| Michail
J. Lermontow: Ein Held unserer Zeit
[Geroi Našego Vremeni, 1840] Frankfurt: Insel, 2003. Taschenbuch. 3. Aufl. Übs.: Günther Stein |
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| Ein Jahr vor seinen Duell-Tod veröffentlichte Michail J. Lermontow seinen einzigen vollendeten Roman: Ein Held unserer Zeit; "eines dieser Bücher, die uns für immer die Augen öffnen für die unwidersprechliche Gleichzeitigkeit der großen Romane", meint Rolf Vollmann in Die wunderbaren Falschmünzer. Ein Roman-Verführer (Frankfurt am Main: Eichborn, 1997, S. 258). Da stimme ich voll zu, wenn auch nicht zu allem, was Vollmann anschließend über diesen Roman schreibt. | |
| In fünf zusammenhängenden Erzählungen: "Bela", "Maxim Maximytsch", "Taman", "Prinzeß Mary" und "Der Fatalist" wird Grigori Petschorin, ein junger Offizier, vorgestellt. | |
| Das
Raffinierte an der Konstruktion ist, dass zunächst ein
Erzähler auf Maxim Maximytsch trifft, der wiederum ein Jahr
mit Petschorin militärisch zusammenlebte und davon
erzählt ("Bela"). Dann erzählt Maxim über
ein späteres Zusammentreffen mit Petschorin. Maxim
erfährt zufällig, dass Petschorin im selben
Ort sei, freut sich auf ein Wiedersehn und wird kühl
abserviert ("Maxim Maximytsch"). Die drei letzten,
hauptsächlichen Teile sind aus Petschorins Tagebuch. In "Prinzeß Mary" buhlt Petschorin in einem Kurort um Prinzessin Mary, aber eigentlich nur, um seinen Freund Gruschnizki, der heillos in Mary verliebt ist, zu provozieren. Er brüskiert auch Mary selbst, beispielsweise, als er ihr einen Teppich vor der Nase wegkauft (S. 112). Es kommt zu einem eigenartigen Duell. In der letzten, recht kurzen Erzählung geht es um die Frage, ob das Leben vorherbestimmt sei. Ein serbischer Offizier vertritt die Meinung "ja", wettet mit Petschorin darüber und will seine Wette gewinnen, indem er sich mit einer geladenen Pistole in den Kopf schießt. Sie versagt, nach des Serben Meinung weil seine Todesstunde noch nicht gekommen sei. Kurz darauf wird er von einem Betrunkenen getötet. |
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| Petschorin
ist ein gelangweilter Offizier, der das Leben genießen will,
des Lebens aber überdrüßig ist. Deshalb
probiert er wahllos einiges aus, ohne sich moralische Rechenschaft zu
geben. Obwohl er andrerseits doch wieder von Selbstzweifel geplagt wird und sehr wohl sein Inneres erforscht (z.B. ausgiebig S. 136-141). Er hat eine wilde Jugend hinter sich, die in vielem der Aurelius Augustinus gleicht (siehe
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| Die
glücklichsten Menschen sind die Unwissenden
(S 51) ist diskussionswert. Bösartig bedeutungsähnlich ist der Spruch: "Du tust dich leicht, weil du dir von Haus aus schwer tust". Der Dumme tut sich leicht, da er nicht soviel zu bedenken hat. In dieselbe Richtung ging Joachim Kaiser, als er diejenigen preiste, die ein bestimmtes Streichquartett von Beethoven (welches ist mir entfallen) noch nicht kennen. Ihnen steht ein Hochgenuß bevor, den der "Wissende" schon lange hinter sich hat. Auf der Seite der "Unwissenden" fragte ich mich, ob nicht ich bei – sagen wir – einer Sinfonie Bruckners den größeren Genuß habe, gegenüber – sagen wir wieder – Günter Wand, der sie auswändig kennt und nicht so wie ich immer wieder überrascht wird. Jemand fragte mich – diesmal war ich auf der Seite der "Wissenden" – ob Schachspielen überhaupt Spaß macht, wenn man bestimmte Varianten bis zum 14. Zug auswändig herunterspult. Der Fragende dagegen muß/darf schon ab dem 5. Zug schwer (und glückselig machend) nachdenken. Eine endgültige Antwort habe ich nicht, doch der Mensch strebt (im allgemeinen) nach Wissen. |
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| Langeweile
und
Überdruß Ein Kennzeichen der Gesellschaft und der Menschheit insgesamt ist die klaffende Schere zwischen extrem Bedürftigen und Wohlhabenden (und den Überreichen). Auf der reichen Seite des Lebens neigt man zu Langeweile und Überdruß. Das schafft sich Bahn in absurder Rekordsucht, Zeit-Totschlagerei, Nervenkitzel im Sport und Alltag, Drogen, ... Dieses Thema ist ein Grund für die Aktualität des Romans. Aus Petschorins Tagebuch: "Wenn ich sterben soll, dann sterbe ich – es wäre kein großer Verlust für die Welt; auch ich selbst finde alles schon todlangweilig" (S. 172). Dass die Sinnlosigkeit, der Lebensüberdruß und die Gleichgültigkeit derjenigen, die am oberen Scherenblatt sitzen, schon 1840 literarisch verarbeitet wurde, zeigt, dass Bungjee Jumping (auch: Bungee Jumping), S-Bahn-Surfen und ähnliches Zeit-tot-schlagen unter Nervenkitzel kein einzigartiger Auswuchs des späten 20. Jahrhunderts ist. Der Ich-Erzähler des Romanvorspanns projeziert die Charakterzüger und Eigenschaften des Petschorin auf die ganze Generation (S. 11). |
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| "Für
uns Füchse
hängen die Trauben zu hoch" (S. 145) Laut Tagebuch Petschorins ist dies ein Lieblingsausspruch einer Gestalt Alexander Puschkins. Die Redewendung stammt aus der Fabel Äsops, eines griechischen Sklaven, ca. 600 v.Chr.: "Der Fuchs und die Trauben" ( |
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| Lob
auf Walter Scott In der Nacht vor seinem Duell liest Petschorin "einen Roman von Walter Scott": Die Puritaner von Schottland:
Walter Scott veröffentlicht 1816 Old Mortality als zweiten Band seiner Romanserie Tales of My Landlord. Vincenzo Bellini schrieb die Oper "I Puritani di Scozia" (deutsch: "Die Puritaner von Schottland"), bekannt unter "I Puritani" nach einem Libretto von Carlo Pepoli. Dieser wiederum legte dafür das Schauspiel "Têtes rondes et Cavaliers" (1833) von Jacques Ancelot und Joseph-Xavier Saintine zugrunde und verwendete Motiven des Romans Old Mortality von Walter Scott. Die Uraufführung der Oper war 1835 in Paris. Der Roman Scotts erschien in deutsch meist unter dem Originaltitel: Old Mortality, zuerst 1846; in 1913 unter dem Titel Die Presbyterianer, übersetzt von Benno Tschiwitz. 1954 erschien die Neuübersetzung durch Rudolf Schaller mehrfach wieder unter dem Originaltitel Old Mortality, zuletzt 1999. (Zu Walter Scott siehe unter Lermontows – durch Petschorin ausgedrückte – hohe Meinung von Walter Scott ist wohl seiner schottischen Abstammung väterlicherseits zu danken. Diese nicht ganz sicher nachgewiesene schottische Ahnen sollen im 17. Jahrhundert nach Rußland gekommen sein. |
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| Metaphysikverächter
Petschorin Obwohl Petschorin eine kritisch skeptische, naturalistische Einstellung pflegte: "da ich es mir zu Regel gemacht hatte, nichts endgültig abzulehnen und an nichts blind zu glauben" (S. 204) war er doch vom zweifelhaften Selbstversuch des serbischen Offizers beeindruckt: "Der Beweis war schlagend" (S. 204). Mitnichten. |
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| Struktur | |
| Durch
die drei verschiedenen Erzähler in den sechs Teilen wird die
Hauptfigur zu unterschiedlichen Zeiten von verschiedenen Leuten
beleuchtet. Nicht genug, Lermontow wechselt auch raffiniert den
Erzähltyp. "Bela", Romanze mit einer Reiseskizze als Rahmen "Maxim Maximytsch", Reiseerzählung "Vorwort", dokumentarische Vormerkung "Taman", Schauergeschichte "Prinzeß Mary", Erzählung in Tagebuchform "Der Fatalist", phantastisch, philosophische Kurzgeschichte |
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| Die
Taschenbuchausgabe des Insel-Verlags zeigt ein Porträt von
Leoind Andrejew,
gemalt von Ilja Repin
1904 (siehe |
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| In Ein Held unserer
Zeit
wird ein zeitloser Lebensentwurf verhandelt, über den der
Autor den Stab nicht bricht. Ob Petschorin ein scheiterender Held ist,
sei dahingestellt; viele sehen ihn als Antihelden; doch auch das ist
diskussionswürdig. Viele Themen werden vom 26-jährigen Jungautor zur Diskussion gestellt. Unbedingt lesenswert. |
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| Hörspielfassung Aus dem Russischen übersetzt von Peter Urban – Bearbeitung: Elisabeth Panknin Mitwirkende: Gunther Schoß, Michael Rotschopf, Maxim Kowalewski, Jeanette Spassova, Ingo Hülsmann, Donata Höffer, Linda Olsansky u.a. – Komposition: Andreas Bick Regie: Oliver Sturm – HR/SWR/DLF 2008. Ursendung am 17.5.2008 DLF |
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| Vergleichsliteratur | |
| Lord Byron: Childe Harold's Pilgrimage | |
| Denis Diderot: Jacques, der Fatalist | |
| Choderlos de Laclos: Gefährlichen Liebschaften | |
| Alexander Puschkin: Eugen Onegin | |
| Links | |
| Michail Lermontov: |
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| Literatur | |
| Christoph Koch: "Geroi Našego Vremeni". KLL S. 3870-3872 |
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