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Larsson
Stieg Larsson: Verblendung
[Män som hatar kvinnor, Wibke Kuhn, Übs.] München: Heyne, 2008. Taschenbuch, 687 Seiten –
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Ein schwedischer Familienkonzern steckt in Schwierigkeiten: zum einen steht der Konzern nicht so gut da, wie man von seiner Größe und Bedeutung her meint, und außerdem sind sich die etwa 40 Dynastie-Mitglieder (Stammbaum auf S. 209) nicht alle wohlgesonnen. Vor Jahrzehnten war bei einem Familientreffen auf einer Insel ein Mädchen der Familie, Harriet Vanger, Schwester des jetzigen Geschäftsführers  Martin, spurlos verschwunden. Ahnherr Henrik Vanger schnappt sich den vor kurzem vor Gericht gescheiterten Journalisten (diese Affäre und deren Folgen ist ein zweiter Erzählstrang) Mikael Blomkvist zur – wenn auch späten – Aufklärung. War es Mord, Entführung oder was?
Zu ihm gesellt sich die Computer-, Internet- und Recherchespezialisten Lisbeth Salander. Ihr widmet Autor Larsson einen weiteren Erzählstrang.
Während Mikael Blomkvist, obgleich kein typischer Detektiv, erfreulich normal geschildert wird, hat sich der Autor mit Lisbeth eine recht absonderliche, wenngleich sympathische Figur ausgedacht.
Erst ab der Mitte kommt der Roman mit der Sichtung von Zeitungsfotos vom alles entscheidenden Tag prächtig in Fahrt. Der Leser ist gut informiert und am Ball. Larsson löst zwischendrin einiges auf, so dass es nicht auf eine Grossaufklärung auf den letzten zehn Seiten hinausläuft. Der Lesedrang ist – trotz der nachfolgenden Einwände – immer geweckt und ab der Mitte gesteigert.
Larsson baut mehrere Bezugssysteme auf: Mikael als Detektiv natürlich, aber auch als soeben Verurteilter und Medienteilhaber; Lisbeth als freie Mitarbeiterin einer Agentur für Überwachung und Recherche; sie steht seit ihrer Jugend unter einer Art Vormundschaft. Dieser Handlungsstrang hat anfangs starke Bedeutung, wird aber dann nicht mehr aufgenommen.
Dass Detektive und Aufklärerinnen zudem ein ausgiebiges Liebesleben bewältigen ist heute für Krimis Standard und man nimmt es in Kauf.
Wohltuend empfand ich, dass sowohl Mikael als auch Lisbeth privat einen Mac nutzen. Sind halt doch kluge Köpfe, die beiden.
Hunderte von Abschweifungen zerfleddern die genannten Handlungsstränge unnötig. Nur ein Beispiel: einen ganzen Absatz verwendet Larsson darauf den Werdegang Maja Blombergs (eine Neben-Randfigur) zu schildern (S. 352-353). Manchmal kaut der Autor dem Leser zuviel vor (z.B. S. 80, 3. Absatz).
Soll man einem Krimiautor Gram sein, wenn er den Standard-Thriller-Clou zum tausendsten Mal wiederholt? Die Detektivin, der Detektiv geht – trotzdem das Monster bekannt ist – unverfroren in dessen Höhle. Hier passiert es Mikael, später Lisbeth (mit schwacher Erklärung, S. 555) und dann Mikael nochmals (S. 575).
Ebenso klischeehaft sind die Warnaktionen der Täter. Im Gangsterkrimi könnte das zum Erfolg führen (Detektiv wird vermöbelt, damit er die Verfolgung des Falls aufgibt), obwohl mir aus der Literatur kein Fall bekannt ist, im „normalen“ Krimi sind solche Aktionen reine Fassade. Larsson läßt dafür eine Katze draufgehen (S. 470-71). Natürlich lassen sich Mikael und Lisbeth von der Warnung kaum beeindrucken.
Um typische Zutaten zu einem Krimi abzurunden verschwand Harriet seinerzeit von der Insel ohne jegliche Spuren. Larsson schildert geschickt die zahlreichen Suchaktionen unmittelbar nach dem Verschwinden.
Kleinere Unglaubwürdigkeiten (wie soll beispielsweise die Tochter Pernilla bei fünfstelligen Zahlen, die sie nur kurz als Notiz sieht und die zudem Telefonnummern stark ähneln, auf Bibelnummerierung kommen? S. 372; Lisbeth lernt die Schachregeln und verliert dann keine Partie, S. 200) nimmt man hin. Der Übersetzungsausrutscher „keinster Weise“ (S. 411) trübt dagegen die tadellose Übersetzung (soweit man das als deutscher Leser beurteilen kann) nicht.
2005 Skandinavischer Krimipreis für Män som hatar kvinnor (Verblendung)
2009 Galaxy British Book Award, Kategorie Crime Thriller of the Year
Die Handlungsstruktur ist sehr gut ausgedacht und wird dem Leser klar überbracht, das entschädigt für die vielen Verzierungsabsätze. Empfehlenswerter Krimi.
Links
LarssonKarl Stig-Erland Larsson
LarssonKarl Stig-Erland Larsson (Wikipedia)
LarssonHendrik Werner: „Stieg Larsson – der Heath Ledger der Krimi-Autoren“, Welt Online 9. Juli 2009
LarssonErwin Wieser: Borro-Rezension (Borromäusverein)
Stieg Hitlisten, Top 100, Books of the Century, mit zahlreichen Krimi-Bestenlisten Krimi
Stieg Ausgewählte Links zum Krimi
Stieg Dahl, Arne: Tiefer Schmerz
Stieg Indridason, Arnaldur: Nordermoor
Literatur
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Larsson LarssonStieg Larsson: Verblendung. München: Heyne, 2008. Taschenbuch 687 Seiten [Män som hatar kvinnor, Wibke Kuhn, Übs.] Larsson
Stieg Larsson: Verblendung. München: Heyne, 2006. Gebunden, 688 Seiten [Män som hatar kvinnor, Wibke Kuhn, Übs.] Larsson
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