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Dahl
Arne Dahl: Tiefer Schmerz
[Europa Blues]. München: Piper, 2005. Wolfgang Butt, Übs. 410 Seiten – Dahl LinksDahl Literatur
Eine Reihe von bizarren Morden erscheinen zunächst zusammenhanglos. Auch die Personen der dramatischen Kapiteln werden von Arne Dahl erst im 6. Kapitel zusammengeführt. Arne Dahl läßt in einer (ich meine auf 10 Krimis avisiert) Krimi-Reihe eine besondere Truppe ("A Gruppe") der schwedischen Polizei – hier: europaweit – ermitteln.
Der Leser braucht den langen Atem weiter. Vieles ist so abstrus, dass man als Leser nach Aufklärung heischt. Wie es sich gehört gibt sie der Autor (wenn überhaupt) stückweise. Dann aber holt er breit aus. So wird die Todesbegleitinschrift "epivu" auf den Seiten 107-113 erläutert. Ich hab's trotzdem nicht verstanden. Ohne zuviel zu verraten: eine Tätergruppe nennt sich nach den Rachegeistern, den Erinnyen (Dahl Erinnyen).
Tiefer Schmerz zeigt, dass Hitlers willige Vollstrecker (Daniel Jonah Goldhagen, siehe Dahl Literatur) auch in Skandinavien sassen. Die Verfolgung nach 1945 war mehr als lasch. Dahl läßt nichts aus: eine Spur führt nach Odessa, Ukraine; zugleich Deckname einer Hilfsorganisation für ehemaligen SS-Angehörige (OdeSSA: Organisation der ehemaligen SS-Angehörigen). Frederick Forsyth schrieb dazu schon einen Bestseller (siehe Dahl Literatur).
Der Autor hat mit Tiefer Schmerz einen breit angelegten und sehr ambitionierten Krimi geschrieben. Der Leser muß viel Geduld aufbringen, da erst ab Kapitel 6 (S. 57) einige Fäden zusammen laufen und erst ab der Mitte das Geschehen soweit ausgebreitet ist, dass es spanend werden kann. Meine Seitenhöchstgrenze für Krimis von 250 hat sich zu den Autoren noch nicht herumgesprochen; oder anders: wurde früher ungefragt eingehalten. Heute meinen viele Autoren eine gute schlüssige Krimihandlung durch bizarre Morde und komplexe Handlung ersetzen zu können. Auch Arne Dahl gelingt das nur bedingt. Hier ein Aufklärungsdetail, das zeigt wie sehr von hinten durch die Brust:
"In einer der Bierdosen lag die lange, spitze Nadel. Ein Vielfraß muß unter dem Einfluß des Rauschgifts den Schädel gefressen, die Nadel wie eine Gräte in den Hals bekommen und sie irgendwie in eine Bierdose ausgespuckt haben." (S. 150)
Dahl schweift zudem gerne in das Privatleben der zahlreichen Kriminaler ab. Nicht genug, er verliert auch sonst ziemlich viel Seiten an Nebensächlichkeiten. Eine Seite erklärt er wie die Sonne in die Kampfleitzentrale scheinen könnte (S. 151); zweimal überlegt er seitenweise wie man in 35 Stunden von Schweden nach Lublin in Polen kommen kann (S. 191 und 246).
Ein Highlight war für mich das erste Treffen des Kriminalers in Urlaub, Arto Söderstedt, beim Ghiottone-Boss Marco di Spinelli (Kapitel 24, S. 256-265).
Bemerkenswert fand ich die Schlussszene zwischen Anja Söderstedt und ... Für weitere Andeutungen dazu unter Dahl Erinnyen weiterlesen (oder eben Tiefer Schmerz bis zum Kap. 39).
Dahl nennt mehrfach James Ellroy und wird konkreter: Die große Leere (S. 332). Den Zusammenhang kenne ich nicht, da ich den Krimi The Big Nowhere, deutsch allerdings: Blutschatten, nicht kenne (siehe Dahl Literatur). Nachtrag: der Serienmörder in The Big Nowhere benutzt für seine Taten ein echtes Vielfrassgebiss.
Nirgends erwähnt Dahl aber den Vorgängerroman für Tiefer Schmerz, dem berühmten Der Nazi & der Friseur von Edgar Hilsenrath (siehe Dahl Literatur und Dahl Rezension: Der Nazi & der Friseur).
Modeerscheinungen im Krimi
In den letzten Jahren wurden viele Serienmörder in Krimis gebannt. Die berühmtesten wohl von Henning Mankell, dem älteren Kollegen von Arne Dahl und ebenfalls von Wolfgang Butt übersetzt.  Sie müssen schon sehr intelligent sein um noch Aufsehen zu erregen; gelesen werden sie anscheinend immer noch gerne. Auf der KrimiWelt-Bestenliste Juni 2007 (siehe Dahl Links) taucht allerdings erst auf Platz 7 ein Serienmörder auf (David Peace: 1980).
Eine andere Mode ist der Regionalkrimi. Rainer Gross: Grafeneck, Platz 8 auf der KrimiWelt-Bestenliste Juni 2007 spielt in Buttenhausen bei Reutlingen. Dazu gibt es immer noch lesenswerte Neuschöpfungen, ich nenne aus meiner neueren Lektüre Andrea Maria Schenkel: Tannöd (Dahl Rezension) und Lilo Beil: Gottes Mühlen (Dahl Rezension).
Wie kann da der Krimiautor noch auffallen? Bizarre Morde. Ich meinte, hier sei Heinrich Steinfest: Nervöse Fische kaum zu übertreffen. Dort wird im Swimming Pool auf dem Dach eines Wiener Hochhauses ein toter Mann gefunden: Tod durch Haifisch (Dahl Rezension). Doch es geht. Den Tod durch Vielfraße in Tiefer Schmerz finde ich noch ausgesuchter und brutaler. Immerhin baut Dahl eine Verbindung zur mafia-ähnlichen Organisation Ghiottone und zum Wolverine Blues (siehe Dahl Musik). Il Ghiottoni oder so ähnlich heißen in Deutschland viele italienische Restaurants. Wolverine (engl.) ist der Vielfraß (Gulo gulo); siehe Dahl Links.
Erinnyen
Erinnyen (lat.: Furien) sind weibliche Rachegeister, die besonders die Vergeltung verkörpern (wenn man bei Geistern von "verkörpern" reden darf Erinnyen). Vergil verwendete einmal drei Erinnyen. In der dritten Tragödie der Orestie von Aischylos (siehe Literatur), genannt "Die Eumeniden", sind die Erinnyen zunächst wirklich vergeltungssüchtige Furien um sich dann in die wohlgesonnenen Eumeniden zu wandeln. Das kurze Zitat in Tiefer Schmerz (S. 409) lautet in der Übersetzung von Emil Staiger:
Athene zur Chorführerin der Erinnyen:
"Dir freundlich zuzureden, werd ich müde nicht.
Nie sollst du sagen, ich, die Jüngere, und der Stadt
Gebieter hätten, altehrwürdige Gottheit, dich
Beraubt der Würde und verjagt aus diesem Land." (881-884)
Die Chorführerin der Erinnyen antwortet später:
"Bezaubert deine Rede mich? Der Groll entweicht." (900)
Diese Szene spiegelt sich ganz am Ende des Romans in ... Kann ich jetzt nicht herschreiben ohne etwas zu verraten.
Musik
dahl Im Vorgängerkrimi Misterioso des schwedischen Autors spielt "Misterioso" von Thelonious Monk eine zentrale Bedeutung (nach Rezensionen). In Tiefer Schmerz hört der Kriminaler Paul Hjelm öfters Miles Davis: Kind of Blue (siehe Literatur). Neben der eindringlichen Musik ist auf Kind of Blue die Besetzung kaum überbietbar: neben Miles Davis, tp, agieren John Coltrane, ts, Julian "Cannonball" Adderley, as, Bill Evans, p, (bei "Freddie Freeloader": Wynton Kelly, p), Paul Chambers, b, James Cobb, dr.
Irgendwo spielt eine Art von Einsamkeit immer eine Rolle, hier ist wohl eine der Schlüsselfiguren, die ihr Leben auf besondere Weise einsam verbringt.
dahl Wolverine Blues (Benjamin Spikes, John Spikes, Jelly Roll Morton), 1923 aufgenommen von Jelly Roll Morton, piano, und den New Orleans Rhythm Kings. Später von zahlreichen anderen New Orleans Formationen wie Louis Armstrong und Bob Crosby.
Europa Blues – Tiefer Schmerz
Die Titelung der deutschen Übersetzungen ist sehr oft ein himmelschreiender Unfug. Die deutschen Verlage bevorzugen entweder Anglizismen oder nichtssagende Allgemeinplätze. Hier trug das schwedische Original den englischen Titel "Europa blues" und verwies damit auf die europäische Verflechtung des Krimi-Geschehens. Zudem stellte der Originaltitel eine Verbindung zum musikalischen Leitthema "Kind of Blue" her. Nichts lag näher, als diesen Titel zu übernehmen (es gibt ihn auch noch nicht). Dagegen kann "Tiefer Schmerz" jeder zweite Krimi heißen und damit wenig besagen.
Deutscher Krimi-Preis 2006: 3. Platz in der Kategorie „international“
Wer bis zur Mitte durchhält wird dann mit einem spannenden Krimi modernster Bauart belohnt. Man muß nicht alle Einzelheiten behalten oder verstehen um am Ende doch einen befriedigenden Kriminalroman gelesen zu haben. Die Kollaboration (siehe auch Dahl Harry Mulisch: Das Attentat), das Verwirrspiel (siehe auch Dahl Edgar Hilsenrath: Der Nazi & der Friseur) und die europäische Dimension machen Tiefer Schmerz, obwohl manches herbeigeholt ist oder ausgelassen werden könnte, lesenswert.
Links
dahlKrimiWelt-Bestenliste
dahlOdessa Organisation der ehemaligen SS-Angehörigen
dahlVielfraß (Gulo gulo)
Rezensionen
dahlJoachim Feldmann: "Feldmanns Schusswechsel (der sechste)"
dahlTobias Gohlis über Arne Dahl: Tiefer Schmerz, Die Zeit 6/2005
dahlBrillant und fast nicht zu ertragen, hr online
dahlFrank Keil-Behrens, Titel Magazin
dahlKrimi-Couch
dahlKrimi-Forum
dahlMarry A. Müller, subkultur
dahlPerlentaucher
Autor Arne Dahl
dahlArne Dahl – dahlWikipedia
Literatur
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dahldahl Arne Dahl: Tiefer Schmerz. Kriminalroman [Europa blues] München: Piper, 2006. Wolfgang Butt, Übs. Broschiert, 416 Seiten dahl
Arne Dahl: Tiefer Schmerz. Kriminalroman [Europa blues] München: Piper, 2005. Wolfgang Butt, Übs. Gebunden, 441 Seitendahl
ellroydahlJames Ellroy: The Big Nowhere. Warner Books 1998. Taschenbuch, 416 Seiten ellroy
James Ellroy: Blutschatten. Ullstein 2002. Helmut Grass, Übs. Taschenbuch, 608 Seitendahl
odessadahl Frederick Forsyth: The Odessa File. New York: Bantam, 1994. Taschenbuch, 368 Seiten odessa
Frederick Forsyth: Die Akte Odessa. München: Piper, 2000. Auflage: 5., Aufl. Taschenbuch, 270 Seiten dahl
goldhagendahlDaniel J. Goldhagen: Hitler's Willing Executioners. Ordinary Germans and the Holocaust.  New York: Vintage, 1997. Taschenbuch, 656 Seiten goldhagen
Daniel J. Goldhagen: Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust. München: Goldmann, 2000. Klaus Kochmann, Übs. Taschenbuch, 728 Seiten dahl 
aischylosdahlAischylos: Die Orestie: Agamemnon. Die Totenspende. Die Eumeniden. Stuttgart: Reclam, 1997. Taschenbuch: 165 Seiten hilsenrath
Edgar Hilsenrath: Der Nazi und der Friseur. München: Dtv, 2006. Taschenbuch, 476 Seitendahl
Dahl Rezension
dahldahl Arne Dahl: Tiefer Schmerz. Kriminalroman [Europa blues]. 7 CDs, Sprecher: Till Hagen. Steinbach Sprechende Bücher 2005. kind
Miles Davis: Kind of Blue. Sony BMG, Audio CD, 1997 dahl
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 7.7.2007