| Fjodor
M.
Dostojewski: Erzählungen Frankfurt: Fischer, 1978. Taschenbuch, 363 Seiten – |
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| Der hier besprochene Band enthält die folgenden Erzählungen von Fjodor M. Dostojewski: | ||
| Herr Prochartschin Ein junges Weib (Die Witwe) Polsunkoff Ein schwaches Herz Ein ehrlicher Dieb Ein kleiner Held Eine dumme Geschichte Bobok Die Sanfte Traum eines lächerlichen Menschen. |
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| Die Sanfte - Eine phantastische Erzählung [Krotkaja] | ||
| Ein namenloser Pfandleiher spricht auf eine Kundin, ein
15-jähriges Mädchen an.
Er wirbt um sie und heiratet sie, da ist die Kleine sechzehn Jahre.
Nach seiner Auslegung hat er sie von der dreijährigen Sklaverei bei
deren Tanten erlöst (S. 293). Von Anfang kündigt er ihr ein strenges
Regiment an (S. 295, 297). Wenn sich der Pfandleiher besinnt, dass er die Wahrheit ergründen will, bekennt er schon mal, dass er weder klug, noch talentiert oder gut ist, sondern „ein ziemlich billiger Egoist“ ist (S. 294). Seine sanfte willfährige Frau kommt hinter seine Vorgeschichte: er wich in der Armee einem Duell aus und wurde unehrenhaft entlassen. Er verfiel in Trunksucht und Sandlertum und wurde nur durch eine Erbschaft gerettet. Nun sucht er nach dem erlösenden Mutbeweis. Mit Strenge und beredter Schweigsamkeit (ein oft sich wiederholende Metapher: „Ich [...] sprach fast nur durch Schweigen“, S. 298) u.v.a. bringt er seine junge Frau zur Rebellion (man denke an die kleine Szene vor ihrem ersten Treffen mit dem Leutnant, S. 304) und schließlich zur Weißglut. Er wollte, „daß sie mich anbetete für meine Leiden“ (S. 298). Den ersten Sieg trägt er davon, als er das harmlose Stelldichein seiner Frau mit Leutnant Jefimowitsch belauscht. Schließlich greift sie zur Waffe. In einer grossartigen Szene merkt er es und merkt, dass sie merkt, dass er merkt. Er bleibt mutig und sie läßt von ihrem Vorhaben ab. Er jubiliert: „Ich, ich hatte gesiegt! – und sie war für immer besiegt!“ (S. 309). Er kauft ihr ein eigenes Bett in einem anderen Zimmer und betrachtet die Ehe als aufgelöst. Nun schlägt sein Charakter um: er küsst ihre Füsse, wird zum Charmeur. Er will für sie ein Paradies bereiten, „actually, imprison her in this paradise“ (Koehler 1985, S. 120). Er meint sie unterworfen zu haben, doch sie wagt es unschuldig zu singen. Sie hält es nicht mehr aus und löst ihre einst zum Pfand gegebene Ikone von der heiligen, jungfräulichen Pelageja aus: sie gibt sich den Freitod. Der Pfandleiher begreift selbst da nichts: er meint er sei nur fünf Minuten zu spät gekommen,
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| Zwei
gegensätzliche Charaktere Mit der Sanften und dem Pfandleiher zeichnet Dostojewski zwei ganz unterschiedliche Charaktere. Dabei muss man immer die Vorrede im Auge behalten (in der die Geschichte als phantastisch und wirklichkeitsgetreu – ein weitere Gegensatz – gekennzeichnet wird, der Erzähler als eingefleischter Hypochonder gebrandmarkt wird) und die Tatsache, dass der Monolog der des Pfandleihers ist, auch wenn er betont, das Pro und Contra abzuwägen. Einige Vorfälle zeigen, dass die Sanfte es dick hinter den Ohren hat. Sie reagiert spitzbübisch als der Pfandleiher dahinter kommt, dass sie Pfänder zu grosszügig einschätzt (S. 302); sie will ihn töten, sie singt unbeteiligt (überheblich), wenn er nicht da ist. Allerdings passt zu dieser These der (versteckten) Selbständigkeit nicht ganz der letztlich gewählte Freitod. Der Pfandleiher verrät seinen unüberbrückbare Kränkung seit dem Militär. In einem langen Monolog rechtfertigt er sich, da ihn die anderen verstoßen haben (S. 301). An einer Stelle verrät er noch mehr über sich, als er seine Frau mit einem wütenden Tier vergleicht (S. 303). |
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| Allegorie
auf Staat und Volk In der Diskussion wurde der bemerkenswerte gedanke aufgeworfen, die Sanfte könne das unterjochte russische Volk darstellen, der Pfandleiher die Obrigkeit. Der Freitod mit Ikone deute an, dass der einzige Ausweg die Flucht in die Religiösität sei. Prima facie leuchtet das ein, ist mir aber doch zu pessimistisch und fatalistisch. |
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| Hintergrund Als im Oktober 1876 eine junge Näherin mit einer Ikone in den Händen aus dem Fenster sprang, veranlasste diese Begebenheit Dostojewski zu dieser dichten Erzählung. Die jahrhundertalte Vorgeschichte: Die heilige Pelageja wollte nicht in heidnische Hände fallen und zum Abfall ihres Glaubens gezwungen werden. Auch ihre Jungfräulichkeit, die sie für den Himmel bewahren wollte, spielte eine Rolle. So werden – ansonsten verfemte – Suizid-Leute selbst im Christentum als Heilige anerkannt. Entgegen allen Beteuerungen ist auch im Christentum der Suizid für ein vermeintlich höheres Ziel angesagt. |
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| Paradoxien Eine Geschichte, die zugleich „im höchsten Grad wirklichkeitsgetreu“ und doch „phantastisch“ ist, mutet von vornherein paradox an. Es ist nicht das einzige Paradox der Erzählung. Sie gliedert sich in zwei Kapitel und im ersten trägt der III. Abschnitt die Überschrift:
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| Innerer
Monolog Wie innovativ der Innere Monolog war ergibt sich aus der Vorrede. Dostojewski bemühlt einen virtuellen Stenografen um die inneren Gedanken des Pfandleihers aufzuzeichnen und übernimmt selbst die Glättung. Er beruft sich auf Victor Hugo: „Der letzte Tag eines zum Tode Verurteilten“. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts – man denke an Arthur Schnitzler: Leutnant Gustl (1901) – setzt sich er Innere Monolog als Erzählform durch. Siehe dazu Niehaus (1994), Dabei ist für die gesamte Erzählung wichtig: „Was wir in dieser Erzählung über die Geschlechter erfahren, hat bereits den Wahrnehmungsfilter des männlichen Protagonisten durchlaufen. Alles, was wir zu lesen bekommen, sehen wir durch sein Prisma“ (Schult 2004, S. 266). Sein implizites Urteil "Sie war sanft, und ich bin schuld", will er gerade dadurch wieder in Frage stellen. |
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| Naturalismus Zwölf Jahre nach „Die Sanfte“ erscheint 1888 Gerhart Hauptmanns „Bahnwärter Thiel“ eine weitere grossartige Novelle des Naturalismus. Das Schuldproblem behandeln beide Novellen. Knut Hamsun über "Die Sanfte": „Ein ganz kleines Büchlein. Aber für uns alle ist es zu groß, zu unerreichbar groß“ (Koehler 1985, S. 113). Neben dem Bahnwärter Thiel erinnert Dostojewskis Novelle auch an die Frau in Diane Broeckhoven: Ein Tag mit Herrn Jules. Sie nimmt den toten Jules zum Anlass ihm all das zu sagen, was sie zu seinen Lebzeiten nicht konnte. Beide siehe unter Vergleichsliteratur. |
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| „Die Sanfte“ ist zweifellos ein Meisterwerk der gesamten Novellenliteratur. Es enthält eine Reihe unterschwelliger Themen, die auch heute noch jeden Leser ansprechen. Form und Inhalt passen unverbesserlich zusammen. | ||
| Links | ||
| Vergleichsliteratur | ||
| Literatur | ||
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Koehler, Ludmila (1985): "Five Minutes Too Late ...". Dostoevsky Studies
6, S. 113-124. („Die Sanfte“, |
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| Niehaus, Michael (1994): "Die Vorgeschichte des,inneren Monologs‘". Arcadia - Internationale Zeitschrift für Literaturwissenschaft 29:3, S. 225-239. | ||
| Schult, Maike (2002): "Pro-et-Contra-Bilder: „Die Sanfte“ im Spiegel von Andersens „Schneekönigin“". In: Jahrbuch der Deutschen Dostojewskij-Gesellschaft, 9. S. 77–90. | ||
| Schult, Maike (2004): "Die sanfte Subversion von Geschlechterklischees. Macht, Geld und Gender in Dostoevskijs Novelle „Krotkaja“". In: Eva Labouvie, Katharina Bunzmann, Hg.: Ökonomien des Lebens. Zum Wirtschaften der Geschlechter in Geschichte und Gegenwart. Münster: LIT, 2004. S. 265–278. | ||
| Schult, Maike (2005): "Liebe. Macht. Klischee – Zeitloses in Dostoevskijs Novelle „Die Sanfte“". In: Klaus Tanner, Hg.: „Liebe“ im Wandel der Zeiten. Kulturwissenschaftliche Perspektiven. Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 2005. S. 199–212. |
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| Fjodor
Dostojewski: Die
Sanfte. Sprecher: Ralph Misske. argon Hörbuch,
2006. Doppel-CD
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| Fjodor
Dostojewski: Erzählungen. Reclam, 1991.
Taschenbuch: 359 Seiten
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