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Ledda
Gavino Ledda: Padre Padrone
[Padre padrone. L'educazione di un pastore] Artemis & Winkler, 2001. Gebunden, 289 Seiten. Heinz Riedt, Übs. –
 Gavino LinksGavino Literatur

Gavino, der Ich-Erzähler, macht seinen Weg von einem sardischen Hirten zur Universität.
Diese Kurzzusammenfassung wird erstaunlich, wenn man die Eingangsszene von Padre Padrone verdaut hat: der kleine Gavino wird nach kaum einen Monat in der Dorfschule von seinem Vater rigoros herausgezogen. Keine Schule mehr, dafür täglich harte Arbeit, Ausbeutung und brutales Zurichten durch den Vater. Dazu Isolation und Einsamkeit für den jungen Gavino. Der jähzornige Vater Abramo gleicht Bjartur aus Halldor Laxness: Sein eigener Herr (Gavino Vergleichsliteratur) an Borniertheit. Im Laufe der Jahre tritt sein patriarchisches Gebaren und seine Raffgier in den Vordergrund. Gavino musste "unausgesetzt arbeiten, rund um die Uhr, wie ein Pendel und außerhalb aller biologischen Gesetze" (S. 127); siehe Kinderarbeit unter Gavino Links.
Diesem harten ersten Teil des Romans steht der zweite entgegen. Gavino will der familiären Hölle entrinnen und meldet sich freiwillig zum Militär. Mit Hilfe von Kameraden und einem enormen Ehrgeiz holt der Analphabet seine schulische Erziehung nach. Auch nach dem Militär ist das Lernen für ihn der leitende Stern: "Wissen befreit!". Er schafft es bis zum Lehrer. Sein Leben belegt die Macht des Wissens (Gavino Zitate Francis Bacon).
Einen gewisse Spange der beiden Teile stellt Gavinos musikalische Erziehung her.
Wie Leo Tolstoj (beispielsweise in Anna Karenina, Gavino Rezension) lässt auch Gavino Ledda einige Sozialkritik, besonders an Besitzgier und den bestehenden Machtverhältnissen einfliessen, aber auch am Egoismus der "Marktteilnehmer" (so z.B. S. 148-149). Jene übersehen, dass der Erfolg ihrer Plackerei von "Raubvögeln in den Städten gefressen würde" (S. 150). Dann sieht er in einer so missratenen Welt den Generationenkonflikt voraus:
"Jeder baute als junger Mensch für das Alter vor, ohne zu ahnen, daß in einer so beschaffenen Gesellschaft »mit oder ohne Olivenhain« das Alter von allen jungen Leuten verachtet werden würde!" (S. 150)
Gavino Ledda lässt seinen Ich-Erzähler in angemessener schnörkelloser Sprache erzählen. Ein emotionaler Höhepunkt war für mich die Verabschiedung der Auswanderer nach Amerika, S. 175-179.
Dabei bleibt Ledda – wohl im Eifer des Gefechts – nicht immer sorgfältig. Ein Beispiel: Er sagt uns, dass Gavino inzwischen achtzehn war (S. 154) und sagt es den Lesern zwei Seiten später mit denselben Worten wieder (S. 156).
Zu "Adiu Chercos de Sardigna!" ("Lebt wohl, ihr Eichen Sardiniens!"; S. 186) fand sich wenig im Web, ausser der italienische Übersetzung: "Addio Querce di Sardegna".
Padre Padrone erschien 1975 als erster Teil Leddas Autobiografie; es beschreibt sein Leben von 1944 bis 1962.
1975 Premio Viareggio
Verfilmung: 1977 Goldene Palme in Cannes
Archaische und kapitalistische Strukturen durchdringen einander. Leibeigenschaft in der Mitte des 20. Jahrhunderts und wie man sich durch Wissensdrang davon befreit. Ein Plädoyer für Bildung und Aufklärung; gegen Kinderarbeit und Kinderversklavung. Sehr zur Lektüre zu empfehlen.
Vergleichsliteratur
Pierre-Jakez Hélias: Le Cheval d'Orgueil [The Horse of Pride. Life in a Breton Village] 1975.
Halldor Laxness: Sein eigener Herr [Sjálfstaett fólk, 1934/35; aus dem Isländ. von Bruno Kress]. Frühere deutsche Ausgaben unter Unabhängige Menschen.
Frank McCourt: Angela's Ashes [Die Asche meiner Mutter. Irische Erinnerungen; Harry Rowohlt, Übs.] – Gavino Rezension
Ignazio Silone: FontamaraGavino Rezension
John Steinbeck: The Grapes of Wrath [Die Früchte des Zorns] – Gavino John Steinbeck
Links
Gavino Ledda, * 30. Dezember 1938 in Siligo, Provinz Sassari, Sardinien – LeddaWikipedia
LeddaPortal Sardinien
Rolf Göppel: "Bildung als Chance". In: Günther Opp, Michael Fingerle, Hg.: Was Kinder stärkt. Erziehung zwischen Risiko und Resilienz. S. 170-190. – Leddaonline (pdf), mit einer Besprechung von Padre Padrone; siehe Gavino Literatur.
Gavino Kinderarbeit
Gavino Literatur zu Kinderarbeit, Kinderprostitution, Kindersoldaten
Gavino Literatur zur Kinderarmut und Kinderrechte in Deutschland
Literatur
Silvia DiNatale: Schäfer auf Sardinien. Ein archaischer Beruf im Kapitalismus. München: Campus, 1985. 303 Seiten
Tracey Heatherington: "Ecology, alterity and resistance in Sardinia". Social Anthropology 9 (2001), S. 289-306.
Rudolf Kreis: Die verborgene Geschichte des Kindes in der deutschen Literatur. Deutschunterricht und Psychohistorie. Stuttgart: Metzlersche, 1980. 246 Seiten
Peter Schweizer: Shepherds, Workers, Intellectuals, Culture and Centre-Periphery Relationships in a Sardinian Village. Stockholm: Univ. of Stockholm, 1988. 246 Seiten
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Ledda LeddaGavino Ledda: Padre Padrone. München: Dtv, 2003. Taschenbuch, 287 Seiten. [Padre padrone. L'educazione di un pastore] Heinz Riedt, Übs. Ledda
Gavino Ledda: Padre Padrone. Artemis & Winkler, 2001. Gebunden, 289 Seiten. [Padre padrone. L'educazione di un pastore] Heinz Riedt, Übs. Ledda
Opp Ledda Günther Opp, Michael Fingerle, Hg.: Was Kinder stärkt. Erziehung zwischen Risiko und Resilienz. München: Reinhardt, 1999. Broschiert, 336 Seiten
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