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Marlen Haushofer
Milan Kundera. Die Unwissenheit
[L'Ignorance]. München: Hanser, 2001. Gebunden, 179 Seiten. Uli Aumüller, Übs.
Kundera Autor Milan KunderaKundera Zitate
Irena emigrierte vor zwanzig Jahren mit ihrem Mann, dem ersten Kind, mit dem zweiten schwanger, von Prag nach Paris. Dort stirbt Martin, ihr Ehemann, und mit zwei Kindern muß sie sich durchschlagen und anpassen. Inzwischen lernte sie den schwedischen Geschäftsmann Gustaf kennen und lieben. Gustaf baut in Prag eine Niederlassung für seine Firma auf. Das wird zum Anlass für Irena nach langen Jahren ihre Heimatstadt zu besuchen. Am Pariser Flughafen trifft sie zufällig Josef , einen Jugendschwarm, inzwischen etwa sechzig Jahre alt. Irena ist zur Besuchszeit etwa vierzig Jahre alt. Doch keine Panik: Irenas Männer sind durchweg um einiges älter als sie. Josef kann sich nicht mehr an das Jugendgeplänkel erinnern, er ist unwissend ohne es zuzugeben. Er verlor in der Emigration in Dänemark ebenfalls den Ehepartner und will seine Verwandten in Prag besuchen. Irena und Josef vereinbaren einen Treff in Prag, doch einer gemeinsamen Zukunft stehen die verflossenen zwanzig Jahre entgegen. Man kann die Vergangenheit nicht herbeibefehlen. Eine wirkliche Rückkehr und Verständigung oder gar Versöhnung mit den Daheimgebliebenen kann genauso wenig nicht stattfinden. Josef kommt sich "zuhause" wie ein Toter vor, "der nach zwanzig Jahren aus seinem Grab steigt" (S. 66). Zuweit weichen die Lebenshaltungen der Emigranten und Einheimischen voneinander ab. Dazu tragen im speziellen Fall auch die beiden großen Einschnitte 1968 (Prager Frühling und seine Niederschlagung) und 1989 (Auflösung des Warschauer Pakts und des Eisernen Vorhangs) wesentlich bei. Die Emigranten kämpfen mit Heimweh, haben aber die Heimat verloren. Andrerseits werden sie in Paris vor die Frage gestellt: "Wieso bist du noch hier?" (S. 5).
Milan Kundera geht es in dem kunstvoll verschachtelten kurzen Roman um die Differenz zwischen den Emigrierten und den Daheimgebliebenen, die er in mehreren Vergleichen mit der zwanzigjährigen Abwesenheit Odysseus (zehn Jahre Troja, zehn Jahre Heimfahrt) verknüpft.
Er zitiert eine bemerkenswerte Szene zwischen der Göttin Kalypso und Odysseus. Sie verabschieden sich, obwohl Odysseus noch vier Tage bleibt.
Ihr antwortete drauf der erfindungsreiche Odysseus:
Zürne mir darum nicht, ehrwürdige Göttin! Ich weiß es
Selber zu gut, wie sehr der klugen Penelopeia
Reiz vor deiner Gestalt und erhabenen Größe verschwindet;
Denn sie ist nur sterblich, und dich schmückt ewige Jugend.
Aber ich wünsche dennoch und sehne mich täglich von Herzen,
Wieder nach Hause zu gehn und zu schaun den Tag der Zurückkunft.
Homer: Odyssee V 214-220; Übersetzung: Johann Heinrich Voß, 1793; Kundera S.9
Kundera stellt eine gewisse Ignoranz zwischen den Daheimgebliebenen und Zurückkehrenden fest (Originaltitel: "L' Ignorance"). Es herrscht Unwissenheit: man bemüht sich auch nicht sie aufzuheben. Die Handlung wird essayistisch reflektiert: Wortbedeutungen, insbesondere von "Nostalgie", Überlegungen zur europäischen Politik und dem Schicksal Tschechiens im 20. Jahrhundert stehen im Mittelpunkt. Dadurch verliert der Roman an Geschlossenheit, gewinnt aber an Tiefe. Vielleicht erläutert Kundera dem Leser zuviel. Er könnte manches Thema in seiner Romanhandlung ansprechen und dem Leser selbst zu Überlegungen anregen; was durch die Einlagen auch geschieht, aber halt zu aufgezwungen.
Die Unwissenheit ist ein empfehlenswertes Buch zum zweimaligen Lesen.
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Milan Kundera   Milan KunderaMilan Kundera. Die Unwissenheit. Frankfurt am Main: Fischer, 2002. Taschenbuch, 179 Seiten. Milan Kundera
Milan Kundera. Die Unwissenheit. München: Hanser, 2001. Gebunden, 179 Seiten.Milan Kundera

Milan Kundera
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 26.8.2003