| Justinus
Kerner: Stille Tränen 18.9. 1786 Ludwigsburg – 21.2. 1862 Weinsberg; Arzt und Dichter – |
Du bist vom Schlaf erstanden |
| Interpretation |
| Zweierlei fiel mir beim ersten Lesen
des Gedichts auf: es drückt eine Gedanken, den ich oft habe,
lyrisch aus und es hat einen auffallenden Bruch in der zweiten Strophe.
Da stockt man um die vier Zeilen nochmals durchzugehen. Naturerscheinungen verglich Kerner oft mit dem Weltschmerz oder – wie hier – dem persönlichen Schmerz, der sich in Tränen ausdrückt. Mit dem Weinen befreit man sich von Schmerzen, zumeist seelischen. Der Weltschmerz wird parallel durch den weinenden Himmel ausgedrückt. Das Naturphänomen Regen wird als Tränen des Himmels gesehen. Regen und Tränen sind nicht nur ähnlich sondern sogar austauschbar. Das betont die Interaktion zwischen Natur und der inneren Welt. Die Frage bleibt offen, wer die Himmelstränen wegen was weint. Eine anderer Gedanke: während der Himmel und die Natur sehr wohl um den Schmerz manchen Menschens wissen: der Nächste nimmt es oft nicht wahr. Auch – meist froh gestimmt – frage mich manchmal in der U-Bahn, was mein stummes, ernst blickendes Gegenüber gerade auf dem Herzen hat oder Schlechtes erfahren mußte. |
| Die erste Zeile schlägt einen
kirchenliedartigen Ton an. Das Osterlied "Christ ist erstanden" ist der
vermutlich älteste liturgische Gesang in deutscher Sprache,
entstanden um oder vor 1100. Dazu passt auch das "wandeln" aus der
zweiten Zeile. Vom persönlichen "du" greift Kerner in nur vier
Zeilen bis zum gesamten Land und gar dem Himmel aus. Ein
prächtiges Bild. Die aufregendste Strophe ist die zweite. Der Themen- und Gesinnungswechsel erfolgt mitten im Satz. Lange hat man geschlummert ohne Sorgen und Schmerzen, dann öffnet der Himmel seine Schleusen (um im Kirchenjargon zu bleiben). Die "Schmerzen" sind der Angelpunkt. Im Satz wechselt auch der Bezugspunkt und das grammatikalische Subjekt. Vom "du", das in den Zeilen 1-2 und 5-6 vorherrscht springt es zum Himmel. Ein ähnlicher Wechsel – nicht ganz so auffallend – liegt in der letzten Strophe. Zunächst steht noch die Natur vornedran (Zeile 9), dann geht es zu manchem Mitmenschen (Zeile 10) und schließlich – in einer Art Lehrteil oder Fazit – werden die Gedichtleser insgesamt angesprochen: "ihr". Die Lehre ist, dass man dem Gegenüber zugestehen sollte, dass er die eigene Fröhlichkeit nicht teilen muß und zwar nicht, weil er von Haus aus griesgrämig ist, sondern weil er vor kurzem Sorgen und Schmerzen erlitt. |
| Ich finde in "Stille Tränen" dreierlei: wertvolle Gedanken und Empfindungen, passende, gut struktierte Komposition und einen ansprechenden romantischen Ton. |
| Justinus Kerner |
| Zusammen mit Ludwig
Uhland,
Gustav Schwab, Wilhelm Hauff und Eduard Mörike
gehört Justinus Kerner zur schwäbischen
Dichterschule,
bekannt auch unter schwäbische Romantiker.
Kerner ist unter diesen Fünf der Unbekannte. Eher
fallen einem beim Stichpunkt "Kerner" die Vertonungen Robert Schumanns
ein. Dieser hatte schon als Achtzehnjähriger fünf
Gedichte Kerners vertont (op. posth., 1828) und dann 1840
zwölf
Gedichte Kerners (op. 35) berühmt gemacht, darunter auch das
hier behandelte "Stille Tränen". Kerner wird von Zeitgenossen und Nachgeborenen unterschiedlich beurteilt. Besonders ab der Mitte des 20. Jahrhunderts wird er kaum mehr gelesen. Er ist wohl zu volkstümlich und hat zuviele Gelegenheitsverse geschrieben. Doch ich meine, seine besten Gedichte gehören auch zum Besten, das die deutsche Poesie zu bieten hat. |
| Vertonungen |
| Robert Schumann,
op. 35, 1840 Obwohl die zwölf Gedichte kein durchgehendes Thema oder gar Handlung haben, passen sie stimmungsmässig sehr gut zusammen. Im 19. Jahrhundert waren Liederzyklen in Mode und oft mit Wanderung verbunden. Conradin Kreutzer: Neun Wanderlieder (Ludwig Uhland), Heinrich Marschner: Sechs Wanderlieder (Wilhelm Marsano), Franz Schubert: Winterreise (Wilhelm Müller), Gustav Mahler: Lieder eines fahrenden Gesellen (Gustav Mahler) seien beispielhaft genannt. |
| Links |
| Ein verwandtes Thema hat |
| Literatur |
| Alan P. Cottrell: "Justinus Kerner: »Der Grundton der Natur«". The German Quarterly 39.2 (1966), S. 173-186. |
| Barbara Turchin: "The Nineteenth-Century Wanderlieder Cycle". The Journal of Musicology 5.4 (1987), S. 498-525. |