das
Judentum überlebt (man fasst es kaum), doch für den
zum Katholiken konvertierten Juden Franz Werfel
(allerdings ließ er sich nie taufen) kurz vor seinem Tod
nicht
verwunderlich. Die katholische Kirche treibt auch noch munter Teufel
aus (11. Kap.). Neben Exorzismus hat sich anderer Glaube wie die
Astrologie
erhalten (S. 47-48). Über F.W. geht im 12. Kapitel eine Suada
der Fehlgeleiteten von Voltaire
(S. 261) bis Stefan George
(S. 263). Sehr oft schreibt F.W. von der Gäa, womit
wohl die Gaia ( Der Besucher F.W. wird zum Urteil über Gott angerufen. Gibt es ihn? F.W. antwortet elegant, korrekt und mit Seitenhieb in die Zukunft (vom Romanschreiber aus gesehen) auf Joseph Ratzinger
Das alles scheint mir für viele Lesende (die eingangs genannte Empfehlung; zahlreiche enthusiastische Lobe im Internet) ein kurzweiliges Opus Magnum des Autors. |
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| F. W. begegnet vielen neuen Menschen. Da bleibt trotz
700 Seiten
für den einzelnen wenig Raum. Ausser einer sonderbaren
Beziehung
zur Braut Lala und einer nebulösen zum Begleiter B.H.
bleibt
der Roman psychologisch stumm. Die Beziehungen zwischen den
Personen, wenn sie denn überhaupt entstehen, bleiben kalt. Die Ereignisse sind aneinandergereiht: der Besucher wird herumgereicht, klappert eine Stelle nach der anderen ab: der Autor will den Leser mit den Errungenschaften der fernen Menschheit bekannt machen. Die Themen werden angerissen; es sind zuviele und manche zu sehr zeitbezogen. Was an den Phantasmaorgien im Roman von F.W. wirklich erlebt wird, was er träumt oder halluziniert bleibt unklar; ist vielleicht auch egal, da der gesamte Roman merkwürdig unaufgehängt bleibt. Franz Werfel schrieb sich kurz vorm Tod allerhand von der Seele. Wieviel Zeitkritik in seinem utopischen Reiseroman stecken mögen andere beurteilen. |
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Wer
dem Reiseschriftsteller F.W. hier zustimmt:
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| Anmerkungen | |
| Der
erste
Satz ist keine Wucht aber originell "Dies hier ist ein erstes Kapitel, welches verhindern soll, daß vorliegendes Werkchen mit einem Zweiten Kapitel beginne", S. 11. Es erinnert an das Bonmot, dass in Deutschland die Autofahrer fast nur die linke Fahrbahn der Autobahn nutzen. Deshalb verzichtet man nun beim Bau von Autobahnen auf die rechte Fahrbahn und baut stattdessen ein zweite linke. |
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| Urslers
siebzehntes Paradox (S. 447) anscheinend vom Autor erfunden, siehe: Helen Adolf (1951): "The Essence and Origin of Tragedy". The Journal of Aesthetics and Art Criticism 10.2. S. 112-125. |
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| Vergleichsliteratur | |
| Dante Alighieri: Die Göttliche Komödie | |
| Stifter, Adalbert: Nachsommer | |
| Swift, Jonathan: Gullivers Reisen [Gulliver’s Travels] | |
| Hörspiel: Regie: Heinz-Dieter Köhler - WDR 1990, 286 Min. | |
| Links | |
| Rezensionen | |
| Literatur | |
| Andrea Bartl: "Literarische Sympaians: Musik in Franz Werfels „Stern der Ungeborenen“ und „Cella oder Die Überwinder“". In: Sympaian. Schriften der Internationalen Franz Werfel-Gesellschaft, Bd. 1 (1996), S. 181-204. | |
| Volker Hartmann: Religiösität als Intertextualität. Studium zum Problem der literarischen Typologie im Werk Franz Werfels. Tübingen: Narr, 1998. Diss. Universität Heidelberg | |
| Silvia Rode: Franz Werfels "Stern der
Ungeborenen": Die Utopie als fiktionaler Genrediskurs und
Ideengeschichte. Stuttgart, Akademischer Verlag,
2002. Gebunden, 194 Seiten |
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| Irena Zivsa: "Stern der Ungeborenen. Ein Reiseroman". In: KLL, 1986. S. 9003-9004. |
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| Franz
Werfel: Stern der Ungeborenen. Ein Reiseroman.
Frankfurt:
Fischer, 1992. Gebunden, 723
Seiten |
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