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Hermann Hesse: Im Nebel
erschien 1911 im Gedichtband Unterwegshesse Linkshesse Literatur
Aus Copyright-Gründen und dem deutschen Recht zu Abmahnungen mit sofortigen hohen Strafen (getarnt als Gebühr für automatisch erstellte Abzockerbriefe) wage ich hier das Gedicht nicht zu bringen. Es ist mittels der hesse Links online oder mit der hesse Literatur leicht zu beschaffen.
Interpretation
Hermann Hesses Lyrik hat – im Gegensatz zu den Romanen und Erzählungen – nicht mehr den besten Ruf. So schreibt das Autorenlexikon darüber: „Von der Masse der Gedichte klingt heute das meiste abgelebt“ (Brauneck S.258). Nun, die Masse kenne ich nicht. Für die Gedichte Hesses, die ich kenne, ist dieses Diktum Unfug.
Hesses Gedicht „Im Nebel“ steht zwar in vielen Anthologien und Schulbüchern, wird aber trotzdem gering geschätzt. Zumindest hatte ich diesen Eindruck nach Verfolgung einiger Diskussionen darüber im Internet. Da wird beispielsweise der Reim in der zweiten Strophe „sichtbar“ auf „licht war“ bemängelt. Oder es wird die „ästhetische Erklärung“ vermisst (was immer das sei) und das Gedicht für „arg trivial“ gehalten. Genug – nichts davon trifft zu, wie ich im Folgenden zeigen werde.
Das Gedicht „Im Nebel“ erschien 1911 im Gedichtband Unterwegs. Es beschäftigt sich mit Hesses Lebensthema: Wie kann sich der Einzelne in der Gesellschaft bewähren? Hierzu gibt das Gedicht eine Teilantwort. Es klärt eine Voraussetzung für das Zusammenleben der Menschen oder dafür, als weise gelten zu können.
„Im Nebel“ besteht aus vier Strophen mit je vier Zeilen, die mit Kreuzreim a-b-a-b zusammengeschweißt sind. Sofort fällt die Ähnlichkeit der Anfangsstrophe mit der letzten Strophe auf. Darauf komme ich zurück.
Die einleitende Strophe stellt eine Wanderung in der Natur vor, bei der man vor lauter Nebel kaum etwas sieht ... Nein, Hesse bleibt im natürlichen Bild, ohne dem „man“. Er vermenschlicht Busch und Stein, die einsam sind, und die Bäume, die einander nicht sehen. Damit schlägt das Gedicht einen naturmythischen Ton an. Es führt von der unbelebten Natur (V. 2) zur belebten (V. 4) und zu den Menschen (V. 5). Dabei gelingt mit dem „jeder“ (V. 4) eine kleine Brücke. Es bezieht sich zwar noch auf die Objekte in Strophe 1, weist aber – verstärkt durch das „allein“ in derselben Zeile, das nur höheren Tierarten zukommt – schon auf die folgende rein menschliche Konstellation hin.
Die zweite Strophe setzt mit einer gewichtigen Zeile ein: das lyrische Ich offenbart sich, zusammen mit seinen Freunden und der Welt. Während in Strophe 1 und 4 wichtige Worte am Zeilenanfang stehen, ist das in den beiden Binnenstrophen nur in der jeweils ersten Zeile der Fall. Diese Strophen erhalten dadurch eine ganz andere Färbung als die Rahmenstropen. Zuerst geht der Blick in die Vergangenheit und nimmt einen erzählenden Duktus an.
In der dritten Strophe ruft das Betonte „wahrlich“ einen biblischen, einen belehrenden Ton an. Die Binnenstropen haben noch mehr Entsprechungen. Hesse wählt durchwegs eine ausgeklügelte Wortstellung. So beginnt er nicht mit „Seltsam ist es im Nebel zu wandern“, was durchaus möglich wäre. Durch das mit Komma abgetrennte „seltsam“ und dem Ausrufezeichen wird ein deklamatorischer Ton getroffen. In den Binnenstrophen steht das gegensätzliche „licht“ und „Dunkel“ genau an derselben Stelle und betont dadurch die Entsprechung. Ein weiterer Gegensatz entsteht zwischen den beiden letzten Wörtern der jeweils ersten Zeile in den Strophen 2 und 3: "Welt" versus "weise".
Die Aussage der zweiten Strophe findet sich auch in einigen Blues- Texten, so in „Nobody Knows You When You're Down and Out“ von Bessie Smith. Ist man reich und jung hat man zahlreiche Freunde, doch wenn man nicht mehr mit dem Geld umherwerfen kann oder wenn man alt wird, verlassen einen die Freunde; entweder, weil es nichts mehr zu holen gibt, oder weil sie im Alter wegsterben. (Siehe dazu hesse Verbindungen zwischen Pop, Jazz und Literatur und das Schickals des Multimillionärs Gatsby in Fitzgerald, F. Scott: The Great Gatsby, hesse Rezension).
Der Nebel in der zweiten Strophe steht also nicht für den Nebel in der Natur. Wäre es so, hätten die Kritiker teilweise recht. Es ist trivial, dass man im Nebel nichts mehr sieht. Der Nebel steht hier als Metapher für das Alter oder Armut oder beides. Das deckt sich auch mit dem Bild der Wanderung: auf dem Lebensweg wandert man unaufhörlich dem Alter entgegen. Dieser Wanderung entkommt keiner (wenn er nicht schon vorher schlapp macht).
Die dritte Strophe halte ich nun für die Wichtigste, denn sie bewirkt dreierlei:
  1. sie bringt die Quintessenz des Gedichts: die Wanderung ins Dunkel, in den Nebel ist unausweichlich; dies wurde schon zuvor durch den fallenden Nebel angedeutet. Wer schon mal im Gebirge war, weiß wie schnell und unentrinnbar der Nebel einfallen kann: aus einer harmlosen Bergwanderung kann ein bedrohliches Abenteuer werden.
  2. sie behauptet, dass das Kennen des Dunkel eine conditio sine qua non für Weisheit ist; das ist ernüchternd. Wenn man es ernst nimmt, muss man die Freunde erst verlieren um diese Kenntnis zu erlangen und weise zu werden.
  3. die dritte Strophe gibt demjenigen, dem dies noch bevorsteht den Rat: bedenke diese Zeit, die ohne dass man es richtig merkt („leise“), unaufhaltsam kommt.
Sie hat für mich noch zwei weitere Einsichten, die zweite ist mehr ein versteckter Rat.
  1. Die erste Einsicht ist eine erkenntnistheoretische: das Ich ist von den Dingen getrennt. Oder wie es Immanuel Kant ausdrückt: das Ding an sich ist unerkennbar, es ist unabhängig von jeder Erfahrungsmöglichkeit.
  2. Die zweite Einsicht – zugegeben: sehr versteckt –, nicht jeder Leser mag mir zustimmen: es ist weise rechtzeitig loszulassen von den Dingen der Welt. Wir werden unentrinnbar getrennt von ihnen. Der Weise erkennt dies und sagt sich schon zuvor davon los.
Die vierte Strophe schließt dann den Kreis durch die Baugleichheit mit der ersten und fasst den Sinn (der eigentlich schon klar sein müßte) wiederholend zusammen. Da Weisheit das eigentliche Leben ausmacht (eine unterstellte Prämisse des Gedichts) kann man – aufgrund der Betrachtung in der dritten Strophe – mit Fug und Recht behaupten: „Leben ist Einsamsein“. Wenn man die Gedanken der vorangegangenen Zeilen richtig begreift, so stelle man sich darauf ein, seinen eigenen Weg zu gehen, denn jeder ist allein. Hier spielt dann eine tiefe metaphysische Einsicht herein: man kennt nur sich selbst. Der andere wird immer unüberwindbar abgetrennt bleiben: das Problem des Fremdphysischen. Mit letzter Gewissheit kann man nicht einmal sagen, ob nicht alle anderen bewussteinsmäßige Automaten sind, sogenannte Zombies. Oder noch um einen Dreh bizarrer: vielleicht bin ich der einzige Zombie: ich werde nicht wissen, was die anderen unter Bewußtsein, Schmerz, Freude verstehen. Einzig die evolutive Gemeinsamkeit gibt Recht anzunehmen, dass wir zumindest recht ähnlich sind.
Die Einsamkeit und das Einsamsein in der ersten Strophe für die übrige Natur festgestellt, wurde in zwei Strophen auch für die Menschen nachgewiesen. Deshalb werden nun in der vierten Strophe die Worte für Menschen eingesetzt; nur die Schlusszeile kann bleiben.
Hesse verwendet Schlüsselwörter der Einsamkeit in allen vier Strophen schön verteilt: „einsam“, „allein“, „Nebel“, „keiner“, „Dunkel“, „trennt“.
Zurück zur Kritik an „Im Nebel“. Oft wird auf die vermeintlich besseren, vermeintlich motivgleichen Gedichte von Rainer Maria Rilke „Herbst“ und „Herbsttag“ verwiesen. Dabei wären die wohl eher mit Hesses „September“ zu vergleichen. Ausserdem stört mich der starke religiöse Bezug in beiden Rilke-Gedichten. Rilke mag die schöneren Bilder haben, Hesses „Im Nebel“ ist kompromissloser, radikaler und ehrlicher. Zu beiden Hesse Gedichten, „September“ und dem hier besprochenen „Im Nebel“ passt gut der Text von Maxwell Anderson zu Kurt Weills „September Song“; interpretiert von praktisch allen großen US-Sängern, wie Frank Sinatra, Nat King Cole, ....
Literatur zur Interpretation
Brauneck, Manfred, Hg.: Autorenlexikon deutschsprachiger Literatur des 20. Jahrhunderts. Reinbek: Rowohlt, 1984.
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Literatur
Baumer, Franz: Hermann Hesse. Prosa u.Gedichte. Ausgewählt und interpretiert. München: Kösel Verlag. 107 S. (Dichtung im Unterricht. Band 7: Hermann Hesse).
Inhalt: Hermann Hesse Leben und Werk (S. 7-11). Gedichte und Prosa: Weiße Wolken (S. 13). - Im Nebel (S.13). - Stufen (S. 14). - Im Presselschen Gartenhaus (S. 15-39). - Das Selbstbildnis. Aus "Klingsors letzter Sommer" (S. 40-46). - Das feuilletonistische Zeitalter. Aus "Das Glasperlenspiel" (S. 47-53). - Indischer Lebenslauf. Aus "Das Glasperlenspiel" (S. 54-83). - Kommentar: Weiße Wolken (S. 87-88). - Im Nebel (S. 88-89). - Stufen (S. 89-92). - Im Presselschen Gartenhaus (S. 92-97). - Das Selbstbildnis (S. 97-100). - Das feuilletonistische Zeitalter (S. 101-104). - Indischer Lebenslauf (S. 105-108). - Zitatnachweis (S. 109).
Burkert, Dieter: „»Im Nebel« von Hermann Hesse“. In: Karl Hotz, Hg.: Gedichte aus sieben Jahrhunderten. 2. Veränderte Auflage. Bamberg: Buchners, 1990. S. 213-214.
Scecina, John George: Sieben Lieder: Gedichte von Hermann Hesse. Seven songs: Poems of Hermann Hesse. Diss. Univ. of Texas, 1975, Univ. Microfilms. Ann Arbor/Michigan. 152 S.
Inhalt: I. "Im Nebel" (S. 7-27). - II. "Weg nach Innen" (S. 28-38). - III. "Bekenntnis" (S. 39-57). - IV. "Knarren eines geknickten Astes" (S. 58-84). - V. "Allein" (S. 85-110). - VI. "Bei Nacht" (S. 111-136). - VII. "Morgen" (S. 137- 149). - Bibliography (S. 150-152).
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hesse hesseHermann Hesse: Das Lied des Lebens. Die schönsten Gedichte von Hermann Hesse. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2000. Gebunden, 240 Seiten hesse
Hermann Hesse: Das Lied des Lebens. Die schönsten Gedichte von Hermann Hesse. Frankfurt am Main: Insel, 2002. Broschiert, 243 Seiten hesse
hesse hesseHotz, Karl, Hg.: Gedichte aus sieben Jahrhunderten. Interpretationen. Bamberg: Buchners, 1998.4. Aufl. Gebunden, 311 Seiten
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