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Konrad
György Konrád: Glück
[Elutazás és hazatérés] Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2003. 155 Seiten. Hans-Henning Paetzke, Übs.
konrád Linkskonrád Literatur

György Konrád erzählt seine Kindheit im kleinen Dorf Berettyóújfalu am Rande der KuK Monarchie zwischen Ungarn und Rumänien. Er gehört als Jude mit ungarischer Muttersprache zu den begüterten Kinder. Die Atmosphäre des kaufmännisches Großbürgertum in einer bäuerlichen Gegend trifft Konrád hervorragend. Einen Tag bevor die Nazi-Horden kommen können er und seine vier Jahre ältere Schwester glücklicherweise nach Budapest emigirieren. Bei verschiedenen Verwandten übersteht er die permanente Todesangst. Immer wieder flechtet der Autor ein, wer wann wie von den Nazis ermordet wurde. Der braune Pöbel ist immer präsent. Glücklich kann er nach dem Krieg in sein Heimatdorf zurückkommen. Etwas später kommen auch seine Eltern zurück. Sie alle können neu anfangen. In der Schule trifft er keine Bekannten: sie sind alle tot. So lebt György stellvertretend für die anderen. Im Schulaufsatz zum Thema: "Warum liebe ich meine Heimat?" im März 1945 [!] schreibt er "Mein Vaterland, so glaube ich, wollte mich töten." (S. 124).
Neben den Deutschen wüten in Ungarn die Pfeilkreuzler unter Szálasi (Szálasi Ferenc Szálasi). Gefahr droht auch vom Himmel von sowjetischen Rata-Jagdfliegern, die von den Kindern fachmännisch beobachtet werden (S. 78). Irgendwie befinden sich die Bewohner Budapest zwischen vielerlei Fronten. Während die Russen schon in den Vorstädte sind, werden die Juden und christliche Fahnenflüchtlinge noch reihenweise niedergemacht.
"Die Bewaffneten mit den Armbinden fanden reichlich Objekte, die sie zur Strecke bringen konnten, doch sie ahnten schon, daß sie es nicht schaffen würden, alle Juden zu erledigen. Wahrscheinlich konnten sie sich nicht jeden Tag in die entsprechende Stimmung versetzen, um auf Menschenjagd zu gehen." (S. 79)
"Ein bewaffneter vierzehnjähriger Halbwüchsiger führte unbewaffnete Menschen zum Donauufer." ... "Die ans Donauufer begleiteten Menschen müssen sich in einer Reihe aufstellen, mit dem gesicht zum Fluß, und dann kommt von hinten das Salvenfeuer." (S. 80)
In dem Roman stehen nicht das Frontgräuel oder die Grausamkeiten in den KZs im Vordergrund, sondern die abwegigen Pogrome in der ungarischen Hauptstadt, wo György etliche Male nur durch schier unglaubliches Glück den Schergen entging. In der Nacht werden mehrere Menschen abgeholt, zufällig aus dem Nachbarzimmer (S. 80). Die Tante wird an der Donau erschossen, für seine Schwester Klara ist das Magazin leer. Sie bleibt am Leben.
Durch den kurzen Roman zieht neben dem Glück ein anderes Motiv: wie verhalten sich die Nachbarn, die Bekannten, die früheren Freunde? Bezeichnend ist eine katholische Besucherin in Budapest. Sie bieten den Übertritt zum Katholizismus an, dann könnten sie in einem Kloster Schutz finden (S. 84). Das deckt sich mit vielen Vorwürfen an Eugenio Pacelli, sogenannter Pius XII. (2.3.1876 Rom – 9.10. 1958 Castel Gandolfo) und meinen Recherchen zu Michael Faulhaber (konrad ... und der Nationalsozialismus). Sie alle halfen, wenn man katholisch wurde.
Seltsam mutet manche Distanziertheit des Autors an. Vielleicht kommt es daher, daß er aus der Sicht des Elfjährigen schreiben will, doch immer seine Erfahrungen als betagter Autor präsent sind. Vielleicht liegt es daran: "Von Budapest aus war ich verletzt und voller Heimweh in meine Heimatdorf zurückgekehrt, es gab etwas, worüber man nicht sprechen konnte." (S. 124). Deshalb überlegt er heimgekommen nüchtern, was zu geschehen hat, wenn seine Eltern nicht zurückkehren und was, wenn seine Eltern eintreffen (S. 104-05).
Auch wenn man schon viele Berichte und Romane aus der Nazizeit gelesen hat, hier wird einmal von einem Kind in der Heimat erzählt: das Leben dort war alles andere als ein Zuckerschlecken.
Sehr empfehlenswert.
Ferenc Szálasi (6.1. 1897 Kaschau, heute Kosice – 12. 3. 1946 hingerichtet in Budapest) gründete 1935 die "Partei des nationalen Willens", eine rechtsextreme Hungaristenbewegung, die 1937 in die Pfeilkreuzler überging. Pfeilkreuzler wurde sie nach ihrem Emblem genannt. Im Oktober 1944 setzten die Deutschen im noch nicht von der Roten Armee besetzten Teil des Landes Szálasi als Ministerpräsident ein (bis April 1945).
"Die Pfeilkreuzler sind der Abschaum der Gesellschaft, die ewigen Sitzenbleiber, ihre Begabung erschöpft sich im Quälen von Katzen." (S. 80)
Unter der Regierung Szálasi wurde die zweite, von den Deutschen geplante Deportationswelle im November 1944 durchgeführt.
Links
KonradGyörgy Konrád: "Die Freiheit des Erinnerns. Nachtrag zu der Kontroverse zwischen Martin Walser und Ignatz Bubis". Die Zeit 53 (1998)
konrad György Konrád: Der Besucher – dort weitere Links zum Autor
konrad Michael Faulhaber und der Nationalsozialismus
konrád Zitate von György Konrád
KonradInterview mit György Konrad – Deutsche Welle, audio mp3
Rezensionen
KonradWolfram Schütte: "Groteske Bescherung eines Entkommenen", Titelmagazin 23. Februar 2004
KonradPerlentaucher
Literatur
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Konrad KonradGyörgy Konrád: Glück. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2005. Broschiert, 160 Seiten. Hans-Henning Paetzke, Übs. Konrad
György Konrád: Glück. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2003. Gebunden, 155 Seiten. [Elutazás és hazatérés] Hans-Henning Paetzke, Übs.Konrad
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