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Gottfried August Bürger
Gottfried August Bürger: “Des Pfarrers Tochter von Taubenhain”
31.12. 1747 Molmerswende (Landkreis Mansfelder Land) – 8.6. 1794 Göttingen
Gottfried August Bürger Einordnung und WertungGottfried August Bürger EntstehungGottfried August Bürger InterpretationenGottfried August Bürger Links, u.a. zum BalladentextGottfried August Bürger Literatur
bürger Mit der “Lenore” (1773) gehört “Des Pfarrers Tochter von Taubenhain” (vor 1782 entstanden) zu Gottfried August Bürgers bekanntesten Balladen. Der darin verarbeitete Stoff: ein Adeliger verführt ein Mädchen aus niedrigem Stand, ist ein beliebtes Motiv in der Weltliteratur. Spontan fällt mir die Agnes Bernauer (u. a. das Trauerspiel »Agnes Bernauer« von Friedrich Hebbel, 1852) und Leo Tolstoi: Auferstehung, 1899, ein.
Die Ballade “Des Pfarrers Tochter von Taubenhain” ist regelmäßig aufgebaut: 38 Strophen zu je fünf Zeilen. Nach je einer Auftaktzeile folgen vier Zeilen nach dem Reimschema ABBA. So gewinnt die Ballade an epischer Breite, was ihr an Raffinesse mangelt. Nicht die Form überrascht, sondern der dichte, oft harte Inhalt.
Zusammenfassung: Ein adeliger Junker verführt die unschuldige Pfarrerstochter; sie wird schwanger und vom Vater verstoßen. Sie wendet sich verzweifelt an den Geliebten, erfährt Hohn und verfällt dem Wahnsinn. Schließlich tötet sie ihren neugeborenen Knaben und muß dafür am Grab am Moor geistern.
Der moderne Leser wird bei der ersten Strophe kurz stutzen. Doch gemach — es ist keine freizügige Anspielung auf “Je t'aime” des 18. Jahrhunderts. Die beiden einleitenden Strophen und die drei abschließenden bilden den mythischen Rahmen, auf den ich noch eingehen werde.
Erst mit “Des Pfarrers Tochter von Taubenhain” (Z. 11) setzt die eigentliche Handlung ein. Rosette ist allseits begehrt, doch ihr Blick geht zum Schloß Falkenstein. Der Leser ahnt das Unheil, sofern er die Zeilen 17-20 aufmerksam liest.
Dort jenseits des Baches von Hügel,
Blinkt stattlich ein Schloß auf das Dörfchen im Tal,
Die Mauern wie Silber, die Dächer wie Stahl,
Die Fenster wie brennende Spiegel.
Bürger benutzt ungewöhnlich aufrüttelnde Vergleiche. Das Silber steht für den Reichtum, der Stahl für die Wehrhaftigkeit und Autorität der Schloßbewohner. Die Fenster zeigen die Unnahbarkeit, indem sie wie Spiegel das Licht ins Tal reflektieren; wer sich ihnen nähert, droht zu verbrennen.
Der Junker wirbt mit allen Tricks um Rosette. Er macht ihr Hoffnungen mit »Rosettchen, dir ist wohl was bessers beschert» (Z. 33). Im Weizenfeld will er um Mitternacht mit zwiefachen Signalen; Wachtelgesang und Nachtigallflöten, die Maid erobern. Als Rosette sich ziert, verspricht der Junker »Lieb Mädel, es soll dich nicht reuen!« (Z. 65). Diese lebhaften Verführungsszenen enden mit den grausigen Worten »zu Tode vergiftet« (Z. 70).
Jetzt geht Bürger von der Detailaufnahme in den Zeitraffer über. In flotten Zeitsprüngen erzählt er die Schwangerschaft. Dies gipfelt in den brutalen Schlägen des Vaters (Pfarrer!) in der 19. Strophe. In die Verstoßungsszene ballt der Dichter die schlimmsten Umstände hinein: finsterste (Superlativ!) Nacht, eisiger Regen (der später in Schnee übergeht), eisige Winden (Plural!), dornige Felsen, denen Rosette nicht ausweichen kann, die Hochschwangere muß sie erklimmen.
Die bekannte Reaktion des Junkers (Albrecht III. ist bei Agnes Bernauer die Ausnahme): Vertröstung, Mißverständnisse und ein unseriöses Angebot. Rosette soll die Mätresse des Junkers werden und darf dafür seinen Jäger heiraten. Dazu will der Junker noch Geld springen lassen, damit es ihr nicht reuen soll und damit »wir's ferner noch treiben« (Z. 130). Rosette reagiert, wie es sich für eine Pfarrerstochter geziemt: sie weist das unmoralische Angebot brüsk zurück und spricht mehrere fürchterliche Flüche aus: »Daß Gott dich! du schändlicher, bübischer Mann! - Daß Gott dich zur Hölle verdamme!« (Z. 131-132); »So müsse dereinst dein niedrigster Knecht / Das adlige Bette dir schänden!« (Z. 139-140); »Dann, Teufel, dann fahre zu Teufeln!« (Z. 145).
Ihr Vertrauen darauf, daß der gerechte Gott richten wird (Z. 138) soll sich im Laufe der Ballade freilich nicht rechtfertigen. Im Gegenteil: alles Leid fällt auf Rosette zurück.
Zunächst verwirren sich ihre Sinne und sie will Selbstmord begehen (Z. 155). Doch bevor sie den Plan ausführen kann, bringt die in der heimischen Laube, ganz erbärmlich im Schnee, einen Knaben zur Welt. In ihrem Wahn tötet sie das Kind. Im Schilf begräbt sie es, am Platz, der schon eingangs genannt wurde (Z. 8-10). Dieses Thema wird zum Abschluß der Ballade wieder aufgenommen.
Wie Rosette stirbt erfahren wir nicht. Ihre Ankündigung »Mich hacken die Raben vom Rade!« (Z. 175) ist mysteriös [Gottfried August Bürger *]. Sie bezieht sich wohl auf den Stein vom Rade, der in den Zeilen 182 und 187 nochmals erwähnt wird. Ebenso wenig erfahren wir, ob sich einer der Flüche am Junker erfüllt oder ob es dieser mit anderen Mädchen weiter treibt. Allerdings gibt Bürger einen kleinen Hinweis. In Zeile 5 flattern Falke (Schloß Falkenstein) und Taube (Taubenhain) gegeneinander im Garten am Unkenteich. Der Geist der Kindsmörderin muß jedenfalls als bleiches Schattengesicht ständig versuchen das Flämmchen am Grab des eigenen Kindes zu löschen. Doch er kann es nicht und "wimmert am Unkengestade".
[*] Ein Email-Hinweis klärt:
Zu jener Zeit wurden solche "Täterinnen" an ein Rad gebunden und gefoltert. Gottfried August Bürger zurück
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Einordnung und Wertung
“Des Pfarrers Tochter von Taubenhain” ist eine soziale Ballade. Sie schildert die Ferne zwischen den sozialen Schichten und thematisiert die uneheliche Schwangerschaft. Das Motiv der Kindsmörderin ist im Sturm und Drang gängig.
Es ist auch eine magische Ballade, in der die Toten aufgrund einer Schuld im irdischen Leben nicht zur Ruhe kommen. Das Moor und die Irrlichter darin wurde oft mit dem Tod verbunden, siehe Eduard Möricke: "Die Geister am Mummelsee", Friedrich Hölderlin: "Tod des Empedokles". Das Flämmchen ist die rastlose Seele des Kindes. Sie findet keine Ruhe im Morast, wo die Unken rufen und die Mutter wimmert.
Für die moralische und juristische wertung sind die Zusagen des Junkers entscheidend. Er hat ihr die Heirat nicht versprochen, aber doch starke Andeutungen gemacht, die dem Mädchen Zuversicht gaben. Peter von Matt thematisert dies in seinem Interpretationswerk Liebesverrat (Peter von Matt Literatur).
Entstehung
1781 begann der Prozess gegen Catharina Erdmann; andere Quellen nennen Elisabeth Erdmann. G. A. Bürger mußte als Amtmann am 6. Januar 1781 die zwanzigjährige Magd vernehmen, die ihr Neugeborenes ermordet hatte (siehe unter Links: Bürger "G. A. Bürger, Verhör einer Kindsmörderin"). Dieses Verhör hat Bürger zur Ballade “Des Pfarrers Tochter von Taubenhain” bewegt. Die Entscheidung über das weitere Schicksal der Kindsmörderin lag bei Göttinger Juristen.
Trotz der Länge ist Bürger ein beeindruckender Sittenroman gelungen. Allen sittsamen Bürgerinnen, die den Göttinger Musenalamanach von 1782 (Erstdruck der Ballade) lasen, wurde vorgeführt, daß man auf Liebesbeteuerungen über dem eigenen Stand wohl besser nicht hereinfällt. Madame Bovary kannt Bürgers Ballade offensichtlich nicht (Gustave Flaubert Madame Bovary Gustave Flaubert: Madame Bovary). Bürgers Ziel Bildungs- und Volksdichtung, Kunst- und Naturpoesie zu vereinigen, ist ihm hier gut gelungen.
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Interpretationen
Walter Hinck: Die deutsche Ballade von Bürger bis Brecht. Göttingen, 1978.
Hartmut Laufhütte: "Vom Gebrauch des Schaurigen als Provokation zur Erkenntnis. Gottfried August Bürger: »Des Pfarrers Tochter von Taubenhain«", in: Karl Richter, Hg.: Gedichte und Interpretationen. Band 2. Aufklärung und Sturm und Drang. Stuttgart, 1983. S. 393-410.
Zur Thematik
Frenzel, Elisabeth: "Liebesbeziehung, Die heimliche", in dies.: Motive der Weltliteratur. Ein Lexikon dichtungsgeschichtlicher Längsschnitte. S. 451-65.
Frenzel, Elisabeth: "Liebeskonflikt, Der herkunftsbedingte", in dies.: Motive der Weltliteratur. Ein Lexikon dichtungsgeschichtlicher Längsschnitte. Stuttgart: Kröner, 1992. 4., überarb. u. erg. Aufl. S. 465-83.
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Links
Voller Text der Ballade bei Freiburger Anthologie GedichteFreiburger Anthologie - Gedichte und bei GutenbergGutenberg.
BürgerHelmut Schulze: Gottfried August Bürger
Reinhard LindenhahnReinhard Lindenhahn: "G. A. Bürger, Verhör einer Kindsmörderin"
Gottfried August Bürger Gottfried August Bürger: “Mittel gegen den Hochmut der Großen”
G. A. Bürger nahm lakonische Erklärungen von armstrong Louis Armstrong zum Jazz und waller Fats Waller zum Swing in seinem Gedicht Bürger"Die Aspiranten und der Dichter" (nicht ganz so lakonisch) voraus.
Vergleiche Gottfried August Bürger Ludwig Christoph Heinrich Hölty “Die Nonne”
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Gedichte   GedichteKarl Richter, Hg.: Gedichte und Interpretationen. Band 2. Aufklärung und Sturm und Drang. Stuttgart, Reclam 1983. Broschiert, 464 Seiten Walter Hinck
Walter Hinck: Die deutsche Ballade von Bürger bis Brecht. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1978. Broschiert, 152 Seiten Walter Hinck
Peter von Matt Gottfried August BürgerPeter von Matt: Liebesverrat. München: DTV, 2001. Broschiert, 446 Seiten Peter von Matt
Peter von Matt. Liebesverrat. München: Hanser, 2002. Sondereinband, 439 Seiten Gottfried August Bürger
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