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Maurensig
Paolo Maurensig: Spiegelkanon
[Canone inverso]. München: Diana, 2000. Irmela Arnsperger, Übs. 190 Seiten – Maurensig LinksMaurensig Literatur
Der frühere Meistergeiger Jenö Varga erzählt wie er zum Geigenspieler wurde und wie er in der Musikschule Collegium Musicum, Wien, zum Virtuosen gedrillt wurde. Er schließt Bekannschaft mit Kuno Blau und verbringt für ihn – aus ärmlichen Verhältnissen kommend – ungewöhnliche Tage auf dessen Schloß. Dabei stellt sich eine unerwartete Beziehung in beider Vergangenheit heraus.
Maurensig schildert die Zucht im Collegium Musicum und die Rivalität zwischen Lehrern und Schülern und der Schüler untereinander hervorragend.
Wie schon in Die Lüneburg-Variante (siehe Maurensig Links) verschachtelt Maurensig die eigentliche Erzählung mehrfach. Diese Technik stammt aus den Schauerromanen (Gothic Novel), wie z.B. Charles Maturin: Melmoth the Wanderer und Jan Potocki: Die Handschrift von Saragossa (siehe Maurensig Links).
Der Ich-Erzähler ersteigert auf einer Auktion in London eine wertvolle Geige von Jakob Stainer (S. 9; siehe Links) . Ein Besucher im Hotel will sie ihm abkaufen, da er Geigen sammelt und die Geschichte des Instruments kennt. Ein Jahr zuvor traf er in Wien auf einen alten ungarischen Geiger, der die "Chaconne" von Bach meisterlich spielte. Der Besucher stellte dem Geiger nach und erfuhr seine Geschichte, die Lebensgeschichte des Jenö Varga (1919-1947).
Diese kurze Darstellung von Inhalt und Form zeigt, dass Paolo Maurensig auch Grillparzers Der arme Spielmann gut zu kennen scheint. Vielleicht auch Fred Uhlmann: Der wiedergefundene Freund (zu Grillparzer und Uhlmann siehe Maurensig Links).
Die Zeitgeschichte (der Kern des Romans spielt um die Zeit kurz vor dem Anschluss Österreichs an Deutschland) wird nur angedeutet. Einzig bei der Aufführung des Konzerts für Violine und Orchester von Felix Mendelssohn Bartholdy (vermutlich das beliebtere, op. 64, e-moll) kommt es zum Eklat: die braunen Störer erzwingen den Abbruch (S. 170-171). Dies geht auf eine wahre Begebenheit im Dritten Reich zurück [*]. Allerdings trägt mir dabei der Autor die politischen Vorausahnungen zu dick auf: hernahender Wirbelsturm, schreiende Vogelschwärme, ... (S. 170).
Mir kommt der Abschluss der Rahmenhandlungen am Ende etwas zu kurz, zumal Maurensig da noch eine Wendung ins Fantastische einbaut. Aber vielleicht genügt dafür die kurze Feststellung des Todesjahrs von Jenö Varga!?
Die Wendung ins Fantastische kann man anders interpretieren ...
Wenn man zu einigen "Zufälligkeiten" im Roman (z.B. Jenö trifft Kuno als Schüler im Collegium Musicum; was sich erst später als starker Zufall herausstellt) auch noch weitere in Kauf nimmt, gibt es – wie mir von anderen Lesern überzeugend präsentiert wurde – noch eine weitere Lesart, die ohne Fantastik auskommt. Allerdings erhält da ein Patient der psychiatrischen Anstalt Mariahilf längeren und öfteren Ausgang. Dies sollte genügen damit man die andere Lesart herausfindet.
Ein Autor kann verschiedene Lesarten in der Schwebe halten, doch dann muß er sie dem Leser zumindest ahnen lassen. Bei mir (und anderen Lesern) kam es zu keiner Abwägung.
Gerade in der anderen realistischen Interpretation – die viel für sich hat – tritt der Nachteil des dünnen Rahmens umso dringender hervor.
Ein gehaltvoller Kurzroman, der jedoch nach Lektüre von Der arme Spielmann und Maurensigs eigenem Die Lüneburg-Variante das Strickmuster zu klar erkennen lässt.
Maurensig Anfang
In einem Spiegelkanon bringt die zweite Stimme das Thema in seiner Umkehrung, sie spiegelt die erste Stimme. Die Umkehrung geschieht durch Versetzen um eine Oktave oder indem aus einer notenmässigen Aufwärtsbewegung eine Abwärtsbewegung gemacht wird.
Der Spiegelkanon wird im Roman durch die äusserliche Gleichheit (S. 96) und charakterliche und entwicklungsmässige Spiegelung der beiden Protagonisten Jenö und Kuno verwirklicht.
Die Rahmenschachtelung ergibt eine konstruktive Spiegelung.
[*] Anmerkung
  • Andere Meinung: die Störung der Nazi-Rabauken geschah im Sommernachtstraum von Mendelssohn Bartholdy
  • Noch eine andere Meinung: dies war kein spezielles Ereignis, denn Mendelssohn Bartholdy wurde eine Zeit lang – bis zum endgültigen Verbot – ständig so ähnlich gestört.
Wer dazu Genaueres oder gar eine Quelle kennt, bitte emailen! Zurück zum Rezensionstext
Jakob Stainer (ca.1617-1683): siehe Maurensig Links
Genesis 4,21 = 1 Mose 4,21 (S. 175)
"Und sein Bruder hieß Jubal [ein Nachkomme Kains]; von ihm sind hergekommen die Geiger und Pfeifer."
Links
Vergleichsliteratur  
  Maurensig Grillparzer, Franz: Der arme Spielmann
  Maurensig Maturin, Charles: Melmoth the Wanderer
  Maurensig Maurensig, Paolo: Die Lüneburg-Variante
  Maurensig Potocki, Jan: Die Handschrift von Saragossa
  Maurensig Fred Uhlman: Der wiedergefundene Freund
MaurensigDas Epilepsiemotiv in der Literatur (II)
Jakob Stainer
MaurensigDer Vater der deutschen Geige ist ein TirolerMaurensigViols after Jakob StainerMaurensigWikipedia
MaurensigTill Weingärtner: Rezension auf lettern.de, 2000
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Literatur
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Maurensig MaurensigPaolo Maurensig: Spiegelkanon. München: Heyne, 1999. Diana-Taschenbücher, Nr.27. 190 Seiten Maurensig
Paolo Maurensig: Spiegelkanon. München: Heyne, 2003. Broschiert. Irmela Arnsperger, Übs.Maurensig
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 3.9.2006