| Raabe,
Wilhelm. Der Hungerpastor Braunschweig: Klemm, 1949. 417 Seiten |
| Der Hungerpastor ist der erste
Teil der Trilogie, die sich mit Abu Telfan (1866) und Der
Schüdderump (1870) fortsetzt. Der Roman erschien 1864 und schildert
den Werdegang von Johannes Unwirrsch buchstäblich ab der Geburt bis zur
Besetzung einer "Hungerpfarre" in Grunzenow an der Ostssee. Den Kontrapunkt zum
Theologiejünger bildet Moses Freudenstein, der später seinen Namen zu
Theophile Stein wechselt, katholisch wird und die Gier nach Reichtum, Macht und
Genuß verkörpert. Daß Raabe für diese Rolle einen Juden
heranzog, wurde ihm vorgeworfen, ist aber wohl ein Teil des allgemeinen
"Volksempfindens" des 19. (und leider auch des 20.) Jahrhunderts. Raabe
schreibt: "In jenen vergangenen Tagen herrschte in kleineren
Städten und Ortschaften noch eine Mißachtung der Juden, die
man so stark ausgeprägt glücklicherweise heute nicht mehr findet"
(37). Der Pastor Hans verkörpert dagegen den Hunger nach Wahrheit, Liebe
und innerer Freiheit. Erst aber der Mitte gerät das Geschehen in Fahrt,
eben gerade dann als sich die erstaunliche Wandlung des jüdischen
Jugendfreunds anbahnt. Stilistisch ist Der Hungerpastor etwas schwülstig, ausufernd, manch eine Passage ist locker zu überspringen. Nur gelegentlich und nur in kurzen Passagen blitzt der Raabe nachgesagte Humor auf. "In einem Damentee, und noch dazu in einem frommen, den Boccaccio und den Decamerone zu nennen mußte freilich auf die Mama wirken wie ein Flintenschuß auf eine Schneealpe. Es kam eine Lawine herunter, aber verschüttet wurde weitere nicht als einige Tassen Tee" (213). "Wie seid Ihr gekommen? Zu Fuß, zu Wagen oder auf einem Besenstiel?" (335). Die oben genannten Folgebände kommen auf meine Leseliste, allerdings ohne Priorität, so daß sie in diesem Leben voraussichtlich ungelesen bleiben. |
| Gedicht aus dem
Hungerpastor Herbst! |
| Auf alle Höhen | Nun ist's geschehen |
| Da wollt ich steigen, | Aus allen Räumen |
| Zu allen Tiefen | Hab ich gewonnen |
| Mich niederneigen. | Ein holdes Träumen. |
| Das Nah' und Ferne | Nun sind umschlossen |
| Wollt ich erkünden, | Im engsten Ringe, |
| Geheimste Wunder | Im stillsten Herzen |
| Wollt ich ergründen. | Weltweite Dinge. |
| Gewaltig Sehnen, | Lichtblaue Schleier |
| Unendlich Schweifen, | Sank nieder leise; |
| Im ewgen Streben | In Liebesweben |
| Ein Nieergreifen | Goldzauberkreise |
| Das war mein Leben. | Ist nun mein Leben. |
Die mir vorliegenden Gedichtversionen haben unterschiedliche Satzzeichen (Skandal!). |
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