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Gogol
Nikolai Gogol: Die toten Seelen
Berlin: Aufbau, 1976. Gebunden, 484 Seiten. Michael Pfeiffer, Übs. Michael Wegner, Nachwort
Nikolai LinksNikolai Literatur

In einer russischen Provinzstadt trifft der Kollegienrat Pawel Iwanowitsch Tschitschikow mit seinen zwei Bediensteten Selifan und Petruschka ein. Er fügt sich anfangs unauffällig in die Gesellschaft ein, erkundigt ich aber bei allen Gelegenheiten nach den Gutsbesitzern nah und fern. Wenn er irgendwo von Epidemien oder anderen gehäuften Todesfällen hört, bohrt Tschitschikow weiter.
Schließlich reist er gezielt zu mehreren Gutsbesitzern der Umgebung. Sein Vorschlag an sie, mehr oder weniger vertraulich vorgebracht: er will ihnen "tote Seelen" abkaufen. Mit "toten Seelen" sind die seit der letzten Revision verstorbenen leibeigenen Bauern gemeint. Da sie offiziell noch geführt werden müssen die Gutsbesitzer dafür – bis zur nächsten Revision – Steuern zahlen. Für den besitzenden Landadel ist der Verkauf daher ein gutes Geschäft: sie werden von der Steuerpflicht befreit. Was Tschitschikow im Schilde führt ist nicht ganz klar.
  • Vorgeblich will er sich mit den toten Seelen (die es dann nur in seinem Geschäftsbuch gibt) woanders ansiedeln und sie dann beleihen. Sie sollen sein Einsteigskapital fürs große Geschäft werden. 
  • Vielleicht will er durch den Besitz vieler Seelen in der russischen Rangordnung aufsteigen. Je mehr Seelen man besitzt, desto angesehener ist man. Die russische Berufs–, Titel– und Geldhierarchie spielt eine enorme Rolle im Roman.
  • Zuletzt gibt Tschitschikow vor sich durch die Seelenzahl ein Erbe zu sichern.
Jedenfalls sind diese Geschäfte in der Grauzone zwischen legal und illegal eher auf der strafwürdigen Seite. Das wirkt sich zweimal entscheidend aus:
  • Der Gutsbesitzerin Korobotschka kommt ihr Seelenhandel komisch vor. Sie fährt in die Stadt und tritt damit einen Gerüchtelawine los. Tschitschikow wird so ziemlich alles beschuldigt bis hin zur geplanten Entführung der Gouverneurstochter; andere meinen er sei ein Geheimagent der Obrigkeit oder der verkleidete Napoleon [Nikolai 1812]. Ihm bleibt nur die überstürzte Flucht. Damit endet das erste von 2 Büchern.
  • Am Ende wird Tschitschikow – ähnlich wie Josef K. in Franz Kafka: Der Prozeß – von Uniformierten des Generalgouverneurs abgeführt und eingekerkert. Nur mittels Bestechung und Beziehung kommt er frei.
[1812]
Napoleons Russlandfeldzug von 1812 ist im Russland der toten Seelen noch überall gegenwärtig. Umso schwerer wirkt der Verdacht, Tschitschikow sei der verkleidete Napoleon.
Im zweiten Buch setzt Tschitschikow nach der ersten Flucht seine Händel undurchsichtiger und umfangreicher fort. Bis es zur gerade genannten endgültigen Flucht kommt.
Entstehung
Im Jahre 1841 schließt Gogol das erste Buch von Die toten Seelen ab, arbeitet aber noch jahrelang bis zu seinem Tode 1852 an den weiteren Teilen. Das zweite Buch und den Entwurf des dritten vernichtete Gogol. Das zweite Buch ist aber lückenhaft erhalten.
Themen
Gogol hatte bereits 1836 in seiner Komödie „Der Revisor” den korrupten Beamtenapparat an den Pranger gestellt. In Die toten Seelen spielt die Bestechlichkeit eine große Rolle, aber zwei größere Themen gesellen sich dazu:
  • die Feudalherrschaft und Leibeigenschaft wird als ein zerfallendes, überholtes System dargestellt. Um das zu zeigen läßt Gogol Tschitschikow an viele unterschiedliche Stellen Russlands reisen. Er trifft ganz verschiedene Typen der Bürokratie, des Militärs und Landadels, darunter auch exemplarisch überspitzt den verfaulenden Besitz Pjuschkins: der Landadel im Stadium der Auflösung. Die eigentlichen toten Seelen sind die psychisch angeschlagenen Adeligen und Gutsbesitzer. Deshalb ist der neuere deutsche Titel des Romans Tote Seelen in seiner Unbestimmtheit genauer.
  • die vielen Reisestationen Tschitschikows gegen Gelegenheit Russland und die russische Seele vor die Augen der Leser zu führen. Fast jeder Charakter strebt nach Höherem: sei es eine Geschichte Russlands zu schreiben oder seine Arbeits-Lebensphilosophie in die Praxis umzusetzen. Nicht von ungefähr nimmt das teilweise pervers üppige Essen einen breiten Raum ein. Das Trinken kommt demgegenüber gut weg.
Für diese beiden Themen ist die Charakterisierung des russischen Bauern ein nahezu alle Kapitel durchziehendes grundlegendes Sujet.
Man erkennt beim Lesen die große Liebe Gogols gegenüber den russischen Menschentyp, auch wenn er seine Personen oft bis ins Lächerliche karikariert. Das kommt besonders heraus, wenn er Vergleiche mit Engländer, Franzosen und – sehr häufig – Deutschen einfließen läßt.
Siehe dazu Nikolai Das Bild der Deutschen in Gogol: Die toten Seelen.
Stil
An Gogols Die toten Seelen haben sich schon viele Übersetzer abgearbeitet. Es scheint ein nicht einfach zu übersetzender Text zu sein. Ich las die Übersetzung von Michael Pfeiffer für den Aufbau-Verlag (DDR). Sie enthält noch die typischen russischen Formen wie "Müüterchen" und "Väterchen" (die moderne Übersetzer vermeiden), ich fand sie aber durchaus in Ordnung.
Gogol wechselt zwischen reichlich Dialogen und langen Beschreibungen. Diese gelingen ihm durchweg. Selbst mit banalen Beschreibungen bannt er die Leser, so beispielsweise am Beginn einer Bootsfahrt auf dem Fluß: „Das Wasser lag reglos da, lautlos zog eine Aussicht nach der anderen an ihnen vorüber [!], und die immer wieder wechselnden Gehölze erfreuten das Auge durch die verschiedenartige Anordnung der Bäume [!]” (S. 371).
Schach
Die Dominanz im Schach durch Russland wird oft auf die staatliche Förderung unter der kommunistischen Herrschaft zurückgeführt. Die Popularität des Schachspiels in Russland reicht jedoch jahrehundertweit zurück. Selbst in Die toten Seelen wird ganz selbstverständlich Schach gespielt (neben Whist und Glücksspielen).
Verirren in der Stadt
Zum Motiv "Verirren / umherirren in der Stadt" steuern Die toten Seelen einen kurzen Absatz bei.
„Wie im Halbschlaf irrte er ziellos in der Stadt umher und war sich nicht im klaren, ob er wahnsinnig geworden war oder ob die Beamten den Verstand verloren hatten, ob alles ein Traum war oder ob dieser Unsinn, der schlimmer als jeder Traum war, der Wirklichkeit entsprach. Spätabends, schon fast bei Sonnenuntergang, kehrte er in den Gasthof zurück, den er in so fröhlicher Stimmung verlassen hatte, und bestellte sich aus Langeweile Tee.” (S. 263)
Weitere Beispiele zu diesem Motiv siehe unter "Verirren in der Stadt", Nikolai Links.
Aktualität
Obwohl der Roman Die toten Seelen
  • vor über 150 Jahren erschien,
  • eine vergangene Umbruchsphase von der Leibeigenschaft in die Befreiung und von der Landwirtschaft in die Industrialisierung beschreibt,
ist er thematisch außerordentlich aktuell.
  • Tschitschikow verfolgt eine Geschäftsidee, bei der aus dem Nichts Gewinn erzielt werden soll. Solche Ideen – legal und vielversprechend oder illegal und betrügerisch  blühen auch heute und finden viele Investoren.
  • Tschitschikow nutzt eine Lücke im Steuersystem aus. Die Revisionsliste wird nicht permanent gepflegt sondern nur zu bestimmten Stichtagen (Jahre auseinander) bereinigt. Das gibt Tschitschikow Gelegenheit mit toten Seelen Kapital zu beschaffen. Das Steuersystem – zumindest in Deutschland – ist so kompliziert, dass es für Laien kaum durchschaubar ist und findigen Kennern immer lukrative Lücken bietet.
  • Tschitschikow sammelt scheinbar wahllos Daten durch Befragung. Naive Zeitgenossen sind für ihn wertvolle Informationsgeber. Die Datensammlung durch Staat und Wirtschaft ist derzeit ein brisantes – weitgehend von der Bevölkerung unterschätztes – Phänomen.
  • Ein Ziel des Spotts in Die toten Seelen ist die Bürokratie im zaristischen Russland. In deutscher Gründlichkeit (hier Gogols Urteil über die Deutschen – siehe Nikolai Das Bild der Deutschen – bestätigend) kann unsere Bürokratie mit der des Zarenreichs mithalten.
Modernität
Die toten Seelen steht stilistisch zwischen Romantik und Realismus. Doch hat es einige erstaunlich moderne Züge:
  • der Erzähler tritt im eigenen Roman – als Person oder zwischendrin als Ich-Erzähler – auf. Das war im 19. Jhdt. öfters dann der Fall, dann jedoch aus der Literatur weitgehend verbannt, jetzt wieder modern.
  • Literatur in der Literatur. Gerne lassen moderne Autoren Literaturbezüge in ihr Werk einfließen. In Gogols Die toten Seelen geschieht dies mehrfach.
  • Wie Dante Alighieri in der Göttlichen Komödie begibt sich Tschitschikow in der russischen Komödie zu einer Rundfahrt durch die Hölle der Gutsbesitzer und Leibeigenen. Vergil und Dante tauchen bei Gogol auf (S. 176).
  • Klassische Vorlagen werden – wie hier Dantes Höllentrip – in der modernen Literatur gerne eingesetzt. Ich erinnere an Zadie Smith: On Beauty – analog zu Edward M. Forster: Howards End – und John Irving, der in A Prayer for Owen Meany viele Themen und Motive aus Günter Grass: Die Blechtrommel verwendet.
Die toten Seelen ist eine Groteske, die die Bürokratie, die Korruption und die Gesellschaftshierarchie im Russland des 19. Jhdts. aufs Korn nimmt. Die Komik kommt nicht zu kurz. Es geht aber tiefer. Die russische Seele besonders der Bauern ist ein Hauptsubjekt des Romans. Die Leibeigenschaft wird mehr oder weniger offen kritisiert. Eine neue Klasse tritt auf: der Spekulant und Händler, der das System ausnutzt um aus dem Nichts Gewinn zu erzielen. Schade, dass nur der erste Teil vollständig überliefert ist.
Vergleichsliteratur
William Gaddis: JR – siehe Genz (2010) unter Nikolai Literatur.
Gogol Joseph Heller: Catch-22 – Groteske, in der besonders – aber nicht nur – Milo Minderbinder absurde Geschäfte betreibt – GogolMilo Minderbinder
Gogol Robert Louis Stevenson: The Body-Snatcher (1884): hier werden echte Leichen geklaut und verhökert

Links
GogolDie toten Seelen
Die toten Seelen als Lesung/Film (1:13:29): GogolVidoserGogolYoutube
Online-Texte: GogolGutenbergGogolZeno
GogolEin Gespräch mit der Übersetzerin Vera Bischitzky zu Nikolai Gogols 200. Geburtstag: Tote Seelen, die 17. FAZ 1.4.2009
GogolErdmann, Elisabeth von: Nikolaj Gogol’: Die Macht des Abwesenden :Die Göttliche Liturgie und die Mahlzeiten in den Toten Seelen
GogolFleischhauer, Jens: Die toten Seelen (Kritik)
GogolKern, David Manuel: Nicolai Gogol - Die toten Seelen
GogolLauer, Reinhard: Väterchen Frost ist Schnee von gestern, FAZ 31.3.2009
GogolPerlentaucher
GogolRothschild, Thomas: Unser Held ist lediglich ein Gast, Freitag, 26.03.2009
GogolKhotinskaya, Galina: Was meinen die Grossen über 200 Jahre von Nikolaj Vassiljewich Gogol 
Gogol Das Bild der Deutschen in Gogol: Die toten Seelen
Gogol Edward M. Forster: Howards End
Gogol Günter Grass Die Blechtrommel versus John Irving A Prayer for Owen Meany
Gogol Schach & Literatur
Gogol Zadie Smith: On Beauty
Gogol Vergleiche von Literatur
Gogol Verirren in der Stadt
Gogol Zeit-Bibliothek der 100 Bücher
Literatur
Fuchs. Irmgard (2003): "Nikolai Gogol oder der literarische Realismus als implizite Gesellschaftskritk", in: Josef Rattner, Gerhard Danzer, Hg.: Der Humanismus und der soziale Gedanke im russischen Schrifttum des 19. Jahrhunderts. S. 31- 54
Genz, Julia (2010): „Spekulationen auf Papier - Nikolai Gogols Die Toten Seelen und William Gaddis’ JR”. – GogolOnline (pdf)
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Gogol GasdanowNikolai Gogol: Tote Seelen. Ein Poem. Vera Bischitzky, Übs. DTV, 2013. Taschenbuch, 640 Seiten Gogol
Nikolai Gogol: Die toten Seelen: Erzählung. Hermann Röhl, Übs. Insel, 1987. Taschenbuch, 526 SeitenGogol
Gogol GasdanowNikolai Gogol: Die toten Seelen. Ein Poem. Angela Martini, Hg., Nachwort; Wolfgang Kasack, Übs. Reclam, 2009. Gebunden, 597 Seiten

Heftrich Gasdanow Urs Heftrich: Gogol's Schuld und Sühne: Versuch einer Deutung des Romans "Die toten Seelen". Pressler, 2004. Gebunden, 334 Seiten Keil
Rolf-Dietrich Keil: Nikolai W. Gogol. Mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek: Rowohlt, 1985. Taschenbuch Gogol
Rattner Gasdanow Josef Rattner, Gerhard Danzer, Hg.: Der Humanismus und der soziale Gedanke im russischen Schrifttum des 19. Jahrhunderts. Königshausen & Neumann, 2003. Taschenbuch, 284 Seiten Woodward
James B. Woodward: Gogol's Dead Souls. Princeton, 1978. Gebunden, 296 SeitenGogol
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 3.1.2014