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Petterson
Per Petterson: Pferde stehlen
[Ut og stjaele hester] München: Hanser, 2006. Gebunden, 246 Seiten. Ina Kronenberger, Übs.
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Trond Sander, 67 Jahre alt, zieht sich mit seinem Hund Lyra auf ein einsames, renovierungsbedürftiges Haus mit einfacher Ausstattung in Norwegen zurück. Dort möchte er das einfache Leben pflegen und Charles Dickens lesen. In der Nähe wohnt ein etwa Gleichaltriger, von dem sich herausstellt: es ist Lars Haug, der bei einem Unfall Überlebende eines Zwillingspaars, dessen Familie (besonders den älteren Bruder Jon) Trond (als damals 15-jähriger) im Jahre 1948 in den Sommermonaten gut kennenlernte.
Petterson läßt den Ich-Erzähler verzahnt über die beiden Zeitabschnitte unterrichten: 1999 und 1948. Dabei ergibt sich, dass Tronds Vater im Zweiten Weltkrieg Flüchtlinge über die Grenze nach Schweden brachte (im Jargon: Pferde stehlen); dass der Vater 1948 – nach dem letzten Sommer mit seinem Sohn – für immer mit der Mutter des Freundes Jons die Familie verließ.
Übrigens: auch Jon verläßt für lange Zeit Norwegen, kommt dann unvermittelt zurück und reklamiert den Hof, da er älter als Lars ist. Also auch ein Buch über das Wegstehlen.
Erwachsenwerden
Trond versteht als 15-jähriger einiges nicht. Kein Wunder: er ist ja noch jung.
Die Ereignisse in Norwegen unter deutscher Besatzung werden ihm nicht von seinem Vater erzählt, den er sehr bewundert, sondern (in dessen Auftrag) vom Arbeiter beim Bäumefällen Franz.
Zufällig merkt Trond, dass sein Vater mit der Mutter seines Freundes Jon eine Beziehung hat. Wie weit die geht wird zunächst offen gelassen. Später verläßt der Vater die Familie mit ihr und meldet sich nur noch einmal postalisch.
Seine zarte Beziehung zu einer Sennerin werden von Petterson nur hingehaucht.
Vater-Sohn-Beziehung
Die Beziehung des Vaters zum Sohn scheint von beiderseitig tiefem Verständnis und Zuneigung geprägt. Allerdings spricht mehreres gegen diesen Schein:
der Vater läßt Franz über die Besatzungszeit erzählen
ohne den Sohn einzuweihen türmt er auf Nimmer-wieder-sehen mit seiner Geliebten. Die Familie läßt er sitzen. Die Ausbeute aus seiner letzen Holzaktion (die er immerhin der verlassenen Familie zukommen läßt) ist aufgrund Vaters Dickschädeligkeit  nur gering. Trotzdem strebt auch der 67-jährige Trond noch seinem Vater nach: er will alles selbst machen, wie einst der Vater alles selbst bestimmen wollte.
Petterson pflegt einen unaufgeregten, melancholischen Ton, der der Landschaft angemessen ist. Leider auch dem Geschehen, das denn doch zu dünn ausfällt. Die Lücke füllt er mit einer ausgesprochenen Liebe zum Detail.
Ein Beispiel
In allen Einzelheiten schildert Trond, wie er für Lars – nach gemeinsamer Arbeit – Kaffee und Brotzeit zurecht richtet (S. 159).
Es dauert fast bis zur Mitte des Romans, bis sich Lars und Trond zusammenfinden (S. 97ff). Bis zum Ende des Romans siezen sich die Kinderfreunde. Eine norwegische Eigenart?
Nicht immer passt der Autor auf
In pechschwarzer Nacht (S. 12) erkennt Trond unten auf dem Weg zum Fluss eine Gestalt mit einer Taschenlampe (der Fremde hat diese!). Trotzdem erhascht er einen Blick auf das zerfurchte Gesicht des Nachbarn (S. 13).
Das ausgedehnt erzählte Jugenderlebnis mit Jon beim Pferde stehlen ist mehrfach unstimmig.
• Jon verabschiedet sich im Boot (S. 40); kurz darauf sitzen beide wieder im Ruderboot (S. 43), ohne einem Zeitschwenk oder -sprung dazwischen.
• Trond verletzte sich beim Abwurf vom Pferd: er blutete am Unterarm durch den Pullover hindurch. Der Ärmel ist vom Stacheldraht zerfetzt und wird auch noch zum Abbinden am Oberarm verwendet (S. 32). Die beiden Buben kommen in einen Wetterumschwung und Trond wird vom Platzregen völlig durchnäßt. Zuhause wird er vom Vater bestens umsorgt, bekommt zu essen und schläft am Tisch ein. Obwohl dies wie üblich ausführlich erzählt wird (S. 43-45) kommt erst nach dem Aufwachen die Rede auf Tronds Verletzung (S. 46).
• Noch während ihres Abenteuers steht die Sonne hoch am Himmel (S. 34). Es ist also etwa Mittag, 12 Uhr. Die Buben schauen sich die Brut der Wintergoldhähnchen an (S. 35), kommen – wie oben geschildert – in das Unwetter, gehen, benutzen das Boot, Trond kommt heim, er isst, schläft, wird wach (siehe auch vorigen Punkt) und es ist "weit nach zwölf" (S. 45). Nach allem, was dazwischen lag müßte es mindestens später Nachmittag, wenn nicht früher Abend sein.
Einige Andeutungen werden nicht eingelöst
Petterson deutet oft – bevorzugt am Abschnittsende – Geheimnisvolles, Vorausschauendes an. Das hebt die Spannung. Doch es wird nicht immer eingelöst.
Ein Beispiel
Nach dem tragischen Unfall der Zwillingsbrüder, erhöht der Vater die Dramatik: "Das ist aber noch nicht das schlimmste" (S. 50). Es kommt aber nichts Schlimmeres nach.
Wieder ein von der Kritik und den Medien hoch gelobter Roman, der sich als "Normalware" herausstellt. Mit viel Liebe zu Detail und zur Landschaft entwickelt sich nur langsam ein Porträt der Protagonisten, das man so ähnlich schon oft gelesen hat.
Wenn man Zeit totschlagen will, kann man diesen behutsamen Roman lesen. Er beruhigt.
Preise
PettersonIndependent Foreign Fiction Prize 2006
International IMPAC Dublin Literary Award 2007:
PettersonIrischer Literaturpreis für Per Pettersons "Pferde stehlen"
Petterson5. Platz Kritiker-Bestenliste des Südwestrundfunks, März 2006
Vergleichsliteratur
Per Michael Frayn: Spies, dt.: Das Spionagespiel
Per Marlen Haushofer: Die Wand
Oscar Peer: Akkord (von Dritten genannt)
Links
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Pettersonthe complete review
PettersonKristina Maidt-Zinke: "Die kostbare Stille", Die Zeit, 6.7.2006
PettersonAntje Ravic-Strubel: "Komplexe Geschichte gelassen erzählt", DLF 21.3.2006
PettersonLeseprobe aus: Pferde stehlen
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Petterson PettersonPer Petterson: Pferde stehlen. Frankfurt: Fischer, 2008. Taschenbuch, 246 Seiten. Ina Kronenberger, Übs. petterson
Per Petterson: Pferde stehlen. Sonderausgabe. Hamburg: Hörbuch, 2008. Sprecher: Walter Kreye. 6 Audio CDs Petterson
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 15.6.2008