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Cabré
Jaume Cabré: Die Stimmen des Flusses
[Les veus del Pamano, 2004] Frankfurt: Insel, 2008. Kirsten Brandt, Übs. Gebunden, 666 Seiten –
Jaume LinksJaume Literatur

666 Seiten – Ein echter Schinken sozusagen und das ist auch der treffendste Ausdruck für den Inhalt diese verwickelten Romans um den Spanischen Bürgerkrieg.
Es beginnt mit einem Einbruch mit Computerdurchsuchung und Anrufbeantworterabhörung bei Tina Bros (erfährt man erst sehr spät).
Tina Bros ist eine Lehrerin, die ihrem Ehemann auf Seitensprüngen nachforscht und sich von ihm trennen wird. Doch zunächst kommt der literarische Moderahmen der letzten Jahrzehnte, der so ausgelutscht ist, dass er mich schon nicht mehr störte.
Hinter einer Tafel einer alten Schule findet Frau Bros die Hefte mit Aufzeichnungen des Dorfschullehrers Oriol Fontelles, getötet am 18. Oktober 1944. Es ist eigentlich ein Brief an Fontelles Tochter, die er nie kennengelernt hat (der Leser lernt den Briefadressaten bald kennen ohne ihn als solchen zu erkennen).
Oriol Fontelles entpuppt sich als ambivalente Figur. Er will vor allem bei seiner Tochter den Eindruck korrigieren, er habe mit den Francisten zusammen gearbeitet. In Wirklichkeit schleuste er über das Schulgebäude Flüchtlinge nach Portugal oder Republikaner die andere Richtung. Das ist an sich extrem gefährlich, wird aber durch den autoritären und brutalen Bürgermeister Valenti Targa zur Todesgefahr. Der lange Brief Fontellos an seine Tochter wird gut motiviert: seine Frau Rosa verließ ihn schwanger, da sie meinte, Oriol sei aktiver Franco-Anhänger.
Die eigentliche Hauptfigur des Romans ist die schwerreiche Elisenda. Sie hat zahlreiche Zügel in der Hand, will die Täter eines Überfalls auf ihr Elternhaus 1936 vernichten, treibt es mit jedem, der ihr in die Quere kommt, und betreibt nach Fontelles Hinrichtung dessen Heiligsprechung. Sie  gerät zu einseitig.
Die Personenanzahl kann es wohl mit Krieg und Frieden aufnehmen. Den Briefcharakter hält der Autor nur manchmal aufrecht. Oft spricht ein überalleswissender Erzähler, der auch gerne einen Blick voraus wirft. Das kann spannungssteigernd sein, Cabré setzt dieses Mittel aber zu oft ein. Die komplexe Handlung zu verfolgen wird außerdem erschwert, da Orts- und Zeitwechsel häufig sind und oft auch mitten im Absatz. Man kann dies als "raffinierte Verschachtelung" sehen (Dieter Wunderlich, siehe Jaume Links), ich empfand es eher als Zumutung.
Nur selten gab es ein Spur von grimmigen Humor, wie: "Die Messerklinge blitzte nicht auf, weil der Mond sich hinter den Wolken verborgen hatte" (S. 483). Gelegentlich (oder ich erkannte es nur gelegentlich) gab es makabre Szenen, wie den toten Oriol vorm Altar und in seiner Jackentasche steckt das auf skurrile Weise in seine Hände gelangte De imitatione Christi von Thomas a Kempis (Thomas von Kempen, 1330-1471; S. 631, 604).
Cabré packt alle Versatzstücke der Romanliteratur hinein: Drohung mit Enterbung, Enterbung, zahlreiche Ehebrüche, sex- und machtbessende Superreiche, heimliche Adaption, Bürgerkrieg, Tochter-Sohn-Verwechselung, Schmuggel vor Kriegshintergrund, zahlreiche politische Intrigen, Opus Dei, kirchliche Geheimmachenschaften, Auftragskiller, Sohn geht ins Kloster, Computervisitation in der Neuzeit ...
Ich las Die Stimmen des Flusses als breit angelegten Kolportageroman, kunstvoll gestrickt, wenn auch über mein Fassungs- und Anerkennungsvermögen gehend. So habe ich die fast wörtliche Wiederholung der ersten Szene (S. 9-11) am Ende des Romans (S. 659-661) – wenn ich's recht gelesen habe nur unter Austausch des Katers Juri mit der Katze Doktor Schiwago – nicht begriffen.  Etliche Diskutanten hatten merkwürdigerweise die wörtliche Wiederholung dieses Abschnitts noch nicht einmal gemerkt.
Die Kritik hier am Roman verdeckt kleinere Schwächen. Ich hätte sie ausführlich kritisiert, wenn nicht schon größere Mängel zu nennen gewesen wären. Die Stimmen des Flusses enthält zahlreiche Unglaubwürdigkeiten, wie beispielsweise das missglückte Attentat im Restaurant.
Warum mich dieser Roman nicht gepackt hat wurde mir durch die Besprechung in "Welt Online" zusätzlich klar. Der Rezensent vergleicht mit Gabriel García Márquez: Hundert Jahre Einsamkeit (auch dort schon die Pergamente mit magischen Schriften) und jener Roman missfiel mir noch mehr. Sehr ähnlich kam mir auch der Nachtzug nach Lissabon vor, der mit ähnlichen Zuschnitt unter Portugals Diktator António de Oliveira Salazar spielt (Jaume Vergleichsliteratur).
Spanischer Kritikerpreis, 2005: Les veus del Pamano
Cabré packt wirklich alles in die 666 Seiten, mir war es zuviel und zu wirr, weil es auf Kosten des Tiefgangs geht. So entsteht ein buntes Intrigengemälde aus dem Spanischen Bürgerkrieg. Mehr nicht.
Links
CabréJaume CabréCabréWikipedia
CabréFelix Müller: Maconda liegt in den Pyrenäen, Welt Online 22.9.2007
CabréJaume Cabré - Die Stimmen des Flusses beim Insel-Verlag
CabréDieter Wunderlich: Jaume Cabré: Die Stimmen des Flusses
CabréSpanischer Bürgerkrieg
Vergleichsliteratur
Jaume Gabriel Garcia Márquez: Hundert Jahre Einsamkeit
Jaume Pascal Mercier: Nachtzug nach Lissabon
Literatur
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cabré CabréJaume Cabré: Die Stimmen des Flusses. Frankfurt: Suhrkamp, 2008. Kirsten Brandt, Übs. Broschiert, 666 Seiten cabré
Jaume Cabré: Die Stimmen des Flusses. Frankfurt: Insel, 2008. Kirsten Brandt, Übs. Gebunden, 666 Seiten Cabré
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