Email  zurück zur Homepage eine Stufe zurück
Jan Potocki Ewige Jude
Der Ewige Jude; Auszüge aus: Jan Potocki: Die Handschrift von Saragossa, 1803-15
potocki Rezension

Als der Bettler gegangen war, begann der Kabbalist zu lachen und sagte zu uns:
Um Ihnen zu beweisen, wie wenig Wert ich auf seine Drohung lege, werde ich Ihnen zuerst sagen, wer er ist; er ist der Ewige Jude, von dem Sie vielleicht schon gehört haben. Seit ungefähr eintausendsiebenhundert Jahren hat er sich weder hingesetzt noch niedergelegt, noch ausgeruht, noch ausgeschlafen. Ständig gehend wird er Ihre Kastanien essen, und von jetzt bis morgen früh wird er sechzig Meilen zurückgelegt haben. Gewöhnlich durchläuft er im wahrsten Sinne des Wortes die ausgedehnten Wüsten Afrikas. Er nährt sich von wilden Früchten, und wilde Tiere können ihm nichts anhaben, weil ihm das heilige Zeichen des Tau auf die Stirne geprägt ist, so daß er sie mit einer Binde verdeckt, wie Sie gesehen haben. Er kommt kaum in unsere Gegenden, wenn er nicht durch irgendwelche Maßnahmen von Kabbalisten dazu gezwungen wird. Zum Schluß versichere ich Ihnen, daß nicht ich es war, der ihn kommen ließ, denn ich hasse ihn. Trotzdem gebe ich zu, daß er von vielen Dingen unterrichtet ist, und ich rate Ihnen nicht, edler Herr Alphons, seine Mahnung in den Wind zu schlagen. (S. 130-31)
Der Ewige Jude versuchte anfangs, sich zu widersetzen, der Kabbalist aber sprach einige unverständliche Worte zu ihm, und der unglückselige Vagabund begann zu erzählen:
Die Geschichte des Ewigen Juden
Meine Familie gehört zu denen, die dem Hohenpriester Onias gedient und mit Erlaubnis des Ptolemäus Philometor einen Tempel in Unterägypten erbaut haben. Mein Großvater hieß Hiskia. Als die berühmte Kleopatra ihren Bruder Ptolemäus Dionys heiratete, trat Hiskia als Hofjuwelier in ihren Dienst; außerdem war er beauftragt, kostbare Stoffe und Kleider einzukaufen und Festlichkeiten vorzubereiten. Ich kann Ihnen versichern, daß mein Großvater sehr viel am alexandrinischen Hofe galt. Ich sage das nicht, um mich zu rühmen, wozu könnte es mir auch dienen? Es sind, seit ich ihn verloren habe, bald siebzehn, wenn nicht mehr Jahrhunderte vergangen, denn er ist im einundvierzigsten Jahre der Regierung des Augustus gestorben. Ich war damals sehr jung und kann mich kaum an ihn erinnern, aber ein gewisser Dellius hat mir oft von den Geschehnissen aus jener Zeit erzählt.
Hier unterbrach Velasquez den Juden, um ihn zu fragen, ob es derselbe Dellius sei, der Kleopatras Musiker war und den Flavius und Plutarch oft erwähnen. Der Ewige Jude bejahte es und setzte seinen Bericht fort: Ptolemäus, der mit seiner Schwester keine Kinder haben konnte, bezichtigte sie der Unfruchtbarkeit und löste die Ehe nach drei Jahren auf. Kleopatra reiste nach einer am Koten Meer gelegenen Hafenstadt ab. Mein Großvater begleitete sie in die Verbannung, und damals geschah es, daß er jene zwei berühmten Perlen für seine Herrscherin erstand, deren eine sie während des von Antonius veranstatteten Festmahls aufgelöst und getrunken hat. (S. 310-11)
Geburtsjahr des Ewigen Juden ...
Einige Jahre danach heiratete Mardochi die Tochter eines seiner Nachbarn und ich, die einzige Frucht dieses Bündnisses, kam im letzten Jahr der herrschaft des Augustus zur Welt. (S. 446)
... weitere Biografie
Man nannte mich Ashaver. Unter diesem Namen gab ich mich im Jahre 1603 in Lübeck Anton Colterus zu erkenne, wovon man sich in den Schriften des Duduleus überzeugen kann. Denselben Namen trug ich auch 1710 in Cambridge, wie aus den Werken des gelehrten Tenzelius hervorgeht. (S. 447)
Die Geschichte des Ewigen Juden wird in Potockis: Die Handschrift von Saragossa in weiteren zahlreichen Folgen erzählt.

Jan Potocki Ewige Jude
Email  zurück zur Homepage eine Stufe zurück
© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 17.9.2002