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Das Bild der Deutschen in Gogol: Die toten Seelen
Gogol: Die toten Seelen
Trotz aller Komik, Satire und Groteske singt Gogol in Die toten Seelen ein Lob auf die russische Seele. Er beschreibt an zahlreichen Stellen, warum Außenstehende die Komplexität der russischen Verhaltensweisen nie durchschauen, geschweige denn, erlernen können (S. 57).
Oft vergleicht er dazu mit Engländern, Franzosen und Deutschen. Manchmal um die anderen lächerlich zu machen, manchmal aber auch um seinen Mitrussen einen Blick über die russische Ebene hinaus zu geben. Dabei sollen Deutsche nicht gut wegkommen – das wird laut einem Leser in einer der neuen Übersetzung festgestellt. Diesen Eindruck gewann ich nicht. Zwar werden Deutsche mit den üblichen Vorurteilen belegt – z.B. gründlich –, aber im Vergleich mit Engländern und Franzosen werden Deutsche gut bedient.
Knapp zusammengefasst sind Deutsche
  • sparsam
  • gründlich
  • hängen an ihrer Zeitung und dem Klub
  • Worttüftler
  • strenge Lehrherrn
  • kleiden sich aufwändiger als Russen
Gogol plegt dabei Vorurteile, die auch heute in Deutschland mit umgekehrten Vorzeichen vertreten werden:
  • Deutschen wird der Vorzug vor Russen gegeben (S. 166)
  • Sprachverhunzung durch französische, deutsche und englische Wörter (S. 202).
Vor nahezu 200 Jahren wurden also Gefahren gezeigt, die sich als Gespenster erwiesen haben. Was schließt man daraus für die ähnlichen Vorhalte im heutigen Deutschland?
Doch man befinde selbst. Hier sind so ziemlich alle Stellen, an denen auf Deutsche oder Deutschsein Bezug genommen wird.
„so liebt der Autor die Ausführlichkeit, und in dieser Hinsicht will er, wenngleich ein, gründlich wie ein Deutscher sein.” (S. 22)
über die russischen Umgangsformen mit den verschiedenen Gesellschaftsebenenen:
„... ein Franzose oder Deutscher wird alle ihre Besonderheiten und unterschiede ewig nicht begreifen und verstehen” (S. 57).
Tschitischikow zu Nosdrjow
»Wozu brauche ich denn eine Drehorgel? Ich bin doch kein Deutscher,  der sich mit ihr die Straßen langschleppt, um zu bettelt.« (S. 96)
„Da solch ein Anblick [Skandal, Durcheinander] für den Bauern ein Geschenk des Himmels ist – dasselbe wie für den Deutschen die Zeitung oder der Klub –” (S. 108).
Ein dunkelgraues Holzhaus mit rotem Dach, „wie es bei uns für Militärsiedlungen und deutsche Kolonisten gebaut wird” (S. 111)
Sobakewitsch, bei Tisch mit seiner Frau und Tschitischikow über verfeinertes Essen von Frosch und Austern:
„Das haben alles die deutschen und französischen Doktoren erfunden, am liebsten würde ich sie dafür aufhängen” Sie haben die Diät  erfunden, sie wollen die Leute mit Hunger heilen! Mit ihrer deutschen kraftlosen Natur bilden sie sich ein, daß sie es auch mit dem russischen magen so machen können!” (S. 118)
„... wie treffend ist all das, was aus der Tiefe Rußlands kommt, wo es weder Deutsche noch Finnen noch irgendwelche anderen Stämme gibt, sondern alles ureigenster, lebhafter und behender russischer Geist ist, der nicht lange nach einem Wort sucht, es nicht ausbrütet, wie die Henne die Kücken, sondern es sofort gestaltet ...” (S. 131)
„... kunstvoll denkt sich sein nicht jedem verständliches mager-kluges Wort der Deutsche aus, doch es gibt kein Wort, das so schlagkräftig und kühn ist, so aus dem herzen kommt, so aufschäumt und vor Leben vibriert wie das treffend gesagte russische Wort” (S. 132).
„Du bist bei einem Deutschen in die Lehre gegangen, der für alle das Essen im selben Topf kochte, dir für eine Unaufmerksamkeit den Rücken mit einem Riemen bearbeitete und dich nicht auf die Straße ließ, damit du keine Streiche machst, und du warst ein Wunder von einem Schuster, der Deutche konnte dich im Gespräch mit seiner Frau oder einem Landsmann nicht genug loben.” (S. 166)
„Ein Russe kommt nicht zum Zuge, immer stören einen die Deutschen” (S. 166)
Tschitschikow feierte beim Gerichtspräsidenten und in fröhlicher Stimmung trug er Sobakewitsch eine in Verse gesetzte Botschaft  Werthers an Lotte vor (S. 186).
Gemeint ist höchstwahrscheinlich das Gedicht von Vasiliy I. Tumanski "Werther an Charlotte" (1819), das sich motivisch an Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther (1774) anlehnte.
Von der obersten Gesellschaftsschicht bekommt mein kein ordentlich russisches Wort zu hören, sondern französische, deutsche und englische (S. 202).
Russisches Trinkgelage mit deutschen Einführungen „wie Limonade, Punsch, Glühwein und dergleichen” (S. 238)
Klubsitzungen nach deutscher Art (S. 244)
„die hölzern-gleichmütige Geduld des Deutschen, die ja auf dessen langsamer, träger Blutzirkulation beruht ...” (S. 295-296).
„Keine deutschen Stulpenstiefel hat der Kutscher an, Vollbart und Fausthandschuhe sind sein einziger Schmuck” (S. 307).

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