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Giordano
Paolo Giordano: Die Einsamkeit der Primzahlen
[La solitudine dei numeri primi] Bruno Genzler, Übs. Blessing 2009. Gebunden, 368 Seiten – Paolo LinksPaolo Literatur
In zwei bombigen Kapiteln zum Auftakt werden Alice Della Rocca und Mattia Balossino für ihr Leben geprägt. Alice stürzt als Sechsjährige beim Skifahren und ist für immer zumindest körperlich behindert. Mattia ist als Kind mit der Aufsichtspflicht über seine geistig zurückgebliebene Zwillingsschwester Michela überfordert. Sie geht spurlos verschwunden. Er selbst ist mathematisch hochbegabt aber künftig für soziale Kontakte nahezu unbrauchbar.
Alice und Mattia lernen sich unter Gruppendruck in der Schule kennen und sind ab da wie ein Primzwillingspaar aneinander verkettet. Sie stehen sich nahe, bleiben aber doch einsam, wie ein Primzahlenzwilling, der durch die gerade Zahl dazwischen getrennt ist.
Alice ist magersüchtig, Mattia verletzt sich selbst (eine seelisch verursachte Krankheit, die auch in einer Kurzgeschichte bei Svenja Leiber thematisiert wird; Paolo Vergleichsliteratur ). Beide stammen aus behüteten Familien. 
Unterschiedliche Entwicklung
Während Mattia aus seinem Bekanntenkreis durchaus Verständnis und Unterstützung erfährt, hat Alice ständig auch unter Gruppenzwang zu leiden. Aus Mattia wird ein gestörter Universitätsdozent. Klischee: der lebensuntüchtige Mathematiker. Eine Hochbegabung lässt seinen Umkreis über manche Skurrilität hinwegsehen.
Alice findet zwar zum Arzt Fabio Rovelli, doch die Verbindung ist nicht dauerhaft.
Ende
Unter Leser(inne)n gab es unterschiedliche Auffassungen zum Ende. Ich lese es so:
• Mattia und Alice trennen sich ganz bewusst. Alice verzichtet darauf ihr angebliches Sichten von Michela Mattia nahezubringen. Wobei eh unklar ist, wie sie – ohne das verschwundene Kind je gesehen zu haben (selbst dann wäre es höchst zweifelhaft) – nach vielen Jahren – Michela wäre längst erwachsen – diese wiederzuerkennen meint.
• Beide geben Hoffnung die Zukunft zu meistern. Der letzte Satz des Buchs bezieht sich auf Alice: "Mit ein wenig Mühe schaffte sie es jetzt auch alleine aufzustehen" (S. 363). Also quicklebendig. Mattia betrachtete kurz zuvor den Sonnenaufgang, hat Nadias Telefonnummer in der Tasche und will den Sonnenaufgang mal zusammen mit seinen Eltern betrachten (S. 358-359).
Ursachenforschung
Zu analysieren wäre, inwieweit die familiären Ereignisse für die beiden Urknall-Erlebnisse mitverantwortlich sind. Alice, z.B. hasst schon als Kind ihren Vater, der sie zum Skisport nötigt. Mattia hat schon vor dem verhängnisvollen Verlust arge Probleme Kontakte zu knüpfen. Auch die spätere Entwicklung (siehe oben "Unterschiedliche Entwicklung") gibt den beiden wenig Chancen sich zu ändern, das Trauma ihres Lebens zu überwinden.
• Statt sich dem anderen oder ihrer jeweiligen Umgebung zu öffnen, drangsalieren beide ihren Körper und fressen seelisch ihren Kummer in sich hinein. Mattia kapselt sich gegen seine Umgebung ab und vice versa, bei Alice ist es ähnlich. Nie wird seitens des Erzählers reflektiert oder denken die beiden Protagonisten darüber nach, inwieweit sie selbst für ihre fehlenden sozialen Kontakte verantwortlich sind. Es scheint, dass sie sich dessen gar nicht bewusst sind.
Andrerseits irritiert mich, dass in der öffentlichen Debatte die Erklärung absonderlicher Charaktere oder gar Verbrechen alleinig durch Kindheitserlebnisse und Familienverhältnisse desavouiert wird, in der Literatur dies jedoch gefeiert wird (La solitudine dei numeri primi war im lesefaulen Italien ein Bestseller: "der große literarische Überraschungserfolg des Jahres 2008").
• Eine weitere Frage wäre zur Verantwortung der Mitmenschen. Sowhl seitens der Familien als auch anderer Vertrauter (z.B. Ehemann Fabio) wird keinerlei Versuch unternommen den beiden Protagonisten zu helfen oder überhaupt mal über ihre Probleme zu sprechen. Es ist kaum glaubhaft, dass niemand etwas merkt. Man kann sicher einige Leute einige Zeit täuschen (z.B. bezüglich der Magersucht) aber nicht alle jahrelang. Als Fabio es dann endliche anspricht zerbricht die Ehe daran.
Stil
Giordano pflegt – dem Sujet angemessen – einen nüchternen, kargen Stil. Da wird nirgends geschwelgt oder blumig ausgeholt. Die sieben Teile laufen uhrwerksmässig ab. Trotzdem gelingt es dem Autor wenn nicht Sympathie so doch Empathie mit Alice und Mattai zu wecken.
Nebenbemerkung
Wie dieser Roman den Blick auf die Mathematik und die Primzahlen verändern kann (eine Rezensentin bei WDR2), erschließt sich mir überhaupt nicht. Die Primzahlen dienen nur als Metapher, es geht hier um Menschen und ihre Schicksale.
2008 Premio Strega
Die Einsamkeit der Primzahlen hinterlässt bei mir einen zweispältigen Eindruck. Giordano versteht das Handwerk (er besuchte Kurse zum literarischen Schreiben). Der Roman ist zügig zu lesen. Einerseits zeigt er, dass Familie und die Mitmenschen entscheidend auf einsame Menschen einwirken können, andrerseits vergisst das Romangeschehen etwas, dass schlimme Schicksale bei vielen Tausenden von Menschen nicht zur seelischen Verkrüppelung führen. Der Mensch ist seinem Schicksal nicht so gnadenlos ausgeliefert, wie es in Die Einsamkeit der Primzahlen abläuft.
Links
Giordano"La solitudine dei numeri primi" di Paolo Giordano, youtube
GiordanoIleana Beckmann: Borro-Rezension
GiordanoNicole Korzonnek: "Der Debütroman des Italieners sorgt auch in Deutschland für Furore"
GiordanoPerlentaucher
GiordanoWinfried Wehle: "Liebe unter dem Minuszeichen", FAZ 19. Februar 2010
GiordanoChristine Westermann: Paolo Giordano: Die Einsamkeit der Primzahlen, WDR2
Paolo Rezensionen
Vergleichsliteratur
Paolo Alina Bronsky: Scherbenpark
Paolo Svenja Leiber: Büchsenlicht
Zur Ergänzung: Paolo Marcus du Sautoy: Die Musik der Primzahlen
Literatur
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Giordano LeiberPaolo Giordano: Die Einsamkeit der Primzahlen [La solitudine dei numeri primi] Bruno Genzler, Übs. Blessing 2009. Gebunden, 368 Seiten giordano
Paolo Giordano: Die Einsamkeit der Primzahlen, 6 Audio CDs. Daniel Brühl, Sprecher. Random House 2009. Giordano
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