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Hölty Nonne
Ludwig Christoph Heinrich Hölty “Die Nonne” Ballade
21.12. 1748 Mariensee (heute zu Neustadt am Rübenberge) – 1.9. 1776 Hannover
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Die nachfolgenden Ausführungen beziehen sich, wenn nicht anders vermerkt, auf die spätere Fassung der Ballade “Die Nonne” (frühe Fassung 1773, spätere Fassung vor 1775; Z. = Zeile). Sie beginnt mit "Es liebt' in Welschland irgendwo" und entwickelt in elf Strophen eine grausige Soapopera des 18. Jahrhunderts.
Ein Ritter schwört der jungen Nonne Belinde ewige Liebe und Treue und daß er sie aus dem Kerker des Klosters befreit. In wörtlicher Rede werden in der zweiten Strophe seine Liebesschwüre ausgemalt. Geschickt beruft er sich auf die religiösen Kapazitäten Jesus und deren Mutter Maria. Er wirft für seine Liebe gar seine Seele auf die Waagschale (Z. 15). Die Gottesbraut gibt nach und wird des "Frevlers Beute" (Z. 24). Was alles genau geschieht wird im 18. Jahrhundert noch nicht geschildert. Allerdings wird indirekt preisgegeben, daß es zu mehr als Küssen kam: "Und jeder andern Wonne" (Z. 40); in dem ein Jahr vorher entstanden Gedicht "Adelstan und Röschen" (es wird eine Schäferin verführt) deutet Hölty ähnlich nur an:
Zuerst bekam er einen Kuß,
Zuletzt noch etwas mehr.
"Adelstan und Röschen", siehe hölty Links
Hier in “Die Nonne” werden nicht einmal die Folgen genannt. In ähnlichen Balladen wird die Verführte meist schwanger und verstoßen, so beispielsweise in Gottfried August Bürger: “Des Pfarrers Tochter von Taubenhain”.
Hölty hat anderes vor. Zuerst will der Ritter, kaum hat er seine "Beute" erobert, von den Schwüren nichts mehr wissen. Im Gegenteil, er wendet sich ganzen Reihen von anderen Weibern zu. er krönt seine Infamie dadurch, daß er sich bei den neuen Eroberungen mit seiner Nonnenaffäre brüstet. Man könnte die letzten vier Zeilen der 5. Strophe auch so lesen: der Ritter trifft sich noch mit der Nonne und rühmt sich bei ihr seiner neuen Geliebten; aber diese Lesevariante halte ich nicht für zutreffend.
Jedenfalls macht Belinde aus ihrem Herzen keine Mördergrube sondern dingt sich "eine Schar von wilden Meuchelmördern" (Z. 45-46). Der Auftrag wird in einem fürchterlichen Gemetzel erledigt; ein Horrorfilm ist dagegen Kinkerlitzchen.
Doch damit läßt es Belinde nicht bewenden. Sie fliegt nächtens zur Gruft bei der Dorfkapelle und malätriert das Herz des Ritters. Das wird nun in vier Strophen ausführlich geschildert. Die Schändung des Ritterherzens beginnt jede Nacht um Zwölf bis zum Hahnenschrei (Z. 67). In den letzten beiden Zeilen wird zur Authentizität des furchtbaren Geschehens der Nachtwächter des Dorfes als Zeuge genannt.
hölty Anfang
“Die Nonne” entstand 1772-73 und erschien im Musenalamanach 1775.
Der Ballade liegt wohl die Sammlung Reliques of Ancient Poetry (Sammlung altenglischer Volksballaden und -lieder, Verserzählungen und Gedichten ab 15. Jh.) zugrunde. Sie wurde 1765 von Thomas Percy (13.4.1729 Bridgenorth, County Shropshire – 30.9.1811 Dromore, Irland), späterer anglikanischer Bischof von Dromore, herausgegeben. Als Vorbild nahm Hölty daraus die Volksballaden "Fair Margaret and Sweet William" und "Margaret's Ghost" (auch: "Lady Margaret's Ghost"). Es entstanden die Balladen "Adelstan und Röschen", 1771, und 1773 "Die Nonne".
Aufbau und Strophenbau
Versprechungen und Verführung (I-III)
Untreue des Ritters (IV-V)
Rachemord der Nonne (VI-VII)
Nächtliches Gespenstergeschehen (VIII-IX)
Die elf Strophen bestehen aus jeweils acht Zeilen mit dem Reimschema a b a b c d c d
Sprache
Hölty setzt vielseitige sprachliche Ausdrucksmittel ein. Der Liebesschwur in Strophe II ist wörtliche Rede. In den ersten drei Strophen und nur dort werden zahlreiche religiöse Bezüge eingebracht: Kloster, Schwur, Muttergottes, Jeseskind, Seele, Seligkeit, Himmel, Hölle, Engel, Gottesbraut. In den späteren Strophen kommen nur noch Bezüge zur Unterwelt vor: Totenreich, schwarze Seele, schwarzer Geist, Schwefeldampf, Krallenteufel, Gruft, Feuer, Schwefelflammen, Hölle. Die himmlischen Instanzen sind nur noch durch Äußerlichkeiten wie Dorfkapelle, Gotteshaus und Gräber vertreten.
Nur die Strophen IV und V werden von hellen Vokalen beherrscht. Der Ritter gibt sich dem dolce vita in kerzenhellen Sälen hin. Dort geht es üppig zu: die Weiber stehen reihenweise zur Verfügung (Z. 33), der Ritter tritt in Galakleidung (Z. 31) an, das Traubenmahl deutet das laszive Geschehen an.
Ab der Strophe VI wird Höltys Sprache drastisch. Die Klosterfrau beginnt ihren blutigen Rachefeldzug. In Gedanken schwimmt sie schon in seinem Blute (Z. 44). Der Ritter wird nich tmit einem einfachen Dolch erlegt, sondern mit einem Schwert ermordet. Aber nicht einfach mit einem gezielten Stich, nein, mehrere Schwerte dringen ein und treffen nicht nur seinen Leib, sondern auch seine schwarze Seele (Z. 50), die wie Schwefeldampf entfährt. Das Verb "entfahren" wird normalerweise nur für Bessenene verwendet, aus denen Luzifer vertrieben wird und von dort aus zur Hölle fährt. Mit der Seele des Ritters wird dadurch Satan selbst verbunden. Jedenfalls triefen die nächsten Strophen von Blut, Feuer und Schwefelflammen. Kurz vorm Hahnenschrei wird das Ritterherz noch in Stücke zerstampft (Z. 84). Erst in der drittletzten Zeile gönnt Hölty dem Leser etwas Helligkeit. es folgt nur noch die Berufung auf den Nachtwächter als Zeugen für die Grausamkeiten.
hölty Anfang
Besonderheiten
Für mich wirft das Geschehen ein paar Fragen auf, über deren Beantwortung Hölty großzügig hinweggeht. Das zeigt, daß es ihm nicht um die letzte Detailfrage ging, sondern darum ein abschreckendes Beispiel zu geben. Er will zeigen, wohin es führt zu leichtfertig den männlichen Liebesschwüren zu vertrauen. Die Ballade zeigt aber auch, daß sich die Frau durchaus rächen kann. Und ihre Wut ist grausamer als es sich der Ritter (und der Leser) vorstellte. Bemerkenswert ist daran, daß zwar auch Belinde zur nächtlichen Gespenstertätigkeit verdonnert ist, das wiederholte Leid und die Massakrierung aber dem Ritter (genauer: seinem Herzen) widerfährt.
hölty Der Ritter kann trotz Klostertür und Gitter (drei Zeilen weiter: Kerker) seiner Angebetenen Liebesschwüre übermitteln. Ja, weiters muß wohl sie zu ihm oder er in ihre Zelle gelangen. Man bedenke: Die erste Auflage des berühmten Pfaffenspiegel von Otto von Corvin erschien erst 1845.
Der Topos »Mann verläßt verführte Frau« war um 1773 schon Gewohnheit: "wie die Männer sind, Sein Herz von Stund an lauer" (Z. 25-26).
hölty Unklar bleibt, wie es Belinde gelingt, die Meuchelmörder zu bestellen, zu beauftragen und zu bezahlen. Wurde sie inzwischen aus dem Kloster verstoßen? Vergleiche dazu Gottfried August Bürger: “Des Pfarrers Tochter von Taubenhain”; noch schlimmer geht es der gebärdenden Nonne Josephe in Heinrich von Kleist: Das Erdbeben in Chili: sie wird zum Tode verurteilt. Anders (Auftragserteilung außerhalb des Klosters) ist der Vorgang nicht erklärlich, zumal die Klosterfrau (Armutsgelübde!) die Mörder auch entlohnen muß.
hölty Eine inhaltliche Lücke besteht zwischen Strophe VII und VIII. Starb Belinde inzwischen?
  • Wenn ja, geschah dies natürlich oder wurde sie gar zum Tode verurteilt? Weshalb: Entbindung und Schande? Oder Überführung als Auftraggeberin?
  • Wenn nein, muß sie wohl um jede Nacht an der Dorfkapelle aufkreuzen zu können, hexenartig dorthin fliegen, immer wenn die Nacht beginnt (Z. 57).
hölty Sonderbar ist, daß sie bei Beginn der Nacht zu fliegen beginnt (Z. 57), ankommend den Ritter das Herz herausreißt (Z. 61) und erst um Mitternacht (Z. 69) zum Höhepunkt kommt. Doch der Spuk ist nicht – dabei ähnlich wie der Traum – nicht den üblichen Orts- und Zeitgesetzen unterworfen. Hölty kommt es hier ganz auf den schaurigen Effekt an.
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"Wenn Hölty als Begründer der Ballade bezeichnet wird, so wird dabei vorzüglich an zwei Gedichte gedacht: an die Romanzen »Adelstan und Röschen« und »Die Nonne«."
Walter Müller-Seidel: "Die Deutsche Ballade. Umrisse ihrer Geschichte", in: Wege zum Gedicht. II Interpretationen von Balladen. Rupert Hirschenauer, Albrecht Weber, Hg. München: Schnell & Steiner, 1963. S.17-83
Die Ballade “Die Nonne” ist eine frühe Schauer-Gespensterballade, die sich mit den damaligen Mitteln vor den Massakern in Horrorfilmen des 21. Jahrhunderts nicht verstecken muß. Bravo, Hölty!
Zweimalige Vertonung von Franz Schubert: "Die Nonne", D. 208 (1815) und D. 212
Antiquarisch:
"Die Nonne" ist zu finden auf CD #1 von
Sex & Crime Balladen. Sprecher: Michael Quast; 2 CD´s; ca. 110 Min.; Verlag: Lido
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balladeOliver Kempka: "Die deutsche Kunstballade bis zur Romantik. Und ihr Verhältnis zur Volksballade"
balladeHölty: "Adelstan und Röschen"
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 27.8.2004