Gerhard
Josten: Ein bisschen unsterblich wie Schach
Norderstedt: BoD, 2004. Gebunden,
256 Seiten – Autor –
Links – Literatur
|
Das
großformatige Ein bisschen unsterblich wie Schach
gewinnt sofort durch das Titelbild von Samuel Bak (eingangs erläutert; siehe Links),
das ansprechende Format und das Lesebändchen. Allerdings wird der gute
erste Eindruck getrübt durch die Kapitelüberschriften. Sie folgen Zug
für Zug der unsterblichen Schachpartie Adolf Anderssen – Lionel Kieseritzky,
London 1851, doch in Großbuchstaben (z. B. "14. DF3 – SG8), was jeden
Schachspieler die Haare sträuben läßt. Dass die Überschriften mit der
Handlung nichts zu tun haben, merkt man erst später.
Der New Yorker William Cartwright fällt schon als Kleinkind durch
ungewöhnliche Begabung auf. Wer das Umfeld (Autor, Titel) kennt und den
Prolog gelesen hat, vermutet wohl wie ich ein künftiges Schachgenie.
Doch gefehlt: Cartwright studiert Archäologie und steigt in den
familieneigenen Rüstungsbetrieb ein, den er dank seiner
aussergewöhnlichen intellektuellen Fähigkeiten hervorragend führt,
genauer: führen läßt. Cartwright stößt auf unentzifferbare Notizen aus
dem Innern Asiens. Sein archäologischer Instinkt wird geweckt und er
jagt der Entschlüsselung der Schrift hinterher. Da dies derzeit ein
Modethema in der Literatur ist (jeder achtbare Historienroman hat eine
geheimnisvolle Schrift, ein uraltes Buch oder ein mysteriöses Gemälde),
steckt darin kein Leseanreiz. In Jostens Roman fesselte die Verknotung
der Romanereignisse mit historischen aus dem 20. Jahrhundert.
Cartwright trifft Stefan
Zweig (
Joseph Fouché – Die Welt von Gestern)
in New York und Petropolis; er schaltet den Mathematiker Alan M. Turing (23.6.
23, 1912 London – 7.6. 1954, Wilmslow, Cheshire) in die Decodierung
ein; er spielt mit Bobby
Fischer (* 9.3. 1943 Chicago) Schach. Alle haben
ihre Bezüge zum Schach. Die Romanstruktur legt sich wie eine zweite
Schicht über die Historie. Die Berührungspunkte der beiden Ebenen
ergeben sich zwanglos.
Während Cartwright trotz aller Intelligenz hinter der Notiz
Außerirdische von Alpha Centauri vermutet, wird die Notiz schrittweise
entschlüsselt und in verschiedenen Regionen der Erde unterschiedlich
interpretiert. Mich überzeugte die von Bobby Fischer am meisten. Nun
verläßt der Roman die ausgetretenen Pfade der weltumspannenden
Verschwörung / Zusammenarbeit und bringt Kathy ins Geschehen. Sie ist
nur die Tochter der bescheidenen Haushälterin des Romanhelden, doch sie
bringt ihn zur Vernunft und überzeugt ihn, dass seine Centauri-Theorie
Humbug ist. |
Die
gut ausgedachte Romanstruktur hebt nicht die zahlreichen
Unstimmigkeiten im Feingewebe und den unnatürlichen, ausufernden Stil
auf.
Unstimmigkeiten
- William geht in New York aufs Gymnasium (so!) und
erhält eine Eins in Mathe (S. 10). In den USA gibt es High Schools und
die Noten laufen von "A" bis "F". In neuerer Zeit gibt es auch
nummerische Systeme, meist in Prozentangaben von 0 bis 100. Unwichtig?
Na ja, aber der Roman präsentiert zahlreiche unstimmige
Nebensächlichkeiten.
- Bei Brettspielen werden die Steine in Europa
üblicherweise auf die Felder gesetzt (S. 36). Hier vergaß der Autor
wohl Halma (gibt es in Linie/Punkt- und Feldversion) und Mühle.
- "Zwischen Tokio und New York liegt der pazifische
Ozean und damit mehr als der halbe Äquator." (S. 46). Der erste
Satzteil trifft zu; der zweite liegt daneben. Übersieht man
wohlwollend, dass beide Städte weit nördlich des Äquators liegen, so
kann sich die Behauptung nur auf die Länge des Äquators (40.075 km)
beziehen. Die Entfernung New York - Tokio (über Hawaii) beträgt ca.
14.200 km.
- Cartwright erwartet Besuch in seiner Unterkunft. Er
meldete sich beim Personal ab, "gab an, wo er aufzufinden wäre" und
spaziert durch den Park, der das Landhaus umgab (S. 84). Der Park hat
einen Brunnen, abgelegene Ecken und einen eigenen Gärtner. Was sagte er
dem Personal? "Ich bin irgendwo draussen"? Im Park trifft er eine junge
Frau, die in keiner Weise so aussah, "als gehörte sie zu einem
Geheimdienst" (S. 85). Tragen Geheimdienstler ein Erkennungsschild!?
- Sogleich weiß er, dass er ihr, der völlig
Unbekannten, "wohl später noch öfter begegnen würde" (S. 85). Er
vergisst, dass in Landhotels die Gäste wechseln.
- Die Dame stellt sich als seine Bekannte Joan Rooney
heraus. Eine zufällige Begegnung. Doch kurz darauf wird der Leser
informiert, daß sich Joan dabei verspätet hatte (S. 90).
- Mit Stefan Zweig unterhält sich Cartwright über
Czentovic (S. 58), einer zentralen Figur in Zweigs geplantem Werk (das
später als Die Schachnovelle weltberühmt wurde).
Doch ein paar Seiten weiter bekennt der superintelligente William
Cartwright, dass ihm der Name "Czentovic" nichts sage (S. 95).
- Alan Turing im Gespräch mit Claude Shannon (30.4.
1916 Gaylord oder Petoskey, Michigan – 24.2. 2001 Medford, Mass.,
Mathematiker; S. 106). Da kommt Cartwright hinzu und beantwortet eine
Frage Shannons (S. 117). Anschließend verflüchtigt sich Cartwright und
Turing plaudert mit Shannon weiter. Versehentliche Namensverwechslung?
- Ein letztes Beispiel: Cartwright freundet sich mit
seiner verarmten Haushälterin Frau Rangachar an und lädt deren Tochter
Kathy zum Tee ein, da er ihr Arbeit anbieten will. Frau Rangachar sagte
zu, "dass sie mit ihrer Tochter darüber sprechen würde" (S. 226). Schon
dies erscheint mir hergeholt. Einer erwachsenen Tochter überbringt man
eine Einladung, gibt sie weiter, teilt sie ihr mit ..., führt aber
darüber keine Besprechung. Doch es kommt noch dicker. "Kathy ließ ihm
anschließend durch Rangachar sagen, er möge doch erst einmal sein
Anliegen konkret fixieren und es ihr aufschreiben" (S. 226). Krass
formuliert: ich biete der Tochter meiner Putzfrau einen Job an, sie
verlangt zuerst einen schriftlichen Antrag mit
Arbeitsplatzbeschreibung!
- Doch William schreibt ihr ausführlich: der Brief ist
im Roman als fast eine Buchseite abgedruckt (S. 227). Er enthält (an
eine nie gesehene Person; Tochter der Haushälterin!) den mysteriösen
Text, dem William nachspürt, hinter dem er Ausserirdische vermutet.
Kathy antwortet: "Den Text habe ich nur kurz überflogen" (S. 227).
Später erklärt sie ihm aber: "Ich habe alle Ihre Briefe sehr sorgfältig
gelesen" (S. 238).
Stil
- Die Dialoge und Zwischentexte werden breit
ausgewalzt. Ein Beispiel genüge. Cartwright bereitet sich auf sein
Gespräch mit Stefan Zweig vor (S. 56). Nach einem langen Absatz findet
er "Anknüpfungspunkte in Hülle und Fülle". Im nächsten Absatz kaut der
Autor weiter und Cartwright fällt Felix
Braun (4. 11. 1885 Wien – 29. 11. 1973
Klosterneuburg; Erzähler, Dramatiker) auf. In der elften Zeile merkt
er, dass "man doch wunderbar und ganz unverfänglich anknüpfen" könne.
- Zahlreiche Wortwechsel enthalten rhetorische Fragen
der Art: "Darf ich Sie etwas fragen?" Das mag zur Charakterisierung einer
Person als besonders schüchtern hingehen, hier nimmt es überhand.
Streng genommen sind Fragen dieser Art ein performativer Widerspruch,
da man mit der Frage schon eine solche gestellt hat.
- Die Formulierungen sind manchmal gestelzt bis falsch.
Cartwright. "Würden Sie uns das Original einmal in Kopie zur Verfügung
stellen?" (S. 43) Mag im Geschäftsverkehr das geschraubte "zur
Verfügung stellen" noch angehen, was aber ist ein Original in Kopie?
Cartwright meinte wohl eine Kopie (des Originals).
- Die Metaphern (wenn überhaupt welche den Text
auflockern) sind abgegriffen, wie, wenn jemand durch Abwesenheit glänzt
(S. 222).
Genug, ich weise auf Cartwrights eigene Erkenntnis hin: "Schreiben ist
leider nicht mein Ding. Dazu sind Leute wie Stefan Zweig oder Vladimir
Nabokov berufen" (S. 138).
Während also die Grundthematik überzeugt, macht das die mangelhafte
Ausarbeitung und der Stil zunichte. |
| Autor |
Gerhard Josten,
* 1938, Köln
ist vielfältig im Schach engagiert. Selbstverständlich spielt er selbst
und widmet sich dem Problemschach. Darüber hinaus ist er im
Schachbetrieb (Vereine, Turniere, Literatur) tätig. Nicht genug forscht
er in der "Initiativgruppe Königstein" (mit dem bekannten
Schachforscher Egbert Meissenburg) über die Geschichte des
Schachspiels. Von seinen zahlreichen Publikationen habe ich zwei in
meiner Bücherdatenbank, finde die beiden Werke aber nicht im Regal (wer
Zeit hat möge die Regal sortieren).
Die Steine der Weisen. Von den Quellen in die Zukunft.
Manfred von Fondern, Hg.
Maintal: Rochade Europa, 1995. 173 S.
Der Läufer war eine Dame. Eine ungewöhnliche
Schachgeschichte. Hollfeld: Bange, 1992. 160 S. |
Zum
Ursprung des Schachs kann ich mir diesen uralten Witz nicht verkneifen.
Kürzlich stellten Forscher fest, dass in China im 5. Jahrhundert vor
Christus schon Blindschach gespielt wurde. Sie öffneten zahlreiche
Gräber dieser Zeit und fanden nirgends ein Schachspiel. |
| Links |
Gerhard Josten: Aljechins
Gambit
|
On the Origin of Chess.
Activities of the Initiative Group Königstein (IGK) since 1991
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Samuel Bak, Pucker Gallery
|
Chess in the Art of Samuel Bak
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Schach in der Literatur
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| Literatur |