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Friedrich Schiller
Friedrich Schiller: "Das verschleierte Bild zu Sais"
Entstehungsjahr: 1795 – Text onlineInterpretationSekundärliteratur
Interpretation:
Das Gedicht, oder genauer, die Ballade "Das verschleierte Bild zu Sais" wurde 1795 veröffentlicht.
Vermutlich ein griechischer Jüngling ist zu seiner "Italienreise" in Ägypten, in Sais. Er ist ein ungeduldig strebender Forscher nach der Wahrheit. Von ihr will er alles wissen. Deshalb ist erstaunt, daß hinter einem verschleierten Bild die Wahrheit verborgen ist und noch niemand diesen Schleier gelüftet hat. Der Hierophant erklärt, daß ihn ein Gesetz davon abhält (Z. 38). Die hinter dem Schleier sich verbergende Gottheit verheißt ihm zwar die Wahrheit, doch warnt ich auch: "Kein Sterblicher rückt diesen Schleier, bis ich selbst ihn hebe" (Z. 28-29). Sie kündigt auch die seltsame Strafe für "Zuwiderhandlung" an: "der sieht die Wahrheit" (Z 32). Doch der Jüngling schleicht sich nachts ein, lüftet den Schleier, sagt aber nichts über seine Erkenntnis. dafür war "seines Lebens Heiterkeit dahin" (Z. 81) und er sinkt in ein frühes Grab (Z. 82). Ganz am Ende gibt er doch etwas preis, oder vielmehr eine Warnung weiter:
»Weh dem, der zu der Wahrheit geht durch Schuld,
Sie wird ihm nimmermehr erfreulich sein.«
Ähnlich wie beim Sündenfall im Alten Testament macht die Gottheit ein verlockendes Angebot, versieht es aber gleichzeitig mit schwerster Strafe. Weshalb führt eine Gottheit den Menschen in diese verzweifelte Lage? Wieso ist der mächtige menschliche Erkenntnistrieb mit einem Tabu belegt? Bei Schiller wird es am Ende eingeschränkt (doch angekündigt: "wer mit ungeweihter, schuld'ger Hand", Z. 30) auf Wahrheitssuche durch Schuld. Die Schuld entsteht aber erst durch das Verbot der Gottheit. Im AT trägt die Schlange zumindest eine große Mitschuld.
Schiller verknüpft griechische, ägyptische und biblische Motive.
Der kecken Neugier des Griechen steht die Bewahrung des göttlichen Geheimnis in Ägypten entgegen. Die Frage: darf der Menschen alles erforschen, vor allem: um welchen Preis? ist heute aktueller als zu Schillers Zeiten. Die Gottheit bedeutet dem Griechen: es gibt eine Grenze, ein Tabu, das nicht überschritten werden darf.
Am Vorabend oder in der Morgenröte der modernen Naturwissenschaft warnt die Ballade vor einer rücksichtslosen und übereilten Aufdeckung der Naturgeheimnisse, bevor der Mensch die nötige Reife erworben hat, von seinen Erkenntnissen einen verantwortlichen, die Folgen abschätzenden Gebrauch zu machen. Schiller will nicht die Suche nach Wahrheit inkriminieren, sondern die unbedachte Neugier und die zwanghafte, über alle moralischen Hemmungen sich hinwegsetzende praktische Umsetzung des technisch Möglichen. Wie sehr hat die Geschichte Schiller recht gegeben. (Assmann 49-50)
Im zugehörigen Essay Schillers "Die Sendung Moses" aus 1790 stehen drei Sätze der ägyptischen Gottheit, die Beethoven abgeschrieben hat, unter Glas hat rahmen lassen und auf seinen Schreibtisch stellte.
Ich bin, was da ist
Ich bin alles, was ist, was war, und was seyu wird, kein sterblicher Mensch hat meinen Schleyer aufgehoben
Er ist einzig von ihm selbst u. diesem Einzigen sind alle Dinge ihr Daseyn schuldig
Man kann das Gedicht auch als Verteidigung des (ägyptischen) Monotheismus gegen den (griechischen) Polytheismus lesen (Assmann S. 20).
Ob der Jüngling beim Lüften des Schleiers seinen Tod sah, "die unverschleierte Wahrheit der condition humana" (Assmann S. 54) bezweifle ich. Er selbst stirbt einen frühen Tod, doch daß er ihn sah, lese ich aus Schillers Zeilen nicht heraus.
Aufbau
Exposition (I)
Wendepunkt (IV)
Verzögerung (V-VI)
Katastrophe (VII)
Die sieben ungleich langen Strophen sind ungereimt, aber durch zahlreiche Sprachmittel (Alliterationen, Gleichklänge, Wortwiederholung, Gegensätze) zusammengefügt.
Ursprung und mögliche Quellen
Plutarch: De Iside et Osiride, 5. Kapitel
Pausanias
Johann Baptist Alxinger (Gedicht) 1788
Abbé Jean Terrasson: Séthos, (Roman) 1731, übersetzt von Matthias Claudius
schiller Anfang
Erwähnung des Gedichts in sais Richard Voß: Zwei Menschen; Kant schrieb in einer Anmerkung zur Kritik der Urteilskraft, § 49. Von den Vermögen des Gemüths, welche das Genie ausmachen (1790):
Vielleicht ist nie etwas Erhabeneres gesagt, oder ein Gedanke erhabener ausgedrückt worden, als in jener Aufschrift über dem Tempel der Isis (der Mutter Natur): »Ich bin alles, was da ist, was da war, und was da sein wird, und meinen Schleier hat kein Sterblicher aufgedeckt.«
"Alles, was durch einen Schleier hindurch erscheint,
zeigt die Wahrheit größer und erhabener"

Titus Flavius Clemens von Alexandrien
um die Mitte des 2. Jahrhunderts vielleicht in Athen – vor 215, Leiter der alexandrinischen Katechetenschule
Zitiert nach: Jan Assmann: Das verschleierte Bild zu Sais. S. 9
"Hinter dem Schleier der Isis lauscht der Tod"
Ludwig Börne, eigentlich Löb Baruch,
6.5.1786 Frankfurt am Main – 12.2.1837 Paris - Schriftsteller und Theaterkritiker
Zitiert nach: Jan Assmann: Das verschleierte Bild zu Sais. S. 9
Erklärungen
Sais
altägyptische Stadt im Nildelta, beim heutigen Dorf Sa el-Hagar, spielte um 664–525 v.Chr. als Residenz eine bedeutende Rolle; geringe Baureste.
Hierophant
Oberpriester und Lehrer der heiligen Bräuche.
Isis
ägyptische Göttin, die in der ganzen "bekannten" Welt verehrt wurde, von den Griechen auch als "Io" bezeichnet.
Text online bei SaisProjekt GutenbergSaisFreiburger Anthologie - Gedichte
Literatur
Assmann, Jan: Das verschleierte Bild zu Sais. Schillers Ballade und ihre griechischen und ägyptischen Hintergründe. Stuttgart: Teubner, 1999
Hager, Herbert: "Das verschleierte Bild zu Sais", in: Wege zum Gedicht. II Interpretationen von Balladen. Rupert Hirschenauer, Albrecht Weber, Hg. München: Schnell & Steiner, 1963. S. 190-202
Harrauer, Christine: "»Ich bin, was da ist ...«. Die Göttin Sais und ihre Deutung von Plutarch bis in die Goethezeit". Sphairos. Wiener Studien. Zeitschrift für Klasische Philologie und Patristik 107/108. Wien, 1994/95. S. 337-355
Klatt, Norbert: "... des Wissens heißer Durst". Jahrbuch der deutschen Schillergesellschaft 29, 1985. S. 98-112
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 28.8.2004