Thomas
Glavinic: Carl Haffners Liebe zum Unentschieden
Volk und Welt 1998. Gebunden, 228
Seiten – Links
–
Literatur
|
Von den zahlreichen "Jahrhundert"-Schachwettkämpfen um
die Weltmeisterschaft wurde 1910 der erste ausgetragen. Ein Wettkampf,
der über die Schachwelt hinaus Furore machte und der, dieser Roman
zeigt es unter vielen anderen, bis zur Jahrtausendwende die Gemüter
erhitzte. Der amtierende Weltmeister Emanuel
Lasker verteidigte gegen
Karl
Schlechter (auch: Carl) seinen Titel; nach den Bedingungen
behielt Lasker den
Titel, der Wettkampf endete 5:5.
Über die zehnte Partie ranken sich Legenden. Helmut
Krausser schrieb
dazu die Glosse "Der eine und der andere", zu finden in seinem
Erzählband Spielgeld
(siehe Links). |
| Glavinic setzte für Schlechter den Carl Haffner ein.
Damit macht er klar: seine Figur ist – zwar an Schlechter angelehnt
(Carl) – eine Romanfigur. Er versucht zu klären, was geschah, damit es
zu der unglaublichen zehnten Partie und zu deren Verlauf kommen konnte.
Das gelingt gut. |
Allerdings tümpelte für mich der Roman zunächst so an
der Wirklichkeit entlang. Erst als der Autor die Journalistin Anna
Feiertanz auftreten läßt (ab Seite 94) kommt Peffer ins Geschehen.
Dann läuft alles recht plausibel ab und der Schachliebhaber wird so
richtig mit dem Roman mitgehen. Ob es der Nicht-Schachler auch macht? |
| Thomas Glavinic ist selbst ein starker Schachspieler
(stark auf nationaler Ebene), so dass bei ihm schachlich alles
stimmig ist. Seine These, dass die Schachmeister sich so reinhängen,
weil ihnen ansonsten etwas fehlt, ist durchaus richtig (S. 152).
Insbesondere fällt auf, dass viele gute Schachspiel vaterlos
aufwuchsen. Prominentestes Beispiel: Robert
Fischer. Auch dies ist fein beobachtet (und vielleicht nur
dem echten Spieler zugänglich): "Die letzten Züge führte Carl nur noch
aus, um sich innerlich auf die Niederlage einzustellen" (S. 203) |
| Für
historisch interessierte Schachspieler ist der Roman unbedingt
lesenswert. Ich meine, auch Nicht-Schachspieler können sich
hinversetzen und ihn mit Vergnügen lesen. Glavinic zeichnet eine
glaubwürdige Psychologie um einen merkwürdigen Wettkampf. |
| Links |
Thomas Glavinic
|
Thomas Glavinic: Der Kameramörder
|
Schach in der Literatur
|