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Idling
Peter Fröberg Idling:
Pol Pots Lächeln: Eine schwedische Reise durch das Kambodscha der Roten Khmer

Frankfurt am Main: Edition Büchergilde, 2013. Andrea Fredriksson-Zederbauer, Übs. Gebunden, 352 Seiten
Peter Fröberg LinksPeter Fröberg Literatur

Die politisch Mächtigen der Erde verbünden sich gerne mit Vertretern aus Wirtschaft, Kultur, Kirche und den Medien. Die Unterdrücker, Diktatoren und Massenmörder laden sich gerne solche Vertreter ein und zeigen ihnen Potemkinsche Dörfer.
Vier  schwedische Intellektuelle reisten 1978 auf Einladung ins Kambodscha der Roten Khmer. Sie sahen lachende Kinder und eine heile Welt. Wir wissen heute, dass damals dort mit knüppelharter Hand regiert wurde. Wir wissen von Unterdrückung bis zur Vernichtung im kambodschanischen Foltergefängnis S-21.
Der Autor Peter Fröberg Idling fragte sich, wie die vier Schweden – und mit ihnen Teile der westlichen Intellektuellen, genannt seien der schwedische Schriftsteller Per Olov Enquist und der US-Linguistiker Noam Chomsky – so eklatant getäuscht werden konnten. Jan Myrdal, einer der damals Mitreisenden, weigert sich bis heute, einen Fehler einzusehen.
Idling setzt den damaligen Reiseberichten die neuere Geschichte Kambodschas und die Lebensgeschichten einiger politisch Verantwortlichen entgegen. Hilfreich ist dazu ein Personenverzeichnis und eine Landkartenskizze zu Beginn von Pol Pots Lächeln. Der Autor reiste selbst ins Königreich Kambodscha auf den Spuren der damaligen Reisenden und versuchte damals Beteiligte zu interviewen.
In Collagetechnik fügt der Autor zwischen die Berichtsfetzen Schnipsel mit Parolen der Roten Khmer ein. Plastisch vergleicht er die damaligen Lager in Kambodscha mit denen der Nazis. Die Nationalsozialisten verfolgten bestimmte Gruppen, wie Juden, Roma und Sinti, Homosexuelle, Zeugen Jehovas u.a. Der ruhige Mitläufer war vor Verfolgung einigermaßen sicher. In Kambodscha unter kommunistischer Diktatur konnte sich niemand sicher fühlen. Zahlreich sind die geschilderten Fälle, wo gerade noch gelobte Funktionäre von einem Tag auf den anderen verschwanden.
Noch eine nahezu unglaubliche Information: Die Sprengkraft von 183 Hiroshima-Bomben fiel in vier Jahren auf Kambodscha, das nicht einmal halb so groß wie Schweden ist (S. 104).
Da ich weder die Geschichte Südostasiens noch das Geschehen dort in den Siebzigern gut kannte, lernte ich durch die Lektüre einiges dazu. Doch leider vereitelte die in anderen Besprechungen gelobte Collagetechnik bei mir mehr. Der Autor springt zwischen den Handlungs– und Geschichtssträngen kleinräumig: jedes der 265 Kapitelchen geht von zwei Zeilen bis vier Seiten, meist sind es knappe zwei. Man folgt den zeitlichen Sprüngen vom 21. Jhdt. zu 1970, Mitte 20. Jhdt., 1975, 1978, 1963, 1973, 1967, 1999. Ich konnte den Faden nicht immer aufnehmen. Damit verbunden sind Ortssprünge: Schweden, Frankreich, Kambodscha. Das i-Tüpfelchen sind kurze Kapitel, wie z.B. das 27., deren Herkunft völlig offen ist. Kursiv gesetzt!? Bedeutet – was? Das Kapitel 76 schildert den entsetzlichen Tod deines Mannes, der sich selbst verbrannt hatte. Der Berichterstatter wird von einem Straßenjungen um sein Mobiltelefon gebeten. Wo und wann spielt diese tragische Szene? Und wozu? Vieles bleibt offen, zumindest für mich.
Mögliche Gründe für Täuschungen der Art von 1978 in Kambodscha sehe ich darin:
  • Man ist zu leichtgläubig, wenn man eingeladen ist. Wer von anderen zu einem bestimmten Zweck hofiert wird, muss immer damit rechnen, dass ihm was vorgemacht wird. Das geschieht auch heute täglich. Viele Fotos in Tageszeitung zeigen naive Politiker beim Besuch von Heimen, Flüchtlingsunterkünften, Betrieben, usw.
  • Man sieht auch nur allzu gerne das, was man sich jeweils erwartet.
Die politische Täuschung wurde in Pol Pots Lächeln durch die genannten Techniken auf das literarische Feld übertragen. Das Konzept einen schwierigen, komplizierten politischen Konflikt literarisch aufzubereiten gelang nicht. Sachbuch, Bericht, Reportage und Roman in 256 kleinen Portionen geht nicht zusammen. Wer es jedoch schafft all die zeitlichen Stränge wieder zusammen zu fügen, kann sich ein eigenes Bild über Kambodscha und Täuschungsmechanismen machen.
Links
IdlingWeltlese – Lesereisen ins Unbekannte 
IdlingPeter Fröberg Idling 
IdlingOskar Piegsa: Pol Pot und die Linken: Auf Austern mit dem Massenmörder. Spiegel Online 1.4.2013
IdlingOskar Piegsa: Korrektur der Besprechung
IdlingPeter Pisa: Im Schlachthof sahen die Reisenden nur lachende Gesichter, Kurier.at 23.03.2013
Literatur
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Idling IdlingPeter Fröberg Idling: Pol Pots Lächeln: Eine schwedische Reise durch das Kambodscha der Roten Khmer. Frankfurt: Edition Büchergilde, 2013. Andrea Fredriksson-Zederbauer, Übs. Gebunden, 352 Seiten
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