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Winternacht
Gottfried Keller: "Winternacht"
19. Juli 1819 Zürich – 15. Juli 1890 Zürich – Gottfried Keller InterpretationGottfried Keller LinksGottfried Keller Literatur
Nicht ein Flügelschlag ging durch die Welt,
Still und blendend lag der weiße Schnee.
Nicht ein Wölklein hing am Sternenzelt,
Keine Welle schlug im starren See.

Aus der Tiefe stieg der Seebaum auf,
Bis sein Wipfel in dem Eis gefror;
An den Ästen klomm die Nix herauf,
Schaute durch das grüne Eis empor.

Auf dem dünnen Glase stand ich da,
Das die schwarze Tiefe von mir schied;
Dicht ich unter meinen Füßen sah
Ihre weiße Schönheit Glied um Glied.

Mit ersticktem Jammer tastet' sie
An der harten Decke her und hin –
Ich vergeß das dunkle Antlitz nie,
Immer, immer liegt es mir im Sinn!
“Winternacht” entstand etwa 1846-47, also noch bevor Gottfried Keller 1948 in Heidelberg den Philosophen Ludwig Feuerbach kennenlernte. Diese Begegnung gab Kellers Leben und Werk eine neue Richtung, siehe dazu das Programmgedicht "Ich hab in kalten Wintertagen" (Gottfried Keller Interpretation durch Joachim Kahl).
Erstdruck der “Winternacht” in: Lyrische Blätter 1, 1847, zusammen mit “Frühlingsnacht”, “Sommernacht” und “Herbstnacht” unter dem übergreifenden Titel "Nachtgesänge".
Von Gottfried Keller gibt es zahlreiche verwandte Gedichte, beispielsweise “Ich hab' in kalten Wintertagen”, “Meergedanken”, “Winterabend”, “Winterspiel”. Die Thematik dieser Gedichte ist keine Naturidylle sondern oft der Tod.
Imposant steigt Keller ins Gedicht ein. Er umfasst sofort die ganze Welt, ja mit dem Sternenzelt das gesamte Universum. Es wird viermal negativ beschrieben: "nicht", "still" (kein Laut), "keine". Der Blick geht hin und her: Vogelhöhe, Welt, Bodenoberfläche, Wolken, Kosmos, Seeoberfläche.
In der zweiten Strophe kommt Bewegung, allerdings nur in der Unterwelt des Sees dazu. An der Seeoberfläche erstarrt die Bewegung. Unentschieden ist für mich, ob der See schon gefroren war. Dagegen spricht: "keine Welle im starren See" würde man bei einem gefroren See kaum sagen, sondern sofort auf die gefrorene Fläche verweisen; wenn der See schon gefroren ist, wäre fraglich, ob ein Baum noch aus der Tiefe aufsteigt: es gäbe keinen Sog. Die Welt im See ist ein anderer Kosmos. Gewöhnlich gibt es weder Seebaum noch Nixen.
Während bisher alles eine gespenstische, dunkle Naturschilderung war, tritt jetzt der Ich-Erzähler auf. Er steht auf dem Eis und schaut nach unten. Er beobachtet die Nixe, die verzeifelt nach oben will. Das ist ungewöhnlich: eine Nixe fühlt sich im Wasser wohl, ist dort zuhause. Die verlockende Nymphe in der Unterwelt des Wassers ist ein häufiges literarisches Motiv, bei Keller auch im Gedicht "Walpurgis". Die Nixe ist anscheinend mit ihrem Schicksal in der Unterwelt unzufrieden, es zieht sie nach oben. Zunächst dachte ich, die Nixe agiert in der Gegenwart (alles Bisherige war in der Vergangenheitsform). Doch Keller deutete durch den Apostrophen nach "tastet" auch hier die Vergangenheit an.
Wir wissen nicht, was mit der Nixe und dem Erzähler geschah. Wahrscheinlich löste sich das Erlebnis auf. Nur das Bild der jammernden Nixe, der der Ich-Erzähler nicht helfen kann, blieb haften: Immer, immer liegt es mir im Sinn!
Auffallend sind die Farbwörter und die Kontraste. Die Nixe ist einerseits weiß, kommt aus der schwarzen Tiefe und hat andrerseits ein dunkles Antlitz: eine furchteinflößende gespenstische Erscheinung. Der Sprecher steht auf dünnem Glas - es müßte also leicht zu durchbrechen sein - doch die Nixe stößt auf eine harte unüberwindliche Decke.
Außer der Überschrift verweist nur ein Wort (Sternenzelt) auf die Nacht. Trotzdem entsteht vor dem Leser der Eindruck einer dunklen Nacht.
In der ersten und letzten Strophe sind die Reime gleichvokalig; dies verstärkt die Reglosigkeit und das langandauernde Erinnern. In der zweiten und dritten Strophe wechseln die Reimfarben: sie werden dadurch bewegter.
In der "Winternacht" gelingt Keller eine Synthese von Natur- und Gedankenlyrik.
Ergänzungen aus anderen Interpretationen
"Das Gedicht »Winternacht« bekräftig nicht nur, daß auch in Kellers Lyrik die Welt immer wieder in der Mitte geteilt ist; es äußert darüber hinaus, wie die Teile in der Trennung augeinander verweisen." – "Der Seebaum unterm Eis bedeutet, daß unten ein Land ist wie oben ...". Die Nix unter Wasser zieht es zum Ich überm Eis, das doch unerreichbar bleibt.
Kaiser, Gerhard. Gottfried Keller. Das gedichtete Leben. Frankfurt a.M.: Insel, 1981. S. 598-99.
Der rätselhafte Seebaum ist nach dem Grimmschen Wörterbuch ein Schlagbaum, der die Einfahrt in den hafen sperrt. Man kann in der Nixe das schöpferische Unbewußte sehen, das den Künstler bedrängt. Es entsteht ein Bild von zwei Welten, die beim Schaffen (des Dichters) zusammenwirken. Doch Hermann Burger ist das zu glatt. Sein Dichter findet Trost im Firmament über ihm und im dunklen Antlitz unter ihm.
Burger, Hermann. In: Frankfurter Anthologie Bd.9, 1985. S. 91-95.
Nixen [althochdeutsch niccus, ursprünglich »badendes (im Wasser lebendes) Wesen«], Wassergeister, denen Tier-, Pflanzen- oder Menschengestalt beiderlei Geschlechts als Erscheinungsform zugedacht werden. (c) Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG, 1999
Gottfried Keller Anfang
Wasserfrauen tauchen in Märchen, Legenden, Gedichten und Opern als Sirene, Lorelei, Nixe, Nymphe oder Undine auf. Auswahl:
Hans Christian Andersen: “Die kleine Seejungfrau”
Apollonios von Rhodos: “Argonautenepos” 12, 1222 – 1239
Ingeborg Bachmann: “Undine geht”
Wolf Biermann: “Ballade von Leipzig nach Köln”
Bertolt Brecht: “Odysseus und die Sirenen”
Bertolt Brecht: “Vom ertrunkenen Mädchen”
Hedwig Courths-Mahler: “Die schöne Melusine”
Antonin Dvorak: “Rusalka”
Johann Wolfgang von Goethe: “Der Fischer”
Johann Wolfgang von Goethe: “Die neue Melusine”. Erzählung aus Wilhelm Meisters Wanderjahre
Heinrich Heine: “Die Lorelei”
E.T.A. Hoffmann: “Undine. Romantische Zauberoper”
Homer: Odyssee 12, 36 – 58
Hans von Kahlenberg: “Der Fischschwanz”
Franz Kafka: “Das Schweigen der Sirenen”
Karl Krolow: “Undine”
Albert Lortzing: “Undine”
Aribert Reimann: “Melusine”
Rainer Maria Rilke: “Insel der Sirenen”
Kurt Schwitters: “Die Nixe”
Giuseppe Tomasi di Lampedusa: “La sirena” (Die Sirene)
Thüring von Ringoltingen: “Melusine”, aus 1456 !
Dieter Wellershoff: “Die Sirene”
Gottfried Keller Anfang
Interpretation
Burger, Hermann. In: Frankfurter Anthologie Bd.9, 1985. S. 91-95.
Kaiser, Gerhard. Geschichte der deutschen Lyrik von Heine bis zur Gegenwart. Ein Grundriß in Interpretationen. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1991. S. 33-40.
Kaiser, Gerhard. Gottfried Keller. Das gedichtete Leben. Frankfurt a.M.: Insel, 1981. Neuauflage 1987. 727 Seiten.
Weber, Werner. In: Frankfurter Anthologie Bd.16, 1993. S. 85-88.
Würffel, Stefan B. Ophelia. Figur und Entfremdung. Francke, 1985. S. 33-40.
Links
Gottfried Keller Gottfried Keller, Autorenseite; dort auch weitere Links zum Autor
Gottfried KellerVertonungen von "Winternacht"
Gottfried KellerWinternacht, online bei Gutenberg
Gottfried KellerDr. Dr. Joachim Kahl (Marburg): "Freude am Leben – Einverständnis mit dem Tod. Philosophische Meditation zu Gottfried Kellers Gedicht »Ich hab in kalten Wintertagen« (1849)"; veröffentlicht in: Aufklärung und Kritik, 2/2003. S. 238-241
Gottfried Keller Zitate
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Gottfried Keller   Gottfried KellerGottfried Keller. Gedichte in einem Band. Frankfurt am Main: Insel, 1998. Gebunden, 649 Seiten Gottfried Keller
Gottfried Keller. Die Leute von Seldwyla - Gesammelte Gedichte. Helmuth Nürnberger, Hg. Artemis & Winkler. Gebunden. 1072 SeitenGottfried Keller
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 11.11.2003