| Vladimir
Nabokov: Lushins Verteidigung Reinbek: Rowohlt, 1980. Taschenbuch: 262 Seiten, Dietmar Schulte, Übs. – |
| Lushin stammt aus einer wohlhabenden russischen Familie
ist aber von Beginn an zurückgezogen und wird zum Außenseiter. Erst das
Schachspiel fasziniert und rettet ihn: er wird ein gefeierter
Schachmeister. Nur fürs Schach lebt er. Als Boris Spassky einmal bemwerkte: „Schach ist wie das richtige Leben“, korrigierte ihn Bobby Fischer: „Schach ist das richtige Leben“. Für Lushin gibt es außerhalb von Schach nur „Nebel, Ungewißheit, Leere“ (S. 141). Da lernt er eine junge Dame kennen und vernarrt sich in sie. Ebenso die junge Frau in ihn, entgegen dem vehementen Widerstand ihrer Mutter, die Lushin als den ersten Kloakenreiniger, der ihr über den Weg läuft (S. 116), oder einen „halbverrückten Bettler“ (S. 158) bezeichnet. Sie heiraten und Lushin entsagt eine zeitlang seiner Schachleidenschaft. Doch sie bricht wieder durch, seine Frau bemerkt es wohl und bereitet die Abreise vor. Nun durchkreuzt Lushin zwei Pläne: zum einen sinniert er wieder über eine Abbruchpartie nach, zum anderen enzieht er sich instinktiv durch ein „kleines Ablenkungsmanöver“ (S. 250) seiner Frau. Neben den Elternpaaren spielt der Mentor Valentinov eine bedeutende Rolle (die im Film noch gesteigert wird). Er tritt nach der Abstinzphase Lushins als Verführer auf und ist sich der Macht der Schachleidenschaft bewusst. Er schärft Frau Lushina ein, ihrem Gatten nur auszurichten: „Valentinov wartet auf dich“. Damit schlägt das Fallbeil zu (S. 245). Neben Lushin ist zweifelsohne seine Frau (soweit ich lese, erfährt man ihren Namen nicht) die wichtigste Person (neben den jeweiligen Eltern als Nebenfiguren). Lushina hat eine merkwürdige Beziehung zu Lushin sen. • Schon in ihrer zweite Bemerkung zu Lushin (nach dem "herumspielen") bedauert sie, ihn nicht gekannt zu haben (S. 81). • Als Braut denkt sie an ein Büchlein ihrer Kindheit (S. 165), das wohl "Die Abenteuer des jungen Antoscha" von Lushin sen. gewesen sein kann (S. 23), da es auch von einem Gymnasiasten mit Hund handelte. • Nach ihrer Heirat (S. 181) und dem famosen Ball (Kap. 12) bringt sie wieder das Gespräch auf den Vater und drängt darauf das Grab Lushins sen. zu besuchen (S. 210). |
| Nabokov behandelt in diesem meisterhaften Roman (mit ein paar schwachen Stellen) das Außenseitertum des Genies und die Bekämpfung oder Frönung einer Leidenschaft. Dass viele Genies oder einseitig Begabte dies mit mangelnder praktischer Lebenstüchtigkeit bezahlen ist eine Binsenwahrheit. Nabokov meint, für diese Leute gibt es nur eine Verteidigung. |
| Der Romantitel kann als ein Genitiv des Subjekts gelesen werden, also die Verteidigung, die Lushin ersann, oder als ein Genitiv des Objekts: Lushins Leben wird durch den Autor gegenüber dem Leser verteidigt. Gerade zur zweiten Lesart könnte man vieles aus dem Text anführen. |
| Tragik
& Komik Neben all der Tragik um Lushin und seine Freundin streut Nabokov einige Komik (keine Schenkelklopfer) ein; beispielsweise über Lushin sen., der sich als großer Schriftsteller dünkte, bei dessem Tod: „Der Vorstand des Verbandes emigrierter Schriftsteller ehrte sein Andenken durch Erheben von den Plätzen“ (S. 79). – Die Wohnung Lushins liegt im 5. Stock: „Für Lushins Atemnot gab es einen Lift, außerdem war die Treppe nicht steil, und auf jedem Absatz stand unter dem buntbemalten Flurfenster ein Stühlchen“ (S. 176). |
| Nabokov versteht es meisterhaft mit wenigen Worten eine gesamte Szenerie im Leser erstehen zu lassen. „Der Kutscher schnalzte, die Pferde setzten sich wieder in Trab. Über das Stoppelfeld flog langsam am fahlen Himmel ein Rabe.“ (S. 11). Im Kontext entsteht das Bild einer weiten bäuerlichen Landschaft, die aber mit dem fahlen Himmel und dem Raben den Keim für späteres Missgeschick in sich trägt. |
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Durch eine Käferzerquetschungsszene wird dieser Eindruck gleich auf den
jungen Lushin übertragen. Dabei steigert Nabokov wieder mit einem Satz
die per se eher harmlose Szene: „Dann zerquetschte er ihn [den Käfer]
umständlich mit einem Stein, wobei er sich Mühe gab, das ursprüngliche,
saftige Knackgeräusche nochmals zu wiederholen“ (S. 14). Kleintiere,
oft Insekten, spielen durchgehend kleine Rollen: Nabokov war ein
Schmetterlingsexperte. Vergleiche dazu die Rattentötungsszene zu Beginn von Richard Wright: Native Son [dt.: Sohn dieses Landes]; |
| Eine faszinierende Technik ist es, elektrisierende Passagen durch
triviale Bemerkungen noch zu steigern. Auch dies beherrscht der Autor. Beim Abendessen mit den Eltern kommt es zur Auseinandersetzung über den Ehemann in spe. Die Mutter erwartet, dass die Tochter vom unsinnigen Vorhaben läßt. Beiläufig schiebt sie ein „Noch etwas, bitte“ ein und reihte ihren Teller hinüber. Diesen Einschub kann man – noch passender – als Bemerkung und Aktion der Tochter lesen. Vergleiche dazu den grossartigen Popsong „Ode To Billie Joe“ von Bobbie Gentry, 1967. Nachdem Mutter der Tochter am Essenstisch so beiläufig mitteilte, dass sich Billy Joe MacAllister durch einen Sprung von der Tallahatchie Bridge das Leben genommen hat, gab der Vater ungerührt die Erbsen weiter und bemerkte: „pass the biscuits, please“. Neben den knappen Szenen gelingen Nabokov auch ganze Kapitel grandios, wie der Ball im 12. Kapitel. Die grossartigen Szenen wechseln sich gelegentlich mit nicht so gut ausgearbeiteten ab. |
| Die
sogenannte Russische Frage (S. 78) Die russische Frage taucht sie schon im Sammelband von Karl Marx: Exzerpte zur Geschichte der Diplomatie auf: Franz Schuselka: "Die Orientalische, das ist die Russiche Frage", Hamburg 1843. auf: S. 304. Diese Spur führt zu: „Als Orientalische Frage wurde im 19. Jahrhundert die Diskussion über den Fortbestand des Osmanischen Reiches bezeichnet“, Das Osmanische Reich kann's wohl nicht sein. Die Frage wird in vielen Aufsätzen (Alexander Solschenizyn: „Die russische Frage am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts“, 1995) angesprochen, ist 1948 Titel eines Films, Regisseur: Mikhail Romm und eines Theaterstücks Konstantin Simonow: "Die russische Frage Schauspiel in drei Aufzügen und sieben Bildern". Ich lese im Web, sie „ist und bleibt die Frage der Revolution“ von 1917. Sie ist offensichtlich 1919 im politischen Gespräch: Doch nirgends lese ich um was es dabei geht, ganz zu schweigen vom Wortlaut dieser Frage. Gelegentlich stosse ich auf wenig aussagekräftige Fragen, wie „Wer sind wir?“ "Wer ist schuld?" |
| Verfilmung:
Lushins Verteidigung Großbritannien / Frankreich 2000 - Originaltitel: The Luzhin Defense - Regie: Marleen Gorris - Darsteller: John Turturro, Emily Watson, Geraldine James, Stuart Wilson – 109 Min; siehe dazu unter der |
| Nabokov gelang mit diesem frühen Roman eine faszinierende Studie über das Außenseitertum des Genies, die Kraft der Liebe im Gegenspiel zur Sucht. Die eingestreute Komik steigert das Lesevergnügen trotz des düsteren Stoffs. Für (leidenschaftliche) Schachspieler gibt es manche Wiedererkennungseffekte. |
| Links |
| Rezensionen |
unter Wölfen". Die Zeit 27.10.1961 Nr. 44 (pdf) |
| Rezensionen von Schachspielern |
| Literatur |
| Boyd, Brian: "The Problem of Pattern: Nabokov's Defense". Modern Fiction Studies 33:4 (1987), S. 575-604 |
| Johnson, D[onald] Barton: "Text and Pretext in Nabokov's The Defense or ‘Play It Again, Sasha'". Modern Fiction Studies (Lafayette, IN), 30, 1984, pp. 278-287 |
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| Dieter E.
Zimmer, Hg.: Vladimir
Nabokov: Gesammelte Werke 02. Frühe Romane 2. Lushins Verteidigung. Der
Späher. Die Mutprobe: Bd 2. Reinbek: Rowohlt,
1992. Gebundene Ausgabe: 777 Seiten |
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