Email zurück zur Homepage eine Stufe zurück
Kapuscinski
Ryszard Kapuscinski: Meine Reisen mit Herodot: Reportagen aus aller Welt
München: Piper, 2007. Broschiert, 357 Seiten. Martin Pollack, Übs. – Ryszard LinksRyszard Literatur
Der bekannte polnische Reisejournalist Ryszard Kapuscinski legte mit Meine Reisen mit Herodot: Reportagen aus aller Welt (Erstausgabe Krakau 2004) ein besonderes Experiment vor. Er zog zwei Fäden zugleich: einmal seine eigenen Reisen nach Asien und Afrika, zum anderen referierte er über seine Lektüre von Herodots Historien, "die erste große Reportage der Weltliteratur". Das Wagnis gelingt weitgehend.
An Herodot schätzt Kapuscinski:
• Er versucht die damaligen Grenzen auszuloten
• "Er zeigt das Geschick der Welt durch das Geschick Einzelner" (S. 339). Das beherzigt der Autor selbst. Beim Anblick von Tempeln und Städten fragt er nach dem Schicksal der Erbauer (S. 199).
• Er gibt die Berichte anderer nichts als seine eigenen aus, sondern schreibt immer "von den Skythen hörte ich ...", "im Sudan erzählte man mir ...".
• Er gibt nicht den einzelnen Menschen die Schuld, sondern dem System (S. 337).
• Herodot empört sich nicht über fremde Gebräuche und andersartiges Verhalten (S. 140).
• Die Hochnäsigkeit der Griechen, die sie apäter an andere Europäer übergaben, bekämpft Herodot (S. 141).
Mir zeigte der Herodot Kapuscinskis wie brutal und grausam vor 2500 Jahren vorgegangen wurde, sei es unter den Völkern, aber auch an der Spitze der Nationen innerhalb des eigenen Machtbereichs. An der Spitze der Macht war der gefährlichste Ort, "der immer wieder von Blut trieft". Zudem gefiel mir Herodots Abneigung gegenüber Magie und Aberglaube (S. 117), die er freilich nutzt, wenn wirksam und erklärbar und damit eben nicht mehr zweifelhaften Ursprungs (S. 338).
Des Autors Liebe zu Herodot geht so weit, dass ihn die Zerstörung Athens mehr beschäftigte als der Militärputsch im Sudan und die Versenkung der persischen Flotte mehr erschütterte als die Militärrevolte im Kongo (S. 286). Das mutet sonderbar an und ist wohl dafür verantwortlich, dass man übers Herodots Geschichtsschreibung mehr erfährt als zu den Hintergründen der aktuellen Orte, die Kapuscinski bereiste; ein schweres Manko der Reportagen.
Diese Themen liegen Kapuscinski am Herzen:
• der jahrhundertelange Eurozentrismus ist obsolet
• stattdessen entwickelt sich eine multikulturelle Welt, in der auch außereuropäische Kulturen einen würdigen Platz haben (S. 145, S. 311)
• der Außer-Europäer wurde zu lange als Eindringling und Fremder angesehen (S. 278, S. 311)
• daher auch Kapuscinskis Interesse an der Négritude (S. 311, Ryszard Links).
Das Herz der Finsternis
Afrika hat einen einzigartigen, verborgenen, schimmernden Punkt in der Finsternis (S. 134).
Der Kongo, das Land des Herzens der Finsternis (S. 212).
Manches hatte Kapuscinski nicht gut recherchiert, weil ihn Herodot ablenkte (?).
• So spricht man in Indien nicht ein Dutzend Sprachen (S. 60) sondern mehr als 100. Eine sprachwissenschaftliche Untersuchung gab für das heutige Indien und Pakistan die Anzahl der Sprachen mit 179, die der Dialekte mit 544 an (Sprachen Indiens, Ryszard Links).
• Die von  Kapuscinski genannte Einwohnerzahl Indiens mit einer halben Milliarde mag zum Zeitpunkt seiner Reise gestimmt haben. Heute ist Indien nach China mit 1.139.964.932 (Weltbank, 2008) das zweit-bevölkerungsreichste Land der Erde.
• Nicht Alexander raubt Helena (S. 111), sondern Paris, Sohn des Priamos, König von Troja.
• Helena war auch nicht die Tochter (S. 111), sondern die Gattin des Königs Menelaos.
Ganz kurz geht Kapuscinski auf Richard Wright: Black Power ein (S. 316; Wright siehe Ryszard Links).
Der seltame Fall des Ryszard Kapuscinski
Nach dem Tod Ryszard Kapuscinskis wurde durch Artur Domosławski publik, dass Kapuscinski es mit der objektiven Berichterstattung nicht immer so genau nahm. Domosławski erklärte ihn im Interview mit dem Standard (siehe Ryszard Literatur) aber weder zum Lügner noch Hochstapler, sondern zum Schriftsteller. So gesehen kann es jeder in Meine Reisen mit Herodot: Reportagen aus aller Welt nachlesen: "Denn jeder färbt die Wirklichkeit nach eigenem Gutdünken, jeder bereitet daraus in seinem Tiegel eine eigene Mixtur" (S. 340).
Dass der Wahrheitsgehalt zahlreicher Reportagen Kapuscinskis inzwischen zweifelhaft erscheint  ändert wenig an dieser gelungenen Verquickung eines antiken Reiseberichts mit modernen Reisereportagen. Sein Plädoyer für Multikulturalität macht das Werk zur Pflichtlektüre xenophoner und verbohrter Politiker. Allen anderen empfehle ich es auch.
Links
Ryszard Kapuscinski: Herodotmarabout – HerodotWikipedia
HerodotBuch des Monats Dezember 2005: Ryszard Kapuscinski „Meine Reisen mit Herodot“
HerodotUte Eisinger: "Langsame Nachrichten. Ryszard Kapuscinski ehrt Herodot als seinen Reiseführer". Literaturkritik 5. 2006. 
HerodotRegina Károlyi: "Der »Reporter des Jahrhunderts«, der erste Reporter der Welt und die unveränderlichen Prinzipien journalistischer Arbeit". 12/2005
HerodotPerlentaucher
HerodotWolfgang Schneider: "Mit Herodot auf Reisen", dradio 28.12.2005
Herodotsumma cultura 8/2006

Ryszard Joseph Conrad: Herz der Finsternis
Ryszard Kapuscinski: Afrikanisches Fieber,
siehe Ryszard Verwandtes zu Joseph Conrads Heart of Darkness [Herz der Finsternis]
Négritude: KapuscinskiStanford Encyclopedia of Philosophy – KapuscinskiWikipedia
KapuscinskiGabrielle Pfeiffer: A Poet on the Frontline: The Reportage of Ryszard Kapuściński
KapuscinskiPunpur, Marcin (2010): "Faction-Literatur: Der seltsame Fall des Ryszard Kapuściński"
KapuscinskiSprachen Indiens
Ryszard Richard Wright (1908 – 1960)
Literatur
Domosławski, Artur (2010): Kapuscinski non-fiction. Swiat Ksiazki
Engelhardt, Marc (2010): "Zum richtigen Ort die richtige Zeit erfunden". Der Standard, 15. März – KapuscinskiOnline
Lesser, Gabriele (2010): "Für uns Journalisten beginnt eine neue Epoche". Der Standard, 15. März – KapuscinskiOnline
Malzahn, Claus Christian (2007): "Zum Tode Ryszard Kapuscinskis. Der beste Reporter der Welt". Spiegel Online 24. Januar. KapuscinskiOnline
Wainaina, Binyavanga (2005): "How to Write about Africa". Granta 92. KapuscinskiOnline
Wrong, Michela (2007): "Kapuscinski, more magical than real - What's the truth about Polish journalist Ryszard Kapuscinski". NewStatesman 12 February. KapuscinskiOnline
Bei Amazon nachschauen   Bei Amazon nachschauen
Kapuscinski HerodotRyszard Kapuscinski: Meine Reisen mit Herodot: Reportagen aus aller Welt. München: Piper, 2007. Broschiert, 357 Seiten. Martin Pollack, Übs. Kapuscinski
Ryszard Kapuscinski: Meine Reisen mit Herodot: Reportagen aus aller Welt. Eichborn, 2005. Gebunden, 360 Seiten. Martin Pollack, Übs. Herodot
Herodot HerodotHerodot: Die Bücher der Geschichte, Auswahl, 1. - 4. Buch. Ditzingen: Reclam, 1986. Taschenbuch Herodot
Herodot: Das Geschichtswerk des Herodot von Halikarnassos: Histories Apodexis. Insel, 2001. Theodor Braun, Übs. Taschenbuch: 837 Seiten Herodot
Herodot HerodotHerodot: 9 Bücher zur Geschichte. Lars Hoffmann, Vorwort, Hg. Marix, 2007. Gebunden, 1056 Seiten Trojanow
Ilija Trojanow, Hg.: Die Welt des Ryszard Kapuscinski: Seine besten Geschichten und Reportagen. München: Piper, 2009. Broschiert, 276 Seiten Herodot
Kapuscinski Anfang

Kapuscinski
Email zurück zur Homepage eine Stufe zurück
© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany,  11.11.2010