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Urs Richle: Das taube Herz
München: Knaus, 2010. Gebunden, 349 Seiten – Urs LinksUrs Literatur
Über den Schachautomaten des Wolfgang von Kempelen (1734 – 1804, Urs Links) wurde schon vieles geschrieben. Das taube Herz ist ein Roman zum „Schachtürken“, der weit über die historische Begebenheiten hinausgeht.
Jean-Louis Sovary vernarrt sich schon früh in Uhrwerke und Automaten. Blaise Montallier, ein Orgelbauer aus Calais wittert seine Chance berühmt zu werden und den Schachautomaten des Wolfgang von Kempelen als getürkt zu erweisen. Dabei geht er ungemein brutal vor.
Er schnappt sich die schachbegabte Ana de la Tour – eine weibliche Kaspar Hauser Figur (Urs Links) – und den handwerklich genialen Sovary und tritt in Paris gegen von Kempelen an.
Unaufdringlich eingestreut sind harte philosophische Probleme:
• Ist es möglich das menschliche Denkvermögen mit einer Maschine zu reproduzieren? Von René Descartes (1596 – 1650) über Blaise Pascal (1623 – 1662) zieht sich dazu eine Linie bis zu unseren heutigen Computern. Nicht erwähnt sind die Rechenmaschinen von Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 – 1716) und Charles Babbage (1791 – 1871).
• Der funktionalistische Ansatz zum Bewusstsein liegt dem Gedankenexperiment des Chinesischen Zimmers von John Searle (* 1932) zu Grunde.
• Mit der Figur der Ana de la Tour geht Richle die Frage vom anderen Ende her an: kann man einen Menschen zur Maschine umkrempeln? Wenn dazu vorbehaltslos mit "ja" zu antworten wäre, würde das die Sichtweise des Menschen als Biomaschine unterstützen.
Diese Probleme werden nur am Rand gestreift, man kann sie der Handlung entnehmen.
Wenn es um die Uhrenmechanik oder den Schachautomaten geht wird Richle sehr genau. Seitenweise wird mit offensichtlich grosser Sachkenntnis beschrieben wie Jean-Louis Sovary vorgeht. Meine Aufmerksamkeit näherte sich da öfters gegen Null. Der auch sonst ausschweifende Stil lag mir nicht besonders.
Andere Details erschienen mir nicht so glaubwürdig:
• Wenn in einer Schachpartie keine Figuren geschlagen sind es nahezu unmöglich, dass die Königspaare auf Wanderschaft gehen (S. 213).
• Dass der Läufer in der Sizilianischen Eröffnung üblicherweise nach e7 geht (S. 288) ist eine kühne Behauptung. In der Drachenvariante geht er z.B. nach g7.
• Die völlig verwahrloste, ohne Erziehung dahin vegetierende Ana beginnt plötzlich ganz normal zu sprechen!? (S. 223)
• Am Ende wird Jean-Louis Sovary von vier Männern geknebelt und abgeführt. Für mich bleibe die Identität und der Auftrag dieser Leute offen. Rätselhaft ist mir, warum diese Männer vermummt waren (S. 342). Effekthascherei?
• Der Romantitel Das taube Herz erschließt sich mir nicht. Was ist damit gemeint?
Mit grosser Detailverliebtheit entwirft Das taube Herz eine mögliche Abenteuergeschichte um den Schachautomaten von Wolfgang von Kempelen. Die verbürgte Partie Francois-André Damicans, genannt Philidor, 1783 gegen den Schachautomaten ist geschickt eingebaut. Die zu ausführlichen Mechanikepisoden verhinderten Spannung und Teilnahme.
Links
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André Schulz: "Der Schachtürke. Der erste Schachcomputer war keiner"
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Literatur
Jasmin Nowak (2010): "Vom Traum einer denkenden Maschine. Urs Richles Parable zum Thema Mensch und Maschine". Lesart 4. S. 39
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Tom Standage: Der Türke. München: Campus, 2002. Gebunden, 220 Seiten Richle
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