Email zurück zur Homepage eine Stufe zurück
Ginzburg
Natalia Ginzburg: Mein Familien-Lexikon
[Lessico famigliare] Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1983. Broschiert, 255 Seiten. Alice Vollenweider, Übs.
Natalia LinksNatalia Literatur

Das Familienlexikon berichtet von einer breiten italienischen Sippe im 20. Jahrhundert. Sie hebt sich von anderen Familien durch ihre liberale und ihre anti-faschistische Polung (nicht alle) aus. Da konnten im 20. Jahrhundert in Italien (Schweiz und Frankreich) Schicksalsschläge nicht ausbleiben. Trotzdem würde ich die Familie als unterm Strich glücklich einstufen. Dafür gilt der erste Satz: „Alle glücklichen Familien ähneln einander“ aus Leo Tolstoi: Anna Karenina (Natalia Links).
Von einer weit verzweigten, großbürgerlichen Familie ist immer viel zu erzählen und Natalie Ginzburg reiht als Ich-Erzählerin zahlreiche kleine Vorfälle  und Schrulligkeiten, besonders des Vaters einem Universitätsprofessors (Medizin). Das Familienlexikon ist wie ein Fotoalbum oder eine Briefmarkensammlung. Jeder Sammler unterstellt ganz selbstverständlich, dass jeder seine Sammlung betrachten will und an jeder Marke Gefallen findet. Erst im letzten Fünftel gewinnt das Geschehen eine besondere Farbe.
Ab der Mitte des Romans gewinnt der italienische Faschismus an Gewicht und wie in Werken aus deutschen Landen meinen gerade die Intellektuellen, dass der braune Spuk nicht lange dauern kann (S. 164).
Vieles wird lapidar berichtet, ein nüchterner Stil, den ich schon aus Natalia Ginzburgs So ist es gewesen (Natalia Links) kannte. Wie schon in jenem Roman im Titel, so verspricht die Ginzburg auch hier – sogar expliziter – einen Tatsachenbericht: „Orte, Personen und Ereignisse dieses Buches entsprechen der Wirklichkeit“ (Vorbemerkung, S. 5), doch schon zwei Absätze weiter gesteht sie: „Ich schrieb nur, was ich in Erinnerung hatte“ (S. 5). Damit wird die behauptete Wirklichkeitsnähe schon relativiert und eingeschränkt: Erinnerung ist immer lückenhaft und subjektiv. Ginzburg weiß das, denn schon im übernächsten Satz fordert sie den Leser auf, das Werk zu „lesen, als wäre es ein Roman“ (S. 5).
Bemerkenswert: diese Vorbemerkung wird in späteren deutschen Auflagen ans Ende gestellt und zur Nachbemerkung der Autorin erklärt!?
Den Versuch einer wirklichkeitstruen, also wahren Autobiografie erklärt schon Friedrich Nietzsche für gescheitert:
„Diese »guten Menschen« – ... wer von ihnen hielte noch eine Wahrheit »über den Menschen« aus! ... Oder, greiflicher gefragt: Wer von ihnen ertrüge eine wahre Biographie! ... Moral: Welcher kluge Mann schrieb heute noch ein ehrliches Wort über sich? – er müsste denn schon zum Orden der heiligen Tollkühnheit gehören.“
Zur Genealogie der Moral III, 19
Ihr Stil unterstreicht freilich die behauptete Wirklichkeitstreue. So wird Leone Ginzburg eingeführt, kommt ins Gefängnis und wieder heraus und dann völlig unvermittelt: „Leone und ich heirateten und zogen in die Wohnung an der Via Pallamaglio“ (S. 151). Etwa dreißig Seiten später wird in einem Satz von Leones Tod im Gefängnis berichtet (S. 184). Viele dieser Einzelheiten (nicht immer vom Gewicht der Heirat der Ich-Erzählerin) huschen am Leser vorbei. „Meine Mutter hatte Baudelaire nicht besonders gern; ihr Dichter war Paul Verlaine; jetzt wurde Baudelaire ihr aber sogleich sehr sympathisch“ (S. 167-169). Oder: „Meine beiden ersten Kinder kamen in einem Zwischenraum von einem Jahr zur Welt, in der Zeit, da mein Vater in Belgien war. Meine Mutter verließ mit Natalina ihre Wohnung und zog zu mir“ (S. 171).
Die Reden ohne Anführungszeichen schwächen die Authentizität wieder ab. Im Grunde ist es aber egal. Man will ein gutes Buch lesen und sich unterhalten. 
Neben dem schrulligen Vater werden nur wenige Einträge im Familienlexikon wirklich lebendig, meist erst gegen Ende des Romans. Da wirds dann auch gelegentlich witzig:
• Telegramm des Vaters an Sohn Mario nach dem Tod dessen Bruders Adriano, den er nicht leiden konnte: „Deine Gegenwart Bestattung Adriano unerwünscht“ (S. 151).
• Wahlrede des Vaters (S. 243).
Lessico famigliare erschien 1963, also im selben Jahr wie der Essay "Pour un Nouveau Roman" (Argumente für einen neuen Roman) von Alain Robbe-Grillet (Natalia Links), einem der Begründer des Nouveau Roman (Natalia Links). Ein Kennzeichen dieser Richtung ist die Abbsicht aus einer möglichst neutralen Erzählposition zu schreiben: dies beherrscht die Natalie Ginzburg (zu gut).
Nach zweihundert Seiten hatte das Familienlexikon den mässigen Nimbus weg. Nicht, dass die Familie langweilig wäre, aber solche oder ähnliche („Alle glücklichen Familien ähneln einander“) gab es wohl Millionen im Europa des 20. Jahrhunderts. Die folgenden, bei weitem besseren fünfzig Seiten rissen das Werk nicht mehr voll heraus. Der letzte Satz des Werks gilt – der Richtung nach – fürs gesamte: „Die Geschichte habe ich schon zu oft gehört!“ (S. 251).
Links
Natalia Ginzburg: GinzburgFrauen BiographienGinzburgMein ItalienGinzburgbooks and writersGinzburgWikipedia
GinzburgGisela Trahms, Poetenladen, 23.7.2007
GinzburgPaul McPaulchen 2007
Natalia Natalia Ginzburg: So ist es gewesen
Natalia Leo Tolstoi: Anna Karenina
GinzburgAlain Robbe-Grillet
GinzburgNouveau Roman
Literatur
Manfred Strauß: "Lessico famigliare". Kindlers Literaturlexikon. München: DTV, 1986. S. 5606
Bei Amazon nachschauen   Bei Amazon nachschauen
Ginzburg GinzburgNatalia Ginzburg: Familienlexikon [Lessico famigliare] Berlin: Wagenbach, 2009. Broschiert, 192 Seiten. Alice Vollenweider, Übs. Ginzburg
Natalia Ginzburg: Familienlexikon, 2 Audio CDs Berlin: Wagenbach, 2001. Sprecherin: Cornelia FroboessGinzburg
Ginzburg Anfang

Ginzburg
Email zurück zur Homepage eine Stufe zurück
© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 15.4.2010