| José
Saramago: Die Stadt der Sehenden Reinbek: Rowohlt, 2007. Gebunden, 382 Seiten. [Ensaio sobre a Lucidez] Marianne Gareis, Übs. – |
| Bei einer Kommunalwahl in der Hauptstadt eines
ungenannten demokratischen Land (siehe Im zweiten Teil des Romans werden einige Personen auf einem Foto als Urheber verdächtigt. Insbesondere eine Frau ist das Ziel von drei Polizeikräften. Vor vier Jahren gab es in der Hauptstadt eine eigentümliche Blindheit (Vorgängerroman Die Stadt der Blinden), die Zeit der kollektiven Blindheit: diese Frau blieb als einzige davon verschont. Sie dient der Regierung als Sündenbock. |
|
• Die
Romanfiguren haben keine Namen, sondern nur Dienstgrad,
Funktionsbezeichnung oder Kennzeichnung wie "die
Frau des Augenarztes". Dieser Verallgemeinerungstrick erschwert für den
Leser jede Identifikation. • Ein wirklicher Protagonist tritt zudem erst im zweiten Romanteil mit dem Kommissar auf. • Satzkonstruktionen, die bis zum Beamtendeutsch ausufern (von Saramago gewollt um die Bürokratie zu desavouieren), sind die nächste Erschwernis für die Lektüre. • Dem setzt Saramago die Krone auf durch seine Dialoge im Fließtext, das heißt ohne neue Zeile, ohne Anführungszeichen, ohne Markierung des jeweiligen Sprecher. Diesen muss man aus Inhalt und Grossschreibung (signalisiert manchmal, nicht immer, Sprecherwechsel) erschließen. • Einmal verhakelt sich der Autor selbst. Der Innenminister beginnt eine Radioanansprache (S. 184) und nach seiner Rede verschwindet er vom Bildschirm (S. 186). Simultanübertragung ?• Merkwürdig ist, dass eine Kommunalwahl die Regierung ausrasten läßt. |
| Der Roman von 2004 nimmt stark auf den Vorgänger Die Stadt der Blinden von Bezug. |
| Aktueller Bezug |
| Der Zusammenbruch der Demokratie steht (noch nicht)
bevor. Doch in vielen Aspekten ist Die
Stadt der Sehenden weder SF noch
Utopie. Ein paar Beispiele: • Wiederholungswahl – wird in Irland zur EU am 2. Oktober 2009 praktiziert: das böse Volk hatte zum Lissabonvertrag der EU mit "Nein" gestimmt; es muss nochmals abstimmen ( • Wahlausgang: nahezu jede Partei feiert sich als Sieger; nicht eingetroffene Erwartungen liegen am verständnislosen Wähler oder allenfalls an schlechter Öffentlichkeitsarbeit der Partei. • Die Opposition im Roman erkennt beispielsweise, dass es sinnlos ist, die Rechte von Menschen einzuschränken, "deren Verbrechen einzig und allein darin bestand, eines dieser Rechte ausgeübt zu haben" (S. 42). – Genau dies geschieht im grossen Stile: Versammlungsrecht, Asylrecht, ... Vergleiche im Roman: "Demonstrationen haben noch nie etwas gebracht, sonst hätten wir sie doch niemals genehmigt" (S. 152). – In Deutschland müssen Demonstrationen vorher genehmigt werden. • Der Feind kommt von innen (z.B. S. 70). – Viele Gesetze und Gesetzesvorhaben in Deutschland lassen diese Einstellung auch bei unseren Politikern erkennen. • Roman: Explosion in der abgeriegelten Stadt, von der Regierung inszeniert. – 1978 verübte das Bundesamt für Verfassungsschutz einen Sprengstoffanschlag auf das Gefängnis in Celle. • Der Innenminister entläßt den Kommissar aus dem Dienst, da er nicht das gewünschte Ergebnis brachte. – Das ist bei uns in Deutschland gängige Praxis, siehe Michael Reitz: "Vorsicht Zivilcourage!", |
| Fehlinterpretation |
| Mir scheint einige Buchbesprechungen lassen erkennen,
dass sie die Botschaft des Romans nicht verstanden haben. Die
Rezensenten eignen sich somit
hervorragend als Regierende. So liest eine Redakteurin im
Themenguide
Jugend den
Roman als Mahnung für notorische Nicht-Wähler (siehe Die Botschaft scheint mir hingegen zu sein: die Regierenden sind überfordert; die Bürger sind nicht die Hauptsache (die wirkliche Ursache für die leeren Stimmzettel wird nie ergründet), sondern der Machterhalt; die Bürger werden nach Strich und Faden ausgeschmiert; dem zerbrechenden Rechtsstaat (u.a. durch Einschränkung der Bürgerrechte) muss Einhalt geboten werden. |
| Ort Saramago war gegen den EU Beitritt Portugals, kandidierte aber bei den Europawahlen Portugals von 2004 erfolglos. Der Präsident spricht im Roman als die Landsleute als "Portugieeeeesinnen und Portugieeeeesen" an (S. 107), doch beeilt sich die Erzählerstimme sogleich, dies zu dementieren. |
| Prinzip
der Uniformität der Natur (S. 237) Kurz wirft der Assistent das Prinzip der Uniformität der Natur ein. Es gibt keinerlei Grund dagegen. Dummerweise gibt es auch keinerlei Grund dafür. |
| Samarra
(S. 370-371) Es lohnt sich nicht, nach Bagdad zu rennen um dem Treffen in Samarra auszuweichen (S. 370) geht auf ein Motiv in der Kürzestgeschichte William Somerset Maugham: "The Appointment in Samarra" ( |
| Den
Roman Die
Stadt der Sehenden
trägt ein glanzvoller Entwurf für eine außer Kontrolle geratende
Demokratie. Irgendwann reitet sich das leider zu Tode, wenn auch immer
sprachlich grossartig vorgetragen. Im zweiten Teil treten wenige
Figuren etwas hervor und beleben das Theaterbrett. Eine lehrreiche, lesenswerte Parabel, ernüchternd bis öd, realitätsnah (von der Wirklichkeit teilweise überholt), deren Lektüre der Autor durch einige Stilmittel erschwert. |
| Links |
| |
| |
| |
| |
| |
| |
| |
| Vergleichsliteratur |
| Literatur |
| Bei Amazon nachschauen | Bei Amazon nachschauen | |
![]() |
![]() |
|
| José
Saramago: Die Stadt der Sehenden. Reinbek: Rowohlt,
2007. Gebunden, 382 Seiten. [Ensaio sobre a Lucidez]
Marianne Gareis, Übs.
|
||