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Kundera
Milan Kundera: Der Scherz
[Zert, 1967]. München, 1987. Übs.: Susanna Roth. 349 Seiten
Der tschechische Student Ludvik Jahn ärgert sich über seine Freundin Markéta, weil sie auf eine Wochenendschulung verreist. Er schickt ihr eine Karte folgenden Inhalts
“Optimismus ist das Opium der Menschheit! Ein gesunder Geist mieft nach Dummheit! Es lebe Trotzki! Ludvik.” S. 41
Ludvik faßte Karte und Text als Scherz auf, nicht so die ständigen Überwacher in der stalinistischen Tschechoslowakei. Er wird zu Verhören zitiert, aus Partei und Universität ausgeschlossen. Ab in eine Strafbataillon und hinab in die Kohlegruben. Ludvik hält geduldig aus, kann an die Universität zurückkehren, erhält einen bescheidenen Forscherposten und gewissen Einfluß. Seit seinen Erlebnissen mit de Maschinerie der niederträchtigen Bürokratie ist Ludvik wachsam. Begegnet er Leuten, so versetzt er sie im Geiste zurück und fragt sich, "Ob sie die Hände heben würden: niemand hat diese Prüfung bestanden: alle hoben sie ihre Hände" (S. 91).
Das gibt die Themen des Romans vor: Denunziation, Anpassung oder Auflehnung, Vorverurteilung (vergleiche political correctness in: Fucik Philip Roth: The Human Stain), Unmenschlichkeit der Bürokratie. Wie sich der Parteiapparat in Phrasen ergeht, zeigt Kundera an der Verehrung von Julius Fucik, einem Opfer der Nazis in der Tschechoslowakei (Fucik Fucik).
Entlarvend sind die Bedürfnisse der Politik die Menschen durch Riten und Zwang zu binden. Damit ersetzen die Kommunisten (aber auch westliche Demokratien, siehe Fucik IHK-Zwang in Deutschland) die Aufmärsche und Feiern der Nazis durch ihre eigenen. Kundera schildert eine Babyweihe.
“Ich fragte ihn, ob die Teilnahme obligatorisch sei. Er antwortete lächelnd, das sei sie nicht, doch der Nationalausschuß beurteile das Bewußtsein der Bürger sowie deren Einstellung zum Staat aufgrund der Teilnahme an der Zeremonie ...” S. 202
Ludvik ist sich sehr wohl bewußt, daß er zwar nie die Hand zum Verderben eines anderen gehoben hat, dies aber vielleicht nur darauf beruhte, da man ihm das Recht, die Hand zu heben, abgesprochen hatte (S. 91).
Nach Jahren will Ludvik die lang ersehnte Rache nehmen und trifft sich mit Helena. Doch er hat sich getäuscht: die Rache mißlingt gründlich. Mehr sei nicht verraten: selbst lesen. Leider wird das finale durch einen dilletantischen Selbstmordversuch etwas entwertet (wenn er auch recht originell endet).
Kundera dröselt die Vergangenheit kunstvoll auf. Die Hauptpersonen erhalten als Ich-Erzähler eigene Romanteile für die Darstellung aus ihrer Sicht. Gelegentlich (besonders in der zweiten Hälfte des Romans) läßt Milan Kundera zu weitschweifig schwadronieren, so über Jazz und mährische Volksmusik oder in Erinnerungen schwadronieren. Im 6. Teil "Kostka" wird gar noch moralisierend.
Kundera gelang es bedeutende politische Themen mit privaten zu verbinden. Sehr lesenwert.
Julius Fucik
23.2.1903 Prag – 8.9.1943 Berlin-Plötzensee (einen Monat nach der Hinrichtung von fucik Franz Jägerstätter); Journalist und Schriftsteller
fucikJulius Fucik im Exil-Archiv
fucikJulius Fucik und Wirkungsgeschichte von "Reportage unter dem Strang geschrieben"
fucikKlaus Haupt: "Mann der Feder"
fucikKlaus Haupt: "Julius Fuciks aktuelle Mahnung"
fucikDie Erlebnisse von Julius Fucik mit der Gestapo im Prager Gefängnis Pankrác
Nicht verwechseln mit dem tschechischen Komponist Julius Fucik, 18.7.1872 Prag – 15.9.1916 Prag
Verfilmung: 1968, CSSR; Besprechung KLL S. 10375
Milan Kundera * 1. April 1929 in Brünn, Tschechien; studierte Musik, Filmwissenschaften und Literatur in Prag. 1953 veröffentlichte er sein erstes Buch; seit Mitte der fünfziger Jahre auch Übersetzer, Essayist und Theaterautor. Seit 1975 lebt Kundera im Exil in Paris.
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kundera KunderaMilan Kundera: Der Scherz. München: DTV, 1998. Broschiert

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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 26.2.2005