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Mazzantini
Margaret Mazzantini: Geh nicht fort
[Non ti muovere, Petra Kaiser, Übs.] Btb 2004. Taschenbuch, 320 Seiten – Margaret LinksMargaret Literatur
In einem grossartigen Auftakt wird die 15-jährige Angela vom Motorroller in die Intensivstation geschleudert. Natürlich ins Krankenhaus ihres tüchtigen Chirurgen-Papas Timoteo. Hier ist die Übersetzerin innovativ: "Der Sturzhelm ditschte über die Straße", doch leider ist die Autorin unnötig makaber und es geht weiter: "wie ein ausgehöhlter Schädel" (S. 8). Die "Du"-Ansprache des Ich-Erzählers stört, doch das ist nur das erste Kapitel. Leider wird dieser Stil – als Brief an die Tocher, einer Art Lebensbeichte – beibehalten, die Spannung aber nicht.
Timoteo verknallte sich vor 16 Jahren (da war er 40 Jahre) unvermutet in Italia (eine deutsche Autorin hätte wohl den Namen Bianca gewählt), eine unscheinbare, verwahrloste Prostituierte. Sonderbarerweise beginnt es damit, dass er sie vergewaltigt (S. 40) . Noch sonderbarer: später badet er mit seiner Frau Elsa im Meer und brüllt: "Ich habe eine Frau vergewaltigt". Die dritte Steigerungsstufe dieser Sonderbarkeit: "In der Taubheit des Wassers bewegte ich die Lippen" und brüllte (S. 47). Das ist nicht poetisch sondern Schmarrn.
Später bricht er in ihre Wohnung ein (S. 86) und gesteht, dass er seinen Vater im Altersheim nicht besucht (S. 58). Er will er eine Kollegin schlagen, weil sie ihm was nicht gesagt hat, deshalb ist sie eine "Lügenfratze" (S. 144). Da fragt man sich: was ist er?
Italia, ihre Umgebung, ihr Milieu, kommen am kräftigsten an den Leser. Diese schwüle Atmosphäre um Timos Geliebte entschädigt für einiges. Dazu fiel mir das grossartige Hörspiel "Die Andere und ich" von Günter Eich (1951) ein.
Andrerseits erfährt man gerade über Italia wenig: wie denkt sie über ihre Beziehung zu Timoteo? Leider gerät sie nur als Lustobjekt in den Fokus.
Ansonsten besteht der erste Teil des Romans aus eher langatmigen Sexszenen des Arztes mit seiner Geliebten. Etwas an Fahrt erhält der Roman als Italia schwanger wird. Da dramatisiert die Autorin ungeschickt: Italia hat Schmerzen, der Leser weiß Bescheid, doch der Arzt lange Zeit nicht!? (S. 265). Ihr Tod erleichtert den Plot und gibt Gelegenheit ...  ich will die wenigen Spannungsmomente nicht preisgeben.
Vielleicht noch die Schlusssätze, da man den Hunger darin als "Sexhunger" interpretieren kann und Timoteo schon sein neues Opfer trifft: "Ich habe Hunger. Eine Frau kommt auf mich zu, um die Bestellung aufzunehmen. Sie hat ein flaches Gesicht, eine gestreifte Schürze, ein Tablett unter dem Arm. Die letzte Frau in dieser Geschichte." Und die erste Frau des nächsten Arztromans. Mazzantini
• Das Motiv »Mann aus bester Gesellschaft oder Geldadel entwickelt eine Obsession für eine Frau aus der Unterschicht« ist bekannt. Agnes Bernauer war die Geliebte (erste Ehefrau?) des bayerischen Herzogs Albrecht III. Später trieb es Kaiser Karl V. mit der bürgerlichen Barbara Blomberg, Ludwig I. mit der Lola Montez, einer irischen Tänzerin. Literarisch verweise ich nur auf Stefan Zweig: "Die Mondscheingasse" (oder noch besser die Verfilmung mit Michel Piccoli), tausend andere wären zu nennen.
• Ähnlich benannt ist dieses Motiv aus dem Arztroman: Arzt oder Ärztin wird in die Notaufnahme gerufen und erkennt: Patient ist mein Vater oder Tochter oder ...
Nicole Amrein: Dr. Katja König - Geliebter Vater. München: Blanvalet, 2007
Marie Louise Fischer: Der Frauenarzt. Bergisch-Gladbach: Bastei, 1968
Der unglückliche Du-Stil (seine Frau nennt er, wenn es Angela-nah ist immer "deine Mutter") bedingt viele Konjunktive und Fragen. Doch als lange das nicht um den Roman zu versauen jammert Timoteo larmoyant absatz- bis seitenweise über sein – ach, so schlimmes – Schicksal. Diese Selbstbemitleidung geht auf den Wecker und man nimmt es dem erfolgreichen, geschickt operierenden Arzt nicht ab.
Warum er der im Koma ums Leben ringenden Tochter seine Fehltritte vorjammert blieb mir unklar. Dem Ich-Erzähler selbst auch (S. 203), dafür jammert er pathetisch vier Seiten lang.
• 2002 Premio Strega für Non ti muovere + Premio Rapallo + Premio Grinzane Cavour
• 2004 Verfilmung: Non ti muovere, dt. Titel (kein Witz!): Don't Move; Hauptdarsteller, Drehbuchautor und Regisseur: Sergio Castellitto, Ehemann der Autorin
Nur eine Stimme aus den vielen Verrissen (auch Lob, siehe Pia Karst unter Margaret Links), die gut passt. Maike Albath meint in der NZZ, der Roman sei eine Schlitterpartie zwischen Groschenheft und Unterhaltungsliteratur. Warum er mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnet worden sei, bleibe ein großes Geheimnis.
Maike Albath: "Eros, Thanatos und Neurochirurgie. Margaret Mazzantinis neuer Roman Geh nicht fort". Neue Zürcher Zeitung 18, 23. Januar 2003, S. 36
Auf Italienwelten.de lese ich, der Roman wurde in Italien mehr als 1,5 Millionen Mal verkauft. Arztromane ohne grossen Anspruch werden immer gerne gelesen. Hier kommt eine gehörige Portion Sex dazu. Das hebt die Verkaufszahlen. Die Folie der mit dem Tode kämpfenden Angela hebt Geh nicht fort vom Kitschroman ab. Nicht umsonst ziert die Film-DVD das berüchtigte Nackenbeißer-Motiv.
Routinierter Arztroman mit bekannten Motiven, mehr nicht.
Links
MazzantiniMargaret Mazzantini, * 27. Oktober 1961 in Dublin, italienische Schauspielerin und Schriftstellerin. – MazzantiniWikipedia
MazzantiniPremio Strega
MazzantiniPia Karst: "Und führe uns nicht in Versuchung. Ein neues Meisterwerk der italienischen Autorin Margaret Mazzantini: »Geh nicht fort«", literaturkritik.de 10, Oktober 2002
MazzantiniItalienwelten.de
MazzantiniPerlentaucher
MazzantiniDas ist die Liebe der Chirurgen, FAZ, 5.11.2002, Nr. 257
Margaret Stefan Zweig: Meistererzählungen
Literatur
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Mazzantini GinzburgMargaret Mazzantini: Geh nicht fort [Non ti muovere, Petra Kaiser, Übs.]. Btb 2004. Taschenbuch, 320 Seiten Mazzantini
Margaret Mazzantini: Geh nicht fort [Non ti muovere, Petra Kaiser, Übs.] Frankfurt am Main: Frankfurter, 2002. Gebunden, 318 Seiten Mazzantini
Mazzantini Ginzburg Geh nicht fort [Non ti muovere]  DVD 2006. Regisseur: Sergio Castellitto;   Darsteller: Penélope Cruz, Sergio Castellitto, Claudia Gerini; 117 Minuten
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