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Eggehorn
Ylva Eggehorn: Ich hörte Saras Lachen: Frauen in der Bibel. 15 Porträts
Freiburg: Herder, 2007. Gebunden, 160 Seiten. [Kryddad olja, schwedisch] Rainer Haak, Übs.
Ylva LinksYlva Literatur

Die schwedische Schriftstellerin Ylva Eggehorn gibt in Ich hörte Saras Lachen ihre Sicht auf einige Frauen aus der Bibel. Ihre eigene Lebenserfahrung soll in diese Porträts einfließen (S. 9). Es entstand eine recht persönliche Sicht auf diese Frauen, insofern hat sie ihr Anliegen erreicht.
Allerdings bleibt dabei vieles auf der Strecke:
  • Eggehorn blendet vieles aus den von ihr herangezogenen biblischen Texten aus
  • auftretende exegetische, theologische und philosophische Probleme werden nicht diskutiert, allenfalls angedeutet
Das Verfahren, eigene Lebenserfahrung mit dem biblischen Text zu einer neue fiktionalen Erzählung zu verweben, ergibt einen religiös unverbindlichen neuen Text.
Es bleibt die Frage nach der literarische Bedeutung, aufgeworfene Probleme und neue Einsichten. Das soll die folgende eingehende Besprechung klären.
Wie viele laienhafte Bibelausleger setzt auch Eggehorn an den Anfang, dass bisher die Bibel (zumindest die ihren Ausführungen zugrunde liegenden Teile) nicht verstanden wurde: „Erst wenn viel mehr Frauen diese Texte mit ihrem eigenen Leben als Resonanzboden lesen, werden wir verstehen, worum es darin geht. Wir sind erst am Anfang.”
Da wird mit schnellen Griff in die Feminismuskiste mehr als zweitausend Jahre Bibelstudium der Stempel: „Nicht verstanden!” aufgedrückt.
Eggehorn porträtiert die folgenden Frauen:
Hagar / Sara / Rebekka / Dina / Hanna / Die Frau im Hohenlied / Eva und Maria / Elisabet und Maria / Die Frau am Jakobsbrunnen / Maria von Magdala / Die kananäische Frau / Marta und Maria / Lydia
Das sind 13 Kapitel und 16 Frauen. Im Untertitel werden 15 Porträts angekündigt. Genauigkeit ist nicht die Stärke der Autorin.
Hagar, Sara, Rebekka
Die ersten Erzählungen sah ich als die Bedeutendsten an. Deshalb gehe ich darauf ausführlich ein. Zudem kann man an ihnen einige durchgehende Vorzüge und Nachteile des Werks zeigen, die ich dann bei den folgenden Erzählungen nicht mehr zu wiederholen brauche.
In der Genesis 10–50 spielen Männer eine dominierende Rolle. Ein Teil (11,10–36,43) trägt die Abschnittsüberschrift „Die Erzväter”. Man lese die Teilüberschriften, die sich fast durchweg auf männliche Protagonisten beziehen. Die Forschung kennt die „Väter-” und „Patriarchen-Erzählung”.
Nichtsdestotrotz spielen auch Frauen in der Genesiserzählung eine wichtige Rolle. Man denke nur an Eva.
Sara tritt zum ersten Mal in Gen 11,29 als „Sarai” auf (Änderung zu „Sara” in Gen 17,5). Sie wird als Frau Abrahams eingeführt (dort noch „Abram”, Änderung in Gen 17,5). Ihr Vater wird aber nicht genannt (im Gegensatz zur Frau Nahors, deren Vater genannt wird). Das erlaubt es Abraham später (Gen 20,12) zu behaupten: „Übrigens ist sie wirklich meine Schwester, eine Tochter meines Vaters, nur nicht eine Tochter meiner Mutter; so konnte sie meine Frau werden.” Das ist vielleicht aber nur eine Notlüge, da Abraham seine Frau Sara zum zweiten Mal verleugnet.
Es könnte aber auch einen alten Rechtsbrauch gegeben haben (der den Verfassern der Genesis nicht mehr geläufig war), die Ehefrau als Schwester zu deklarieren, um sie in den Status der Blutsverwandtschaft zu heben. (Max Küchler)
„Sarai war unfruchtbar, sie hatte keine Kinder.” (Gen 11,30)
Gleich im nächsten Vers heißt es von ihr: „Sarai war unfruchtbar, sie hatte keine Kinder.” (Gen 11,30). Da zeigt sich – was noch mit vielen Stellen belegt werden wird – dass die Nachkommenschaft und Erbfolge im Bibeltext eine dominante Rolle spielen.
Es fällt auf, dass der Bibeltext oft inkonsequent fabuliert. Der erste Teilsatz von Gen 11,30 impliziert den zweiten. D. h. der zweite ist überflüssig. Es sei denn, Sara wäre erst nach Geburt eines oder mehrerer Kinder unfruchtbar geworden. Das gibt der Text aber nicht her. Wenn man den Text als fiktive, geschichtliche Erzählung auffasst ist der Nachsatz eine Verstärkung des Vorsatzes.
Offene Probleme und unbeantwortete Andeutungen
Eggehorn erkennt, dass der Bibeltext oft empörend und abstoßend ist (S. 15). Als Norm für richtiges Leben muss man Bibel lesenden Kindern einen großen Teil „wegerklären”. Dann folgt eine der unerkärten (zumindest für Nicht-Christen) Kehrtwenden: Das Wegerklären erkennt man schnell als Irrtum, wenn man erwachsen wird (S. 15). Ich meine eher umgekehrt: je älter man wird, desto mehr muss wegerklärt werden oder man verwirft die Idee, die Bibel gäbe viel als Richtschnur fürs eigene Leben her.
Wegerkären und beschönigen
• Eggehorn sieht es charakteristisch für biblische Erzählungen an, dass die Personen keine Helden sind (S. 15). Es fragt sich, wie man solche Erzählungen als Grundlage für ein sinnvolles Leben halten kann.
• Eggehorn bezeichnet Abraham als „kein Vorbild” (S. 15). Ich bin mir unsicher, ob Christen, – lobesfreudig über Eggehorns Ich hörte Saras Lachen – diese Aussage richtig würdigen.
• Eggehorn las die Bibel recht selektiv.
  • Abraham blieb Sara treu (S. 25). Dabei war er recht leicht zu überreden zu Hagar unter die Decke zu schlüpfen und zeugte mit ihr Ismael. Das ist biblische Treue a la Eggehorn.
  • Eggehorn stuft Rebekka als den „Prototyp eines mündigen Menschen” (S. 36) ein. Da muss sie zur vereinbarten Heirat unter Verwandten (ohne dass Rebekka ihren künftigen Ehemann vorher gesehen hatte) beide Augen zukneifen. Es handelt sich um eine typisch abgesprochene Heirat, wie sie heute im westlichen Einflussgebiet weitgehend verfemt ist.
    In der Diskussion über dieses Buch wurde ich darauf hingewiesen, dass Rebekka gefragt wurde, ob sie den nie gesehenen fremden Mann will. Das wurde als Beleg dafür genommen, dass es keine erwzungene Heirat war. Rebekka wurde gefragt und sie hat (freiwillig) bejaht. Abgesehen davon, dass auch dies unerhört wäre (sie hatte ihren künftigen Lebenspartner nie gesehen; wurde mit Reichtümern eingelullt), stimmt es nicht so ganz. Rebekkas Vater Betuel und ihr Bruder Laban übergeben Rebekka – lange vor deren Befragen! – mit diesen Worten: „Da, Rebekka steht vor dir. Nimm sie und geh! Sie soll die Frau des Sohnes deines Herrn werden, wie der Herr es gefügt hat.” (1 Mos 24,51).
    Ganz klar:
    * die Zustimmung erfolgt durch Betuel und Laban bevor Rebekka gefragt wird.
    Ziemlich klar (soweit in der Bibel je etwas klar ist):
    * der Grund ist eine vom Knecht (Schmuser) vorgebrachte Geschichte, dass Gott es so will. Im zitierten Satz bezieht sich das erste "Herr" auf Abraham, das zweite "Herr" auf Gott. Das wird vorher explizit gesagt: „Ich verneigte mich, warf mich vor dem Herrn nieder und pries den Herrn, den Gott meines Herrn Abraham, der mich geradewegs hierher geführt hat, um die Tochter des Bruders meines Herrn für dessen Sohn zu holen.” (1 Mos 24,48)
  • Eggehorn thematisert auch nicht die Fremdenfeindlichkeit, die im Umfeld der von ihr porträtierten Frauen immer wieder durch dringt.
  • Abraham nahm seinem Knecht einen Eid ab: „schwöre mir [...], dass du meinem Sohn keine Frau nimmst von den Töchtern der Kanaaniter, unter denen ich wohne” (1 Mos 24,3).
  • „Rebekka zu Isaak: Mich verdrießt zu leben wegen der Hetiterinnen. Wenn Jakob eine Frau nimmt von den Hetiterinnen wie diese, eine von den Töchtern des Landes, was soll mir das Leben?” (1 Mos 27,46)
  • Isaak zu seinem Sohn Jakob: „Nimm dir nicht eine Frau von den Töchtern Kanaans, sondern mach dich auf und [...] nimm dir dort eine Frau von den Töchtern Labans, des Bruders deiner Mutter.” (1 Mos 28,1-2) Also lieber Inzest als eine fremde Frau.
  • Wer tadelt noch den türkischen Vater in Deutschland, der eine ähnliche Position vertritt?
Abrahams versuchter Kindermord
Abrahams versuchten Mord an seinem Sohn Isaak will Eggedorn aus dem Blickwinkel des Kindes  sehen. Das vermisste ich dann.
Die versuchte Erklärung als „Polemik gegen Kinderopfer” (S. 37) überstrapaziert den Text. Abraham war bereit, seinen Sohn zu ermorden. Eine  Polemik gegen Kinderopfer würde sich anders lesen.
Lorna Crozier, eine kanadische Schriftstellerin (Ylva Links), stellt dazu wichtige Fragen:
• Wo war Sara, als Abraham Isaak zum Mordplatz führte?
• Was tat Sara, als Abraham sein Messer zog?
Crozier bemängelt: Über die Mütter erfährt man nichts in der Bibel. Das mag übertrieben sein, doch daran stimmt: herzlich wenig. Eggehorn denkt auch darüber nach und sagt eindeutig, sie hätte das Kinderopfer verweigert: „Die Mutter bin immer noch ich!” (S. 38).
Nachkommenschaft, Erbe, Geringschätzung der Frau
Eggehorn erkennt und benennt die Geringschätzung der Frau zu Zeiten Abrahams.
Die Frau ist dem Mann untergeordnet und er herrscht über sie (S. 25). Diese  Geringschätzung der Frau durchzieht die Bibel und wirkt sich in der römisch-katholischen Kirche bis heute unheilvoll aus (Ylva Links).
Wertschätzung erfolgte nur aufgrund eines Kindes (S. 25). Es steht zwar nicht explizit so in der Genesis, doch geht es daraus hervor. Auf Herkunft über Generationen wird viel Wert gelegt. Ebenso  auf  Nachkommenschaft und Vererbung. Für Nachkommenschaft wird Sex zu Dritt zum Brauchtum und es werden sogar Verbrechen in Kauf genommen.
Die Geringschätzung der Frau wird auch in „Maria durch ein Dornwald ging” (hat – soweit ich sehe – nichts mit dem gleichnamigen Weihnachtslied zu tun), S. 30, ausgedrückt:
„Eine Frau muss nichts sehen und wissen,
wenn Besuch kommt, das muss nur der Mann”
Biblische und theologische Ungereimtheiten
•  „Der Herr sprach zu Abram: Zieh weg aus deinem Land, von deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde” (1 Mos 12,1)
Abraham zieht also auf Geheiß Gottes los, baut mehrere Altäre in die Landschaft und kommt schließlich in den Negeb (1 Mos 12,9). Wenn man Gottes Ratschlägen folgt, kann das übel ausgehen: „Als über das Land eine Hungersnot kam, zog Abram nach Ägypten hinab, um dort zu bleiben; denn die Hungersnot lastete schwer auf dem Land” (1 Mos 12,10).
• Nach der Geburt Ismaels verschärft sich die Lage wieder. Sara fordert von Abraham: „Verstoß diese Magd und ihren Sohn! Denn der Sohn dieser Magd soll nicht zusammen mit meinem Sohn Isaak Erbe sein.” (1 Mos 21,10). Aus rein pekuniärem Interesse will Sara zwei Menschen verstoßen! Schlimm genug, doch es kommt schlimmer. Gott unterstützte das Verbrechen und sprach zu Abraham: „Hör auf alles, was dir Sara sagt!” (1 Mos 21,12).
Der Allwissende fragt oder läßt fragen
  • „Der Engel des Herrn fand Hagar an einer Quelle in der Wüste, an der Quelle auf dem Weg nach Schur. Er sprach: Hagar, Magd Sarais, woher kommst du und wohin gehst du?”  (1 Mos 16,4)
  • Als Hagar merkte, dass sie schwanger war, verlor die Herrin bei ihr an Achtung.  (1 Mos 16,7-8)
  • Sie wird von Sara verstoßen und ein Engel des Herrn kommt zu ihr und teilt ihr mit: „Du bist schwanger, ...” (1 Mos 16,11). Das wußten Hagar und Sara. Warum teilt es ihr Gott nochmals mit?
  • Hagar und Ismael wurden von Abraham auf Geheiß Sarars und Gottes in die Wüste geschickt. Das Wasser ist zu Ende, der sterbende Knabe schreit vor Durst, Hagar weint. Da fragt der  Engel Gottes, man kann es angesichts der Allwissenheit nur zynisch nennen: „Was hast du, Hagar?” (1 Mos 21,17)
Verbrecher oder Zeitgeist-Täter?
Angesichts der zahlreichen Verbrechen und moralischen Abartigkeiten aus heutiger Sicht ergibt sich die Frage: sind die Täter zu verurteilen?
Wer keinen ethischen Relativismus (YlvaEthischer Relativismus) vertreten will, muss eigentlich zu einer Verurteilung der meisten Personen in der Bibel kommen. Aus heutiger moralischer Sicht sind es verabscheuungswürdige Übeltäter oder gar Verbrecher.
  • Abraham heiratet seine Halbschwester Sara und begeht Inzest
  • Da kinderlos, verkuppelt Sara ihren eigenen Ehemann mit der Magd Hagar
  • Dazu braucht es keine grosse Überredung (Eggehorn S. 17); kein Wunder, Sara war uralt.
  • Hagar schlüpft zu Abraham ins Bett, obwohl sie weiß, dass er mit Sara verheiratet ist
Sara & Hagar & Abraham
Dass Sara zuerst ihren Gatten mit der Magd verkuppelt und dann auf diese und deren Sohn Ismael neidisch wird, ist menschlich (nicht die ménage à trois, aber der Neid). Doch Sara geht weiter. Schon als Hagar schwanger ist, stellt sie Abraham vor die Entscheidung: sie oder Hagar. Abraham beruft sich darauf, dass Hagar Sklavin ist und stellt sie Sara zur Verfügung: „tu mit ihr, wie dir's gefällt” (1 Mos 16,6). Seine Bettfreuden hatte Abraham gehabt, nun überläßt er das Objekt seiner Begierde seiner Frau. Hagar zieht es vor zu fliehen.
Von einem gerechten Gott würde man erwarten, dass er Sara bestraft und umstimmt und Hagar zurückführt. Weit gefehlt. Gott befahl Hagar zurückzukehren und die Härte auszuhalten.
Abraham als Betrüger und Lügner
In Ägypten gibt Abraham seine Frau Sara als Schwester aus und zwar aus rein egoistischen Motiven: „So sage doch, du seist meine Schwester, auf dass mir's wohlgehe um deinetwillen und ich am Leben bleibe um deinetwillen” (1 Mos 12,13). Was mit Sara passiert ist ihm offensichtlich egal. Er „bekam Schafe, Rinder, Esel, Knechte und Mägde, Eselinnen und Kamele.” (1 Mos 12,16), sie bekam den Pharao, oder genauer: der Pharao bediente sich bei ihr. Man beachte die Reihenfolge in der Aufzählung der Geschenke des Pharaos.
Schlimm genug, doch es kommt schlimmer. Statt nun Abraham zu strafen oder zu massregeln oder der willfährigen Sara die Leviten zu lesen wurde der ahnungslose Pharao von Gott mit „mit großen Plagen” geschlagen (1 Mos 12,17). Soviel zu Gottes Gerechtigkeit. Oder belegt es mehr seine Ahnungslosigkeit?
Nun könnte man Abraham entschuldigen: jeder macht mal einen Fehler. Doch Abraham lernte nichts daraus. Beim König Abimelech in Gerar zieht er dasselbe Betrugsmanöver durch und scheitert wieder. Er gibt Sara als Schwester aus und noch bevor der König sich Sara näherte, wird ihm (nicht dem Lügner Abraham!) von Gott der Tod angekündigt. Soviel zu Gottes Gerechtigkeit. Zur Rede gestellt greift Gott zur Notlüge. Abraham – ebenfalls zur Rede gestellt – gesteht wieder seine egoistischen Motive ein: „Ich dachte, [...] sie werden mich um meiner Frau willen umbringen” (1 Mos 20,11). Dann redet auch er sich heraus: seine Ehefrau Sara sei immerhin seine Halbschwester. Seine Lüge kaschiert er mit Inzest.
Übrigens: in einem Nachsatz, leicht zu überlesen, erfährt der Leser, dass Gott Abimelech, obwohl dieser weder gesündigt hat, noch über die Ehe zwischen Sara und Abraham wusste, schwer gestraft hatte: „der Herr hatte zuvor hart verschlossen jeden Mutterschoß im Hause Abimelechs um Saras, Abrahams Frau, willen” (1 Mos 20,18). Soviel zu Gottes Gerechtigkeit.
Zweites übrigens: nicht die Männer wurden „verschlossen” (was das einfachste wäre und annähernd gerecht, ging das Betrugsmanöver doch vom Mann Abraham aus), sondern die Frauen. Die Männerfreuden blieben ungetrübt.
Dina
Vergewaltigung & Blutrache
Wie noch heute in China und anderen Ländern hat in der Bibel eine Tochter selten einen Wert an sich. Sie kann bestenfalls verheiratet werden (S. 49). Unter den vielen abscheulichen und damit deprimierenden Geschichten der Bibel ist die über Dina, Tochter von Lea und Jakob, besonders niederschmetternd.
Sie beginnt mit einer Vergewaltigung. Recht naiv fragt Eggehorn: „War sie Sichem freiwillig gefolgt?” Das kennen wir aus vielen Prozessen. Schuld ist nicht der Vergewaltiger, denn das Mädchen wollte es ja so. Warum zog sie einen kurzen Rock an? Bei einem männlichen Autor, na ja, aber bei einer Autorin? Dabei ist die Bibel ziemlich eindeutig: „Als Sichem sie sah [...], nahm er sie, legte sich zu ihr und tat ihr Gewalt an” (1 Mos 34,2).
Der Sexwüstling Sichem will sie aber heiraten. Vater Hamor macht Jakob gosszügige Angebote. Es geht um Geld und Macht: das Mädchen Dina wird zum Verhandlungsobjekt. Die Söhne Jakobs verhandeln mit Sichem und dessen Vater. Dina wurde nicht gefragt.
Die Söhne Jakobs stellen die folgende Bedingung: die männlichen Hiwiter müssen sich beschneiden lassen. Da ist ungeheuerlich. Ob es religiöse Unterwerfung (in Verdrehung des Wahlspruchs: Cuius regio, eius religio) oder Symbol der Machtausübung ist entzieht sich meiner Kenntnis. Eine unverschämte Forderung ist es jedenfalls.
Das ist schlimm, doch es kommt schlimmer. Hamor und sein Sohn Sichem sind einverstanden. Alle Männer ließen sich beschneiden. Eggehorn sieht das glückliche Ende nahe (S. 57). Ginge die Erzählung nur bis hierher, ich würde es nicht als glücklich bezeichnen. Über Dinas Einstellung zu Sichem ist nichts bekannt. Es wird wohl vorausgesetzt, dass sie ihren Vergewaltiger heiraten wird. Doch dann folgen fürchterliche Massenehrenmorde. Nicht nur die frisch beschnittenen Männer werden massakriert, auch Frauen und Kinder werden nicht geschont, Tiere werden geraubt, die Stadt geplündert. Eggehorn erkennt sehr gut die Parallele zu Ehrenmorden unserer Zeit (die immer „nur” wenige Menschen betreffen): die Mörder fragen: „Durfte er denn an unserer Schwester wie an einer Hure handeln?” (1 Mos 34, 31).
Über Dina ist ab der Vergewaltigung in der Bibel keine Rede mehr. Sie ist lediglich Verhandlungsobjekt.
Eggehorn schließt mit dem kryptischen: „Die Erzählung legt eine schwere Verantwortung auf uns Leser” (S. 59). Ich sehe vor allem die Verantwortung, dass man sich von jeglicher Zwangskonfessionierung und von allen Massenehrenmorden strikt distanziert.
Hanna
Eggehorn weist oft auf Details und Zusammenhänge hin. Etwa wenn sie auf den Mantel verweist, den Hanna ihrem Sohn Samuel bei ihren alljährlichen Besuchen in der Kinderjahresstätte mitbringt (S. 65). Da zeigt sich, dass man die Fantasien einer Laienleserin vorsichtig nehmen muss. Die Einheitsübersetzung machte aus dem Mantel, das klimamäßig viel passendere Oberhemd.
Die Frau am Jakobsbrunnen
Der Wanderprediger Jesus (S. 94) hatte anscheind sehr wenig Erfolg. Von einer größeren Anhängerschaft ist keine Rede im NT. Am Verhandlungstag gegen ihn hatte er kaum Unterstützung. Liegt es darun, dass er sich wie ein pascha aufführt? An einem heißen Tag läßt er die Jünger in die Stadt gehen um Essen zu holen. Er wartet im Schatten (S. 98). Das nutzt Eggehorn wieder zu einer Vermutung / Unterstellung / Interpretation: Jesus war einsam. Und Eggehorn weiß auch gleich den Grund (S. 98).
Maria von Magdala
• Schon oben bemängelte ich, dass der Allwissende erstaunlich oft etwas nicht weiß (Eggehorn Der Allwissende fragt oder läßt fragen). Nach seinem Tod kann man seine Frage an Maria Magdalena: „Frau, warum weinst du? Wen suchst du?” (S. 11) nur als hinterhältig bezeichnen. Selbst kein allwissender Bekannter der Frau hätte erraten können, wen sie im Grabe sucht.
• Gerade in dieser wichtigen Episode der Auferstehung widersprechen sich die Evangelien in einigen Punkten. Eggehorn versucht das herunter zu spielen (S. 117; vergleiche Eggehorn Wegerkären und beschönigen).
• Andrerseits erkennt sie schon Übel in der Kirche und nennt sie – wenn auch recht zahm – beim Namen, so die „Verdrängung der Frauen und des Leiblichen in der Kirche” (S. 121).
Die kanaanäische Frau
• Noch ein Beipiel für Eggehorns lockere Interpretation / Verdrehung des Bibeltextes. Als die kanaanäische Frau Jesus verzweifelt anspricht antwortet dieser nicht (S. 131). Eggehorn stuft dies als Verhandlung ein und stellt es in eine Reihe mit den Verhandlungen mit Abraham (S. 130) und Thomas (S.131). Abgesehen davon, dass Gott nicht mit Abraham verhandelte sondern den Kindsmord forderte, ist auch diese Szene keine Verhandlung. Als Jesus endlich antwortet wird er gar unverschämt: „Es ist nicht recht, den Kindern das Brot wegzunehmen und es den Hunden zu geben” (S. 132). Ungeheuerliche Arroganz, die noch dadurch gesteigert wurde, da Jesus ja die ganze Hintegrundgeschichte der Frau und deren Sohn kannte! 
Marta und Maria
• Noch ein Beispiel für die Ungereimtheiten in den biblischen Erzählungen (und die Porträts sind schon länger im NT angekommen): als Jesus erfuhr, dass Lazarus tot ist, „war er äußerst erregt und traurig” (S. 138; diesen Befund Eggehorns habe ich jetzt mal nicht überprüft). Warum? Um sein Auferweckungswunder zu vollbringen musste er Lazarus sehen. Warum das denn?
• Das Plädoyer Eggehorns für den Luxus (S. 142-143), statt den Armen zu geben, überzeugte mich nicht. Noch weniger Jesus Entschuldigung: „Mich habt ihr nicht zu jeder Zeit ... ” (S. 143). Denn die Armen haben wir auch nicht zu jeder Zeit.

Ethischer Relativismus
Mir scheint, Christen vertreten einen Relativismus, wenn es um die Verbrechen der biblischen Gestalten geht. Die Leihmutterschaft Hagars (mit einer Fülle von moralischen Abartigkeiten) sieht Eggehorn als nicht schändlich an, da es anscheinend ein alter Brauch war. Relativismus pur. Doch wenn man heute einen  Relativismus der Werte vertritt und damit andere Positionen gleichwertig zur christlichen Moralvorstellung ansieht, wird von der „Diktatur des Relativismus” (Ylva Literatur) gesprochen und man muss um sein Leben fürchten.
Ethischer Relativisten vertreten die Auffassung, dass es keine absoluten ethischen Werte gibt. Ethische Aussagen haben ohne ihren Kontext haben keine Wahrheitswerte. Die Moralvorstellungen der Menschen sind durch Kultur, gesellschaftliche Ordnung, Geschichte, Erziehung, Bildungswesen und soziale Stellung geprägt. Eine Be- oder gar Verurteilung ferner Gesellschaften (fern sowohl geografisch als auch zeitlich verstanden) ist nicht sachgemäß.
Viele Religionen vertreten die konträre Auffassung: es gibt absolute Werte und Verhaltensweise, die entweder von transzendenten Mächten vorgegeben, in heiligen Schriften niedergeschrieben, durch die Natur vorgegeben oder von Institutionen verkündet werden.
Vor allem das Christentum vertritt so eine Position, inbesondere aber Papst Benedikt XVI.  von der römisch-katholischen Kirche wetterte schon als Joseph Ratzinger gegen einen um sich greifenden Relativismus. Dabei versteht Ratzinger den Relativismus anscheinend falsch. Er sieht die Fülle anderer Moralsysteme und meint, die Menschen würden zwischen Atheismus, vager religiöser Mystik, Agnostizismus und anderen –ismen pendeln. Seine Fehlauffassung verkündete Ratzinger in einer Ansprache, unmittelbar vor seiner Wahl zum Papst:
„Dabei erscheint der Relativismus, das heißt, das Sich-treiben-lassen hierhin und dorthin von jedwedem Wind der Lehre, als die einzige Haltung auf der Höhe der Zeit. Es bildet sich eine Diktatur des Relativismus heraus, die nichts als definitiv anerkennt und die als letztes Maß nur das eigene Ich und seine Wünsche gelten läßt.“
Joseph Ratzinger, Predigt in der Petersbasilika Rom, Montag, 18. April 2005, siehe: Wider die Diktatur des Relativismus, Ylva Links.
Die Gegner des Relativismus haben die Probleme meist nicht richtig durchdacht:
  1. Sie unterscheiden nicht zwischen den verschiedenen Bereichen und vermengen gleich einen universalen Wahrheitsrelativmus dazu.
  2. Wie man aus Ratzingers Predigt sieht, unterstellen sie den ethischen Relativisten auch, ständig zwischen verschiedenen ethischen Positionen zu pendeln.
  3. Zudem unterstellen sie den Relativisten, dass jene „die Sau rauslassen“ würden oder gar ständig eine Bank überfallen würden, wenn sie nicht an der dogmatischen religiösen Kandare liegen (siehe Manfred Lütz, Ylva Links).
Auf Argumente pro und contra moralischer Relativismus wurde hier nicht eingegangen. Die Position der  Gegner des Relativismus ist schon so, wie sie meist vorgetragen wird, tadelswert.
Ein Nach- und Vorteil
Wie bei allen fiktiven historischen Erzählungen ist es für die Leser oft schwierig historische Tatsachen von Hinzuerfundenem zu trennen. Bei manchen Texten ist das nicht entscheidend, hier schon, weil man ohne den Originaltext viele Gedanken der Autorin nicht versteht. Man muss also den biblischen Text parallel lesen. Das hat den Vorteil, dass man wieder mal den originalen Bibeltext zur Kenntnis nimmt, ist aber auch recht mühsam und aufwändig.
Dichterische Freiheit
Eggehorn dichtet manches hinzu und dramatisiert einiges.
• Während es in 1 Mos 21,12 nur heißt, dass Gott zu Abraham sprach, macht Eggehorn daraus einen intensiven Traum (S. 19). Harmlos.
• Dann dramatisiert die Autorin, allerdings glaubwürdig: Alle wissen, dass Abraham auf Geheiß Saras und Gottes die Sklavin Hagar und ihr Baby Ismael in den Tod schickt (S. 19). Der Bibeltet dazu ist nüchterner: Hagar „irrte in der Wüste von Beerscheba umher” (1 Mos 21,14).
• Ein bemerkenswertes Beispiel dichterischer Freiheit liefert Lorna Crozier, deren Gedicht: „Saras Kinderlosigkeit” Eggehorn und der Übersetzer Rainer Haak auf S. 26-28 in deutscher Übersetzung einfügen. Lorna Crozier setzt sich über die Kinderlosigkeit Saras hinweg (von Gottes Versprechen, dass sie doch noch schwanger werden wird, war noch keine Rede). Sowohl am Hof des Pharao in Ägypten, als auch am Hof des Königs von Gerar wird sie (vermutlich) vom jeweiligen Herrscher geschwängert. Schuld daran ist Abraham, der sie zweimal als seine Schwester ausgibt. In Lorna Croziers Gedicht wird Sara vom Pharao schwanger (!). Auf der Heimreise aus Ägypten treibt sie das Kind ab. Konsequent läßt die Dichterin Sara auch bei  Abimelech, König von Gerar, schwanger werden und abtreiben (S. 27). Das spätere Wunder Isaak wird in Croziers Gedicht stark relativiert.
Ich hörte Saras Lachen regt dazu einige Geschichten in der Bibel wieder zu lesen. Die Autorin setzt manches in ein neues Licht, allerdings – und das ist die Kritik – entspringt vieles nur ihrer Fantasie. Als historisches Werk bietet Ich hörte Saras Lachen kaum etwas als bibelkritisches oder auch nur erhellendes Werk nur wenig. Als literarisches Werk ist Ich hörte Saras Lachen aber zu dürftig ausgearbeitet.
Interessant wäre ein Vergleich mit den vielen anderen Werken, die sich bemühen die wenigen Frauen in der Bibel ins Licht zu rücken. 
Links
EggehornKurzbesprechung
EggehornLorna Crozier (* 1948 in Swift Current, Saskatchewan)
Eggehorn Diskriminierung der Frau in der katholischen Kirche
Eggehorn Manfred Lütz: Gott: Eine kleine Geschichte des Größten
EggehornWider die Diktatur des Relativismus, FAZ Themenarchiv, 19. April 2005
Literatur
Michael Felder: Ob Jesus lachte? Gedanken  zum Humor. Universitas. Das Magazin der Universität Freiburg, Schweiz 1/Sept 2010, 14-16 – Eggehornonline (pdf)
Thomas Straubli: Biblisches Gelächter?! Universitas. Das Magazin der Universität Freiburg, Schweiz 1/Sept 2010, 8-10
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Eggehorn EggehornYlva Eggehorn: Ich hörte Saras Lachen: Frauen in der Bibel. 15 Porträts. Freiburg: Herder, 2007. Gebunden, 160 Seiten. [Kryddad olja, schwedisch] Rainer Haak, Übs. Eggehorn
Ylva Eggehorn: Ich hörte Saras Lachen: Frauen in der Bibel. 15 Porträts. Freiburg: Herder, 2012. Taschenbuch, 160 Seiten. [Kryddad olja, schwedisch] Rainer Haak, Übs. Eggehorn

Bal EggehornMieke Bal, Fokkelien van Dijk Hemmes, Grietje van Ginneken: Und Sara lachte ... – Patriarchat und Widerstand in biblischen Geschichten. Münster: Morgana, 1988. Broschiert, 131 Seiten eggehorn
Ylva  Eggehorn: Frauen in der Bibel. Freiburg: Herder, 2012. Gebunden, 160 Seiten Eggehorn
ernst EggehornGerhard Ernst, Hg.: Moralischer Relativismus. Mentis, Paderborn, 2009. Broschiert, 306 Seiten Fischer
Irmtraud Fischer: Gotteskünderinnen: Zu einer geschlechter-fairen Deutung der Propheterie in der Hebräischen Bibel. Stuttgart: Kohlhammer, 2002. Gebunden, 298 Seiten Eggehorn
Fischer EggehornIrmtraud Fischer: Gotteslehrerinnen: Weise Frauen und Frau Weisheit im Alten Testament. Stuttgart: Kohlhammer, 2006. Broschiert, 221 Seiten Fischer
Irmtraud Fischer: Gottesstreiterinnen: Biblische Erzählungen über die Anfänge Israels. Stuttgart: Kohlhammer, 2006. Broschiert, 208 Seiten Eggehorn
Käsmann EggehornMargot Kässmann: Mütter der Bibel. 20 Porträts für unsere Zeit. Freiburg: Herder, 2008. Taschenbuch, 160 Seiten Krauss

Heinrich Krauss, Max Küchler: Erzählungen der Bibel II: Das Buch Genesis in literarischer Perspektive. Abraham - Isaak - Jakob. Vandenhoeck & Ruprecht, 2004.
Taschenbuch, 265 Seiten  Eggehorn
Richards EggehornSue Richards, Larry Richards: Alle Frauen der Bibel: Ihre Geschichte. Ihre Fragen. Ihre Nöte. Ihre Stärke. Gießen: Brunnen, 2012.  Broschiert, 348 Seiten Rohrmoser
Günter Rohrmoser: Diktatur des Relativismus. Gesellschaft für Kulturwissenschaft, Bietigheim/Baden, 2007. Eggehorn
Sänger EggehornHermann Saenger: Sie wussten, was sie taten: Frauen der Bibel erzählen ihre Geschichte. Cmz, 2008. Gebunden, 204 Seiten Sölle
Dorothee Sölle: Gottes starke Töchter: Grosse Frauen der Bibel. Topos Plus, 2009. Broschiert, 103 Seiten Eggehorn
Wendel EggehornUlrich Wendel: Führende Frauen in der Bibel. Gießen: Brunnen, 2007. Broschiert, 112 Seiten
Wind
Renate Wind: Eva, Maria und Co: Frauen in der Bibel und ihre Geschichte(n). Neukirchener, 2007. Taschenbuch, 141 Seiten Eggehorn
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 7.7.2012