| Joel
Haahtela: Der Schmetterlingssammler München: Piper, 2008. Gebunden, 170 Seiten. [Perhoskerääjä] Sandra Doyen, Übs. – |
| »Am dritten April wurde mir in einem Schreiben
mitgeteilt, dass ich eine Erbschaft gemacht hatte. Ich las den Brief
wieder und wieder und war mir sicher, keinen Mann namens Henri Ruzicka
zu kennen. Das Ganze musste ein Irrtum sein, anders konnte ich es mir
nicht erklären.« Kein schlechter Anfang. Der Roman beginnt berichtsmäßig lakonisch wie Franz Kafka: Der Prozeß: »Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.« Das versprach viel, wurde aber nur begrenzt eingelöst. |
| Schon
bald stellt sich beim Lesen heraus, dass es die 789. Auflage
eines in den letzten Jahren arg strapzierten Motivs ist: Auffinden von
Foto, Erbstück, Dokument, Notizbüchlein ... und Forschen nach der
Vergangenheit des Besitzers und dem Zusammenhang mit dem eigenen Leben. Wenn dieser Allerweltstopos noch benutzt wird, braucht es gute Gegengewichte zum Ausgleich. Die fehlen. |
| Der namenlose Ich-Erzähler hatte von Henri Ruzicka noch
nie gehört. Daher zögert er (und nicht etwa aus der grundsätzlichen
Vorsicht bei der Annahme von Erbschaften), nimmt das Testament
doch an (wer schlägt
schon
ein Haus, Geld und Grundstück aus?) und geht den Fragen nach: "Warum
bin ich der Erbe?" "Wer war der Verstorbene?" "Welchen Zusammenhang
gibt es zwischen ihm und mir?". Die vor über dreißig Jahren aus seinem Leben verschwundene Mutter stellt die Verbindung zum Schmetterlingssammler (der Verstorbene) her. Der Ich-Erzähler ist Museumsangestellter, seine Frau ist viel unterwegs, da sie als Restaurateurin ebenfalls für ein Kunstmuseum arbeitet (S. 99). Die eheliche Verbindung der beiden scheint recht locker zu sein. |
| Bei
der Suche nach Henri Ruzicka geht manches schrullig zu. • Anna Prinz, eine extrem gute Bekannte von Ruzicka, zeigt dem Suchenden zuerst die kalte Schulter. Das soll wohl Spannung erzeugen, erweist sich aber als Fehlkonstruktion: sie hätte grosses Interesse von ihrem Henri was zu erfahren. Der Protagonist forscht auch in einem Hotel, in dem Henri vor dreißig Jahren im Zimmer 27 logierte. Er kennt Henri nicht (kaum emotionaler Bezug, zumindest nicht zu diesem Zeitpunkt), trotzdem geht er ins belegte Hotelzimmer. Dem derzeitigen Gast zeigt er ein Foto Henris und beteuert sie nicht belästigen zu wollen (S. 128). Oh abgrundtiefe Naivität! • Noch ominöser aus erzählerischer Sicht ist der Selbstmord einer Dame im Hotel und seine anschließende Behandlung (S. 132-135). Der Hoteldirektor packte "die persönlichen Dinge der Toten" in einen Karton und behielt ihn für sich (man könnte meinen im Hotelzimmer: "der Karton in der Zimmerecke", S. 133, von dem die Rede war; doch das wäre noch absurder als in der Wohnung des Hoteldirektors). Mit den Jahren vergaß der Hoteldirektor die Angelegenheit. Als Henri zum Forschen kommt, ist der Karton beim alten Ober. Das läßt eine Subjektverwechslung (Übersetzung?) vermuten (S. 133 oben). (Da muss ich noch eine kleine Übersetzungslässigkeit erwähnen: Der Ich-Erzähler "beschloss, zu Anna Prinz zu laufen" (S. 77). Es muss heißen: "gehen"; doch Norddeutsche verwechseln diese Verben gerne.) • Obwohl dem Ober Henri fremd ist geht er mit ihm die Sachen der Toten durch (S. 135). • Der Ober berichtet, dass der Arzt seinerzeit auf Selbstmord wegen unglücklicher Liebe tippte (S. 134). Das ist ein Tipp an den Leser. Ein Arzt wird einen solchen unbelegten Grund (es gab keinen "verlässlichen Beweis") wohl nicht verzapfen. |
| Haahtela meint wohl, dass seine Romane von Kindern gelesen werden (tue ich da Kindern unrecht?). Er führt den Leser ständig bei der Hand. Das fällt zuerst bei seiner Fahrt zum geerbten Haus auf (S. 16-17). Es setzt sich fort, z.B. bei der Fahrt zur Briefbekannschaft des Verstorbenen Anna Prinz (S. 50-61). |
| In
Henri Ruzickas Haus findet der Ich-Erzähler Alfred
Russel Wallace: The
Malay Archipelago. Wallace entdeckte ähnlich wie Charles
Darwin und fast gleichzeitig die Evolutionstheorie (siehe
|
| Joel Haahtela, * 10. September 1972 Helsinki, lebt als Schriftsteller und Psychiater in der Nähe von Helsinki. |
| Der Schmetterlingssammler ist leicht und anspruchslos. Am Ende nimmt der Roman an Fahrt auf, ich wurde kurz auf eine falsche Spur (bezüglich der Verbindung Ich-Erzähler und Henri) gesetzt, doch Haahtela legt eine andere plausible Kreuzung der beiden Lebensgeschichten vor. |
| Links |
| |
| Heike Geilen: |
| |
| Literatur |
| Bei Amazon nachschauen | Bei Amazon nachschauen | |
![]() |
![]() |
|
| Joel
Haahtela: Der
Schmetterlingssammler. München: Piper, 2008. Gebunden, 170
Seiten. [Perhoskerääjä] Sandra Doyen, Übs. |
||