| Cesare
Pavese: Der schöne Sommer [La bella estate, deutsch: Charlotte Birnbaum] Hamburg: Claassen, 1964. Gebunden, 101 Seiten |
| Der Kurzroman Der
schöne Sommer (1949, geschrieben allerdings schon 1940)
wurde vom Autor um die
Erzählungen Der Teufel
auf den Hügeln [Il diavolo sulle colline] und
Einsame Frauen
[Tra donne sole] zur »Turiner Trilogie« ergänzt. Da ich
die beiden anderen Erzählungen nicht kenne, kann ich nur vom Titel
ausgehend feststellen: sowohl die Metapher des Hügels als auch das
Motiv der einsamen Frau sind in Der
schöne Sommer schon präsent. Der schöne Sommer erstreckt sich zeitlich länger und kann daher nur überspannend als Ginias gesamte Suche nach Zuneigung und Erwachsenwerden gemeint sein. |
| Im Mittelpunkt stehen einige junge Männer der Turiner
Boheme und einige Mädchen der Arbeiterklasse. Im eigentlichen
Mittelpunkt steht freilich die zunächst 16-jährige Ginia. Sie arbeitet
als Schneiderin und sucht Anschluss an die (vermeintlich) grosse Welt.
Die Arbeitswelt dient damit nur als Kulisse für die Suche nach
Vergnügen und die Bekanntschaft mit dem anderen Geschlecht. Das zeigt sich gleich zu Beginn: "Damals war immerzu Festtag. Die Mädchen brauchten nur aus dem Haus zu treten und über die Straße zu gehen, da gerieten sie geradezu in einen Rausch; alles war, besonders nachts, so schön, daß sie, wenn sie todmüde heimkamen, noch immer hofften, das irgendetwas passierte ...". Dass Ginia dabei schmerzliche Erfahrungen machen wird ahnt mit dem ersten Wort: damals". Bei ihren Unternehmung schließt sich die jungfräuliche Ginia der älteren Amelia an, die sie einerseits mit den Künstlern Guido und Rodriguez bekannt macht, andrerseits auch mit den Schattenseiten des Lotterlebens: Schwangerschaft droht; Syphilis wird akut (aus Amelias lesbischer Beziehung). Erwachsenwerden und besonders das Vergnügen in den Wiesen oder im Maleratelier ist nicht so einfach. Ginias erster Anlauf missglückt, da Guido und Rodriguez an keiner empfindsamen Verbindung interessiert sind und da Ginia wohl aus Kreisen kommt, die es ihr nicht – wie ihr Vorbild Amelia – erlauben, alle bürgerlichen Vorstellungen abzustreifen. Ginias Vorstellung ist zu naiv. Als sie bei Guido andere Mädchen antrifft, die für ihn Modell stehen oder liegen, und es ihr klar wird, dass sie ihn nur weiter sehen könne, wenn sie sein Modell wird (S. 70), entschließt sie sich dazu, ohne durchschlagenden Erfolg bei Guido. Sie bemüht sich weiter: sie raucht, gesteht Amelia das Scheitern ein (S. 101) und schließt sich weiter deren Führung an (S. 102). Wenn man als Leser hart ist, kann man es auch so interpretieren: mit Guido war's aus, da wechselt Ginia zur Lesbe Amelia. |
| Entgegen dem Titel handeln einige Szenen im Winter für
den die
Boheme – Henri
Murger: Boheme
- Szenen aus dem Pariser Leben [Scènes de la vie de
bohème] und Giacomo
Puccini:
La
Bohème lassen frösteln – nicht genügend gewappnet ist. Auffallend ist das Fehlen der Eltern. |
| Beim Alter
Ginias schrieb Pavese mit zu leichter Hand Zunächst ist sie 16 Jahre (S. 7), dann ist sie wohl 17 ("Im nächsten Sommer würde sie immerhin achtzehn Jahre alt sein", S. 26), doch später (der Roman geht chronologisch vor) – es wurde November (S. 56) – ist sie noch keine siebzehn (S. 57). |
| Hügel |
| Drei Metaphern (vielleicht auch mehr?) fielen mir auf:
Hügel, Schnee und die Haut & Berührung. Zuerst zu den Hügeln,
dann der Schnee, die haut überlasse ich anderen Forschern. Die Hügel des Piemonts lud Pavese erotisch und mythologisch auf. In seinem Roman Unter Bauern [Paesi Tuoi, 1941 nannte er die beiden höchsten Erhebungen des Moncucco Hügels (im Langhe, Provinz Cuneo, Piemont): "Mammella" (Mutterbrust). Guido: "Wohl fühle ich mich nur auf der Höhe eines Hügels." (S. 69) Ginia geht mit Amelia auf den Hügel (S. 72). Rodrigues spielt gegenüber Ginia und Amelia auf den Hügelausflug an (S. 81). Ginia erinnert sich an Guidos Zeichnungen der Mädchen, vergleicht sich mit ihnen und deckt an den Hügel (S. 84). Als zum ersten Mal der Schnee auftaucht, denkt sie bereits "an den nächsten Sommer, wenn sie auf den Hügel gehen [...] würden." (S. 88) Guido denkt wohl auch ganz konkret an die Hügel seiner bäuerlichen Herkunft: "Kein Mädchen ist so schön wie ein Hügel" (S. 88). Er assoziert die Hügel immer zusammen mit Mädchen oder dem Zeichnen von Mädchen (S. 89) oder ganz konkret mit den Brüsten einer Frau (S. 91). Und noch konkreter: "Ich nehme eine Frau und lege sie lang, als wäre sie ein Hügel in einem neutralen Himmel" (S. 92). |
| Schnee |
| Ginia träumt davon, dass "es mit Guido in den Wiesen
schön sein" würde. Die Wiesen stehen für das, was Olivia Newton John
1981 als „Let's get physical“ besungen hat. Dazu stehen der Schnee und
die grosse Kälte im Wege, deshalb denkt sie "an den nächsten Sommer,
wenn sie auf den Hügel gehen [...] würden" (S. 88). Den Schnee lese ich
auch als Metapher Ginias Unschuld oder ihrer Nacktheit. Das wird
besonders später deutlich. Nachdem es schneit (S. 93) und Ginia mit Guido und später allein im Schnee heimgeht (S. 94), entschließt sie sich Guido Modell zu stehen. Es liegt Schnee und im Atelier bei Guido trifft sie die nackte Amelia (S. 94). Bevor sich Ginia auszieht betrachtete sie "ein letztes Mal den Schnee auf den Dächern" (S. 95, S. 96). Beim Heimgehen kam sie sich im Schnee immer noch nackt vor: "Als sie allein im Schnee war, schien ihr, sie sei noch immer nackt. Alle Straßen waren leer, und sie wußte nicht, wohin sie gehen sollte." (S. 98). Verzweifelt über ihr erstes Modellstehen verändert sie sich: das Geschirr spült sie nicht, die beschneiten Dächer will sie nicht sehen udn sie beginnt zu rauchen (S. 99). Der Schnee verbindet sich mit Schmutz (S. 100). Doch Ginia tröstet sich selbst: "Er kommt ganz sicher, der Sommer, Jahreszeiten gibt es immer", doch gleich ist sie wieder verzweifelt: "Ich bin alt, das ist es. Alles ist aus und vorbei" (S. 100) |
| Der Autor hält sich – gemäß seiner eigenen
Romantheorie – merklich
zurück. Das Geschehen konzentriert sich auf die Dialoge. Nicht der
Autor sagt uns, wie man den Sommer zu verbringen hat, sondern die
Protagonisten, so Amelia: "jemand, der den ganzen Tag nichts tue, habe
das Recht, sich wenigstens am Abend zu zerstreuen" (S. 14). Damit
gehört er für mich noch zur Neuen Sachlichkeit ( Alles ist recht einfühlsam erzählt und zeigt, dass man für Romane dieser Art nicht ausfallend werden muss. |
| 1950 Literaturpreis Premio Strega für Der schöne Sommer |
| Cesare Pavese ist mit Der schöne Sommer ein melancholisches Kleinod gelungen. Er hat das Befinden der jungen Mädchen ausgezeichnet getroffen, die sich nach deinem Missgriff in der Liebe dafür schon für zu alt empfinden. Doch wir Leser wissen, dass es die 17-jährige sicher noch oft versuchen wird. Beste Empfehlung. |
| Links |
| Literatur |
| Leslie A. Fiedler (1954): "Introducing Cesare Pavese". The Kenyon Review16:4. S. 536-553. |
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| Cesare
Pavese: Der schöne Sommer. Frankfurt: Fischer,
2000. Taschenbuch, 120 Seiten |
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