Email zurück zur Homepage eine Stufe zurück
Brodsky
Joseph Brodsky: Ufer der Verlorenen
München: Hanser, 2001. Gebunden, 93 Seiten. [Fondamenta degli Incurabili] Jörg Trobitius, Übs. –
 Joseph LinksJoseph Literatur

Ufer der Verlorenen ist eine sonderbare Liebeserklärung an die Lagunenstadt Venedig, in vielerlei Hinsicht.
• Das beginnt bei der Entstehung: ich las den italienischen Originaltitel Fondamenta degli Incurabili, besorgte daher das deutsche Exemplar und stellte fest: "Aus dem Amerikanischen von Jörg Trobitius". Hat es Brodsky auf italienisch und amerikanisch geschrieben? Oder hat man das übersetzte US-Buch nochmals übersetzt?
Die ZEIT überschlägt sich  im Lob: "Das winterliche Venedig mit seinen feuchten Steinfluchten, glänzenden Glockentürmen und graudurchwirkten Kanälen inspiriert den auf Schönheit fixierten Augenmenschen Brodsky zu atemberaubend formulierten Erkenntnissen über die ewigen Themen: Liebe, Eros, Treue, Träume, Sehnsüchte und Trennungsschmerz". Mit raubte es keinen Atem.
• Ähnlich enthusiastisch auch Die Welt: "Brodskys Ufer der Verlorenen gehört zum Poetischsten und Tiefsinnigsten, was in unserer Zeit über die schönste Stadt der Welt gedacht und geschrieben worden ist". Wobei dies zutreffen mag, da es auf Venedigbücher eingeschränkt ist: ich kenne nur dieses.
Das Ufer der Verlorenen ist Venedig im Nebel. Es veranlasst Brodsky über alles Mögliche zu sinnieren. Sein poetischer Stil ist von Fremdwörtern durchsetzt, z. B. "Ichthys" (S. 9), "Hardware der Marine" (S. 63).
Im Jahre 1966 stieß Brodsky auf Romane von Henri de Régnier und lernte daraus, dass nicht die Geschichte eine Erzählung ausmacht, sondern was auf was folgt (S. 28). Nicht dass ich diese Lektion gutheißen würde, aber Brodsky hat sie nicht mal beherzigt: er assoziert frei über Details der Stadt und aus seiner Biografie. Die Reihenfolge scheint mir beliebig.
Ein Venedigkenner mag das Büchlein anders lesen, ich konnte mir auf manches keinen Reim machen: Brodsky überlegt, wie er mit einer Blitzlichterfindung reich werden könnte. Er würde sich dann eine Wohnung in San Lio oder Salute kaufen. Das ist noch verständlich. Doch "ich würde vielleicht sogar die Sekretärin meines Partners heiraten, die er nicht hat, weil er nicht existiert" (S. 67). Das ist mit völlig unklar: soll es witzig, geistreich oder tiefsinnig sein?
Oder ein Satz wie dieser: "Schönheit bei niedrigen Temperaturen ist Schönheit" [S. 21; Kursivsetzung durch Brodsky]. Wie ist das zu verstehen? Schönheit ist trivialerweise immer Schönheit, unabhängig von der Temperatur. Sie ist vom Betrachter abhängig, aber nicht von der Temperatur. Oder ist es rein physikalisch zu verstehen: ein Dürerbild schmilzt bei hohen Temperaturen, also braucht's niedrige Temperaturen!? Oder: wenn der Betrachter bei niedrigen Temperaturen friert, findet sie/er alles schön: nur schnell wieder an den warmen Ofen. Das wäre lächerlich. Warum ist "ist" kursiv? Soll es heißen: Schönheit ist nur bei niedrigen Temperaturen schön? Ganz frei assoziert kann man an die zudeckende Funktion des Schnees denken: selbst häßliche Landstriche werden unter der Schneedecke schön. Doch das wäre ein völlig verfehltes Bild und bedeutend prägnanter ausdrückbar.
Ich meine, Brodsky schreibt manche Sätze nur, weil sie ihm gefallen und manche Leser und Rezensenten geraten in Verzückung.
Mir entgeht die Qualität dieses Werks. Ich war nach der Lektüre so schlau wie zuvor. Vielleicht etwas für Venedigliebhaber oder Kenner der russischen Literatur, aber nichts für mich.
Links
BrodskyJoseph Brodsky
BrodskyBirgitta Ashoff: "Scheiden auf venezianisch", Die Zeit, 8.11.1991
Literatur
Bei Amazon nachschauen   Bei Amazon nachschauen
Brodsky BrodskyJoseph Brodsky: Ufer der Verlorenen. Frankfurt am Main: Fischer, 2002. Taschenbuch, 96 Seiten. [Fondamenta degli Incurabili] Jörg Trobitius, Übs. brodsky
Joseph Brodsky: Ufer der Verlorenen. München: Hanser, 2001. Gebunden, 93 Seiten. [Fondamenta degli Incurabili] Jörg Trobitius, Übs. Brodsky
Brodsky Anfang

Brodsky
Email zurück zur Homepage eine Stufe zurück
© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 4.12.2009