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Emily Dickinson: They shut me up in Prose— Franklin 445, Johnson 613 – aus dem Jahr 1862 – |
| They
shut me up
in Prose – As when a little Girl They put me in the Closet – Because they liked me »still« – Still! Could themself have peeped – And seen my Brain – go round – They might as wise have lodged a Bird For Treason – in the Pound – Himself has but to will And easy as a Star Look down opon Captivity – And laugh – No more have I – |
| An diesem Gedicht – für Dickinson
nicht ungewöhnlich – feilte die Dichterin ausgiebig,
siehe dazu den Text mit Varianten ( |
| Es werden zwei Lebenssituationen verglichen. Als Kind wurde das Ich (wohl die Dichterin selbst) mit Einsperren bestraft, in der Erzählsituation mit Wegsperren oder Beschränkung auf Prosa. Doch wie damals als Kind triumphiert auch jetzt der Geist über den eingelochten Körper. Wie der Vogel sich über den Pferch erhebt und lachend darauf niederschaut, so auch die Dichterin. |
| Allerdings ist die jetzige Situation nicht so
eindeutig. Die erste Zeile ist zweimalig mehrdeutig. Das "shut up"
bedeutet das Wegsperren läßt aber auch an "Shut up!"
"Halt den Mund!" denken, vor allem weil zweimal "still" folgt. Das
"Prose" kann man wörtlich im Gegensatz zur Posie sehen (das
ist natürlich und wird bestärkt durch das
bei Dickinson chronologisch nachfolgende Gedicht "This was a poet").
Man kann es aber
– dazu neige ich – als Gegensatz zu
anderen Tätigkeiten einer Dame im Neu-England aus gutem Hause
(denen Emily Dickinson so gar nicht entsprach) sehen. Eine Frau durfte
man
damals sehen aber nicht hören. Auch die zweite Zeile ist doppelt auffassbar. Das "as when" kann rein zeitlich gesehen, also etwa: "so wie früher als kleines Mädchen" (Gunhild Kübler übersetzt: "Wie ehedem"). Es kann aber auch die jetzige Behandlung als kindmässig meinen, also "als ob ich ein Kind wäre". |
| Gerade in der abgeschlossenen Stille kann das Hirn
arbeiten und rotieren. Daher das verächtliche
"Still!" der zweiten Strophe, das wohl ein "Still?!" ist. Jetzt bringt
Emily einen Vergleich mit dem Vogel, der bei ihr oft für den
Poeten steht. Nur so ist "Treason" überhaupt
verständlich: ein Vogel kann kaum einen Verrat begehen.
Die weibliche Poetin begeht einen Verrat, weil sie die
Konventionen verletzt und Verhaltensmuster überschreitet. Jedenfalls kann man dem körperlichen Gefängnis – so man nur will – durch die eigene Gedankenwelt (die virtuelle Welt) entkommen. So gesehen ist für das Ich das Abgeschlossensein im Verschlag die Freiheit, die sie braucht, um ihren Gedanken nachhhängen zu können und um ihre Gedichte zu schreiben. Da ihre Gedichte – abgesehen von wenigen Ausnahmen – zu Lebzeiten nicht publiziert wurden, behielt sie sich die Freiheit vom Literaturbetrieb vor. |
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In der dritten Strophe steigert Dickinson den Vergleich gar zum Stern,
der ja weit über dem Vogel ist und völlig
losgelöst von der Erde seine Bahn zieht. Zweideutig ist auch wieder die abschliessende Bemerkung: "No more have I –". Es könnte sein: nichtsweniger tat ich; genau wie der Vogel und der Stern macht sie es auch. Es könnte aber auch einschränkend gemeint sein: mehr kann das Ich auch nicht, oder das Ich kann nicht mehr (zeitlich). Doch ich lese es ermutigend mit: "Genauso ich". (Gunhild Kübler übersetzt: "das tu auch ich"). |
| Obwohl es klar sein sollte, noch eine Bemerkung zum einleitenden "They". Es ist sowohl die Familie (insbesondere Emilys Vater), als auch im übertragenen Sinn die Gesellschaft in Neu-England und überhaupt gemeint. |
| "They shut me up in Prose –" bedeutet für mich die Möglichkeit sich über die Kleingeister und Beschränker zu erheben. Selbst wenn sie die Macht haben einen körperlich einzuschränken oder gar einzulochen, kann der willige Geist dem mit einem höhnischen Lachen entfleuchen. |
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