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Konrád
György Konrád: Der Besucher
Frankfurt: Suhrkamp, 1978. Taschenbuch, 207 Seiten. Mario Szenessy, Übs. Nachwort: Walter Jens
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Ein Sozialamt-Beamter muss über die Anträge und damit oft über das Schicksal der Ärmsten entscheiden. Bei seinen Kunden handelt es sich – das macht der Ich-Erzähler, Genosse T., überdeutlich – um verdreckte Kranke, Alkoholiker, Verbrecher, Behinderte, psychisch Kranke.
Da nimmt sich das Ehepaar Bandula das Leben und hinterläßt einen verwahrlosten, geistig und körperlich beschädigten Fünfjährigen. Dem Ferenc (Franzl) fehlten bei Geburt die Fontanellen (György Links). Der Ich-Erzähler kümmert sich um Ferenc und nimmt damit die andere Seite ein. Vom Berufskümmerer wird er zum privaten Versorger. Die Menschheit ist eingeteilt in Urteiler und Verurteilte. Vom Verhandlungssaal des Beamten wechselt er "in die Friedhöfe der Gefängnisse" (S. 98). Nicht nur weil der Ich-Erzähler verheiratet ist und zwei Kinder hat (S. 120) ist die Lage problematisch.
In langen Kaskaden und Reihungen kommen alle Grausamkeiten und die Sinnlosigkeit der Welt zur Sprache. Ein ethischer Höhepunkt ist dabei: "Wen man töten darf und wen nicht, wann ja und wann neine – man kann diese Fragen auch nicht verläßlicher beantworten als die, ob man am Karfreitag Fleisch essen darf" (S. 101) also wohl durch Order von "oben", wie es der Ich-Erzähler im Amt gewohnt war.
Was Thomas Bernhard durch nervende Wiederholung erreicht, erzielt Konrád durch variantenreiche Beschwörung des Schlechten, Verkommenen, Zerstörten und Bösen in der Welt. Das entwickelt einerseits einen Sog, andrerseits erlahmte auch meine Aufmerksamkeit. Bei allem Pessimismus blitzt gelegentlich Witz und Ironie auf.
Anmerkungen
"Es gibt Zeiten fürs Geborenwerden, und es gibt Zeiten fürs Sterben" (S. 60)
erinnert an "Ein Geschlecht vergeht, das andere kommt", Prediger 1,4 (Kohelet 1,4)
Erste deutsche Auflage Der Besucher: Luchterhand, Darmstadt, Neuwied 1969
Wer eine düstere, morbide Darstellung des Prekariats (György Links) in der Grossstadt Budapest (Lunapark, S. 168), die auch überall sonst sein könnte,  nicht scheut, kann mit Der Besucher einen kurzen Roman wie eine Axt (ach ja, Franz Kafka: "Ein Buch ist die Axt für das gefrorene Meer in uns" habe ich noch vergessen zu erwähnen) lesen.
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 15.12.2008