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Fromm
Christoph Fromm: Stalingrad. Die Einsamkeit vor dem Sterben
München: Primero, 2013. Gebunden, 502 Seiten – Christoph LinksChristoph Literatur
Ende September 1942 werden Überlebende des Afrikafeldzugs nach Stalingrad verlagert: Leutnant Hans von Wetzland, Obergefreiter Fritz Reiser, Unteroffizier Manfred Rohleder, genannt „Rollo”, und Oberleutnant Wulff, genannt „Lupo”, der allerdings schon im Rollstuhl sitzt. Rollo beschreibt die Stimmung: „lumpige Stadt, das machen wir in drei Tagen, und dann hauen wir uns auf die Krim. Da gibt's Tartarenmärchen ...” (S. 19). Einzig Hans von Wetzland passt nicht in die Landseridylle: er hat politische und humanitäre Bedenken. Hans wird zum Prototyp der sauberen Wehrmacht. Hauptmann Musk lobt ihn als Meisterschützen: „Er hatte sicher und schnell getötet. Seine Opfer hatten nicht gelitten.” (S. 50-51). Denn die deutsche Wehrmacht führt den Kampf tapfer und ehrenvoll, im Gegensatz zu den Russen (S. 44-45). Doch Wetzland erkennt bald, dass seine Ideale an der Front nichts gelten. Die Schlacht um Stalingrad macht aus allen Schlächter. So toben sich die Deutschen – getrieben vom Gröfaz und der eigenen Hybris – in die Agonie.
Manche Szenen erzählt der Autor grossartig, ob sie glaubwürdig sind (Fritz rebelliert gegen das Scheusal von Vorgesetzten Haller, S. 209), ist fraglich. Am plausibelsten sind die Episoden, in den der Irrsinn des Kriegs zutage tritt, so wenn Hans, Fritz, Rollo und Gross einen Weg freischaufeln, der sofort wieder zugeweht wird und den eh niemand benutzt (S. 230). Da kommt Stalingrad an Joseph Heller: Catch-22 heran. Gross war von einer Strafkompanie zu den Hauptpersonen gestoßen und wurde die überzeugendste Figur im Schlachtengetümmel. Grossartig gelang dem Autor auch das Erschießungskommando der Wehrmacht (S. 312ff).
Hier zum Vergleich ein Befund über diese Zeit von Wolfgang Benz (2003):
„Mit dem "Blitzkrieg" gegen Frankreich und der Besetzung großer Teile Westeuropas 1940 wuchs das Ansehen Hitlers noch einmal. Die Begeisterung erfaßte Soldaten und Zivilisten in gleicher Weise. Zustimmung fand auch noch der Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941 und hielt mindestens bis zur Niederlage in Stalingrad Anfang 1943 an. Die Mehrheit der Deutschen ließ sich von Hitlers Erfolgen blenden und glaubte allzulange daran, für eine gute Sache, für ein größeres und besseres Deutschland und gegen den Bolschewismus zu kämpfen. Viele hohe Militärs sahen, wie von Goebbels propagiert, den Überfall auf die Sowjetunion als berechtigten und notwendigen "Kreuzzug" gegen den Bolschewismus.”
Der Erzähler im Roman kann sich der Idee der sauberen Wehrmacht nicht ganz entziehen. Das Morden an der Front sieht er als harte und unerbittliche Auslese (S. 45). Manches gerät zu pathetisch und theatralisch. Doch ohne dem wäre aber das Gemetzel keinen Roman wert. Ob allerdings die Truppen in 1942 / 1943 so oft moralische Fragen zum Krieg diskutierten und die Führung liquidieren wollten (vor allem in der hier vorliegenden Häufung), bezweifle ich.
Ein Landser meinte über den Kampf um Stalingrad: „wir verteidigen hier unsere Heimat” (S. 254). Peter Struck, SPD, damaliger Verteidigungsminister, stellte am 4. Dezember 2002 fest: „Die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland wird auch am Hindukusch verteidigt.“ Wie sich die Bilder gleichen (Giacomo Puccini: Tosca).
Schachvergleich
„Wir müssen uns von den Panzern überrollen lassen”, erklärte er, als würde es sich um einen Zug beim Schachspiel handeln. „Anschließend machen wir sie von hinten fertig” (S. 269). Da täuschte sich Hauptmann Musk: diese Taktik funktioniert im Schach nur selten, in Stalingrad ebenfalls nicht.
Film
Der Roman wurde von Christoph Fromm nach dem Drehbuch für den Film geschrieben und für die Neuauflage "komplett überarbeitet".
Stalingrad, Film von 1993, Regie: Joseph Vilsmaier; Einzelheiten unter Stalingrad Christoph Links.
Die nahezu 500 Seiten bestehen aus Gefechtsbeschreibungen, Psychologie in der Truppenhierarchie und im Innenleben der Protagonisten. Das ist zeitweise ergreifend, wirkt mit der Zeit aber eintönig. Da hätte ein Perspektivenwechsel mit der Heimat (dreitägige Staatstrauer nach dem Fiasko in Stalingrad), dem Oberkommando, den Russen oder Allierten aufgelockert.
Kann ein Nachgeborener authentisch über Stalingrad schreiben? Man entscheide selbst, mir kam es oft aus heutigem Blickwinkel geschrieben vor. Ich war aber selbst auch nicht dabei Fromm.
Links
FrommChristoph Fromm (* 17. Juli 1958 in Stuttgart-Bad Cannstatt) , Drehbuchautor und Autor.
FrommStalingrad (Film)
FrommWolfgang Benz: „Der militärische Widerstand”. In: Deutscher Widerstand 1933-1945, Bundeszentrale für politische Bildung, 30.4.2003
FrommSicht des einfachen Soldaten. Der Ludwigsburger Christoph Fromm legt den Roman "Stalingrad" neu auf, Ludwisgburg, 30.1.2013
Fromm Christoph Fromm: Die Macht des Geldes
Vergleichsliteratur
Fromm Joseph Heller: Catch-22
Fromm Heinz Küpper: Simplicius 45
Literatur
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Fromm FrommChristoph Fromm: Stalingrad. Die Einsamkeit vor dem Sterben. München: Primero, 2013. Gebunden, 502 Seiten
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