| Leo N. Tolstoi: Anna Karenina München: Artemis & Winkler, 1994. 1014 Seiten – |
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| Der Inhalt des
Mammutswerks ist vielseitig und in jedem Literaturlexikon (am besten
aber in Anna Karenina) nachlesbar. Neben der Liebe
ist es die Familie und der Sinn des Lebens, der zur Debatte steht.
Innerhalb der Sinndebatte steht auch die Frage, wer den Sittenkodex
aufstellt, wer ihn einzuhalten hat und wie die Abweichler sanktioniert
werden. Das alles zeigt Tolstoi nicht allein an der Anna Karenina
sondern ebenso an Konstantin Lewin, ja eigentlich an den drei alten
Adelsgeschlechtern Lewin, Schtscherbazkij und Oblonskij. Sein Vorschlag
ist das Motto des Romans: »Die Rache ist mein, ich will vergelten« (5
Mos 32,35), auch im Neuen Testament: Römer 12,19; Hebräer 10,30.
Daneben werden weitere tagespolitische, wissenschaftliche und
philosophischen Probleme (jeweils nicht zu lang; nicht abschrecken
lassen) diskutiert. Für mich war die Situation der Bauern, um die sich
Konstantin Lewin ausführlich Gedanken macht (er schreibt sogar ein Buch
dazu und experimentiert auf dem eigenen Gut), in Rußland um 1870
aufschlußreich. Daneben kommt die Liebe nicht zu kurz. Anna und ihr
Geliebter Wronskij verfallen der Eifersucht (wohl auch Konstantin, aber
er lebt auf dem Lande, das lenkt ab); Anna wird wohl auch
morphiumsüchtig. Mir ist zu exaltiert, zu extrem. Sie beklagt sich über
ihren vernunftbetonten Gatten: "Wenn er mich, wenn er Wronskij
umbrächte – ich würde ihn achten" (S. 254) und "Hätte er mich, hätte er
ihn getötet – ich hätte alles hingenommen, alles verziehen" (S. 354).
Dabei vergaß Anna, daß sie als Tote weder achten noch verzeihen könnte.
Darja und Stepan Oblonskij sind das dritte Paar und leben so
nebeneinander her. Tolstois realistischer Stil ist hervorragend. Alle Hauptgestalten, aber auch zahlreiche Nebenfiguren sind psychologisch gut gestaltet. Alles klingt glaubwürdig, alles passt. Die Kapiteleinteilung ist geschickt gewählt, man erkennt es am jeweils letzten Satz: ein kurzer Höhepunkt, Quintessenz des Kapitels oder eine Ahnung kommenden Geschehens. Viele Szenen stechen spannend heraus, ich nenne Wronskijs Beteiligung am Pferderennen oder die herrliche Jagdszenen mit dem tolpatsch Wassenka Wesslowskij. Manche Ereignisse sind omenhaft eingestreut. Doch beherrscht Tolstoi auch plastische Naturbeschreibungen, so den Frühling, S. 187. Tolstoi besticht durch ungewöhnliche haarscharf treffende Vergleiche. Wieder nur ein Beispiel: "Wronskijs Selbstbewußtsein stieß auf die kalte Selbstsicherheit Alexej Alexandrowitschs wie die Sense auf den Stein" (S. 132). Mit einem Satz charaktierisiert Tolstoi hier die Buhler um Anna. Die Verfassung des reichen russischen Adels trifft die Bemerkung eines Diplomaten: "Alles Geistreiche ist für uns so langweilig geworden" (S. 165). Und die Bürokratenhaltung vertritt Alexej Karenina. "Meine Aufgabe kann nur sein, mein Ansehen zu erhalten, das mir meine Tätigkeit ungestört fortzusetzen erlaubt" (S. 340). Siehe dazu auch
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| Porträt einer Frau: |
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| Literatur | ||
| David H. Stewart: "Anna Karenina: The Dialectic of Prophecy". PMLA (Publications of the Modern Language Association of America) 79.3. (1964). S. 266-282. |