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Stadler
Ernst Stadler: Der Spruch
1914 – stadler Linksstadler Literatur
Der Expressionismus zu Beginn des 20.Jh. reagierte auf den Naturalismus und wandte sich von der objektiven Weltdarstellung ab. Man verschmähte die Bürgerlichkeit und die Mechanisierung. Wenn der Künstler sich nicht resigniert zurückzog sprach er sich für einen neuen Menschen aus, der die inneren Werte hochschätzte. Die Propheten verkündeten eine bessere Welt, wenn sich der Mensch auf das Wesentliche besinne.
In manchen Ausgaben werden dem Gedicht "Der Spruch" Zeilen aus dem Epigramm von Johannes Scheffler, genannt Angelius Silesius vorangestellt. Ich weiß nicht, wie das in der Urfassung war. Allerdings verliert das Gedicht durch die vorangestellten Zeilen des Silesius an Spannung.
Ernst Stadler: Der Spruch
In einem alten Buche stieß ich auf ein Wort,
Das traf mich wie ein Schlag und brennt durch meine Tage fort:
Und wenn ich mich an trübe Lust vergebe,
Schein, Lug und Spiel zu mir anstatt des Wesens hebe,
Wenn ich gefällig mich mit raschem Sinn belüge,
Als wäre Dunkles klar, als wenn nicht Leben tausend wild verschloßne Tore trüge,
Und Worte wiederspreche, deren Weite nie ich ausgefühlt,
Und Dinge fasse, deren Sein mich niemals aufgewühlt,
Wenn mich willkommner Traum mit Sammethänden streicht,
Und Tag und Wirklichkeit von mir entweicht,
Der Welt entfremdet, fremd dem tiefsten Ich,
Dann steht das Wort mir auf: Mensch, werde wesentlich!
Das Gedicht "Der Spruch" (1914) ist dreigeteilt. In den ersten beiden Zeilen berichtet der Dichter von einem Fund, der ihn aufwühlt und noch immer beschäftigt. Im zweiten Teil nennt er die Situationen, in denen er an das gefundende Wort erinnert wird. Im dritten Teil, der nur aus der letzten Zeile besteht und nur aus einem Nebensatz, gibt der Dichter endlich preis, was er gefunden hat. Man darf und soll diese letzte Zeile so lesen, dass der Zuruf nicht nur für den Dichter lebensbeherrschend ist, sondern auch dem Leser gilt.
Fund
Der Fund des Dichters weist auf alte Zeiten hin. Das gefundene Wort gewinnt dadurch an Gewichti. Es hat sich lange bewährt und ist, wie die zweite Zeile und besonders dann der zweite Gedichtteil zeigen wird, immer noch gültig. Das Wort ist schriftlich überliefert, es wirkt mythisch. Dem Leser wird klar, dass es nicht ein Wort sein kann, es muß sich um einen Spruch (Überschrift!) handeln. Man könnte auch an "Im Anfang war das Wort" (Joh. 1,1) denken, aber das wäre – meine ich – überzogen.
Der Spruch traf den lesenden Verseschmied wie ein Schlag. Zehn Jahre vorher wurde das (für ein Buch) so formuliert: "Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns", Franz Kafka, Briefe, 27. Januar 1904. Sehr fein ist der Bezug auf "meine Tage" und nicht etwa Jahre. Dadurch wird die alltägliche Bedeutung des Spruchs hervorgehoben. Der Spruch ist ein Dauerbrenner.
Situationen
Im Hauptteil werden verschiedene Situationen genannt, in denen dem Dichter der Spruch ein- und auffällt. Es sind drei Kategorien von Situationen, von denen aber bei näherem Hinsehen die ersten zwei zusammenfallen.
  1. Zum einen sind es hohle Freuden ("trübe Lust"), Spiel, Oberflächlichkeit ("deren Weite nie ich ausgefühlt").
  2. Zum anderen sind es Lug und Schein: man hält das leicht Erkennbare schon für das Eigentliche ("Wesen" wird schon in der vierten Zeile genannt). Das erinnert an Platons Höhlengleichnis (stadler Platons Höhlengleichnis als Science Fiction Story). Die zweite Kategorie wird mehrfach benannt und ausgeführt: man meint rasch etwas zu erfassen, wiederholt Worte, deren Sinn man nicht ausgelotet und damit nicht erfasst hat; man muß sich von den Dingen aufwühlen lassen und nicht etwas nachplappern. Ich lese darin auch eine Warnung vor der Schwarz-Weiß-Malerei; so zu tun, als ob alles klar wäre, obwohl die Dinge in der Welt bedeutend komplizierter sind. Genau in diese Falle tappen auch Leser des Gedichts, denen "Der Spruch" als eine Bestätigung ihrer Vorurteile dient. Sie vollziehen damit dasjenige, vor dem das Gedicht warnt. Der Spruch mahnt offensichtlich Skepsis an; man soll den Dingen auf den Grund gehen.
  3. Eine dritte Situation, in der der Spruch vor das Lyrische Ich tritt, sind Gelegenheiten zwischen Tag und Traum. Wenn man losgelöst von der alltäglichen Wirklichkeit über dem eigenen Ich schwebt (Zeilen 9 bis 11). Wegen des "willkommner Traum" und der Samthände werte ich diese Gelegenheiten mit dem Dichter als positiv. Man sollte sie nicht mit den Situationen aus dem zweiten Teil verwechseln. Die Loslösung von der Wirklichkeit in einer Art Tagträumerei ist willkommen: ruft sie doch den Spruch herbei.
Spruch
Die Preisgabe des Spruchs in der letzten Zeile ist nur im ersten Moment eine Auflösung. Wenn man die vorangegangen Zeilen beherzigt erweist sich binnen weniger Minuten (OK, manchen geht das Licht binnen Sekunden auf), dass man so viel Neues nicht erfährt. Die eigentliche Arbeit steht dem Leser des Gedichts noch bevor. Es wäre auch von einem Gedicht zuviel verlangt, wenn es in wenigen Zeilen das Wesentliche (von was? von allen Dingen und Situationen?) preisgeben könnte. Da jeder Mensch etwas anderes für wesentlich hält (was anscheinend manche der Kommentatoren – trotz des Gedichts – nicht kapieren), war es sehr klug (und geradezu unerlässlich) für den Autor, dass er sich nicht festlegt. Indem der Dichter den Lesern in vielen Zeilen aufzählt, wann ihm der Spruch einfällt, wann er ihm wesentlich erscheint, benutzt er die sokratische Hebammentechnik (Mäeutik; siehe stadler Links). Hier aber nicht durch Hinhören und Eingehen auf den Gesprächspartner, sondern durch konkrete Hinweise. Da die Situationen im zweiten Teil schon beim ersten Lesen solche aufgefasst werden können, in denen man etwas falsch macht, etwas versäumt, kann man den eigentlichen Spruch schon erahnen.
Immerhin ist Stadler mit seiner Einbettung des Spruchs konkreter als seine Quelle Angelus Silesius, dessen Epigramm (siehe stadler Links) völlig dunkel bleibt; ausser natürlich wieder für die Leser, die eh schon alles wissen.
Ernst (Maria Richard) Stadler 11. August 1883 Colmar - 30. Oktober 1914 bei Zandvoorde nahe Ypern in Belgien als Soldat
Links
"Der Spruch" bei stadlerGutenberg
stadlerInterpretation
Ernst Stadler: stadlerWikipediastadlerBiographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL)
stadler Angelius Silesius (Johannes Scheffler; 1624-1677): "Cherubinischer Wandersmann"
stadlerMäeutik (griech. Hebammenkunst) oder Sokratische Methode
Literatur
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stadler stadlerBert Kasties, Hg.: Ernst Stadler - Der Aufbruch - Gedichte. Shaker 1997. Gebunden, 102 Seiten
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 29.12.2006