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Von Evert Fliegender, Holländer
Anonym. "Von Evert, oder Ursprung der Matrosensage von dem fliegenden Holländer"
Stuttgarter Morgenblatt, 1824, Nr. 45 und
Heinrich Smidt. Fußnote zum Gedicht "Der ewige Segler"
Während wir vom Laplatastrom nach Spanien segelten, hörte ich eines Nachts den Ruf: „Ein Segel!” Ich war sogleich auf dem Verdeck, sah aber nichts. Der Matrose, welcher die Wache hatte, sah sehr erschrocken aus und erzählte auf mein freundliches Zureden, er habe, in die Höhe blickend, eine schwarze Fregatte so nahe vorbeisegeln sehen, daß er sogar das Bild am Schnabel des Schiffes, welches ein Totengerippe mit einem Speer vorstellte, habe erkennen können. Auch die Mannschaft habe er gesehen; sie seien dem Gerippe ähnlich gewesen, nur seien die Knochen mit Haut überzogen gewesen. Wie im Antlitz von Leichen hätten die Augen starr und steif im Kopfe gelegen. Diese Phantome handhabten geräuschlos die Segel, welche so dünn gewesen seien, daß man die Sterne des Himmels habe durchscheinen sehen. Spulen und Taue machten nicht das geringste Geräusch; alles war grabesstumm, nur daß zuweilen mit ächzender, geisterhafter Stimme das Wort „Wasser” laut wurde. Das alles sah mein Mann bei einem schwach schimmernden Lichte, welches aus dem Schiffe selbst hervorzubrechen schien. Als mein Wachmann das Schiff anrief, war die Erscheinung plötzlich verschwunden, vor ihm lag die sternerhellte See. – Als wir nach ziemlich glücklicher Fahrt im nächsten spanischen Hafen angelangt waren, erzählte ich die Geschichte in einer Gesellschaft und lächelte darüber, als über das Hirngespinst der kranken Einbildungskraft meines Matrosen, der übrigens von dem Augenblick der unheimlichen Erscheinung an in Trauer dahinsiechte und bald darnach an der Auszehrung starb. Ich fand nichts besonderes darin, da er mir schon längere Zeit lungenleidend erschienen war.
Sehr überrascht war ich, als, nachdem ich meine Erzählung beendet hatte, einer der Zuhörer erblassend ausrief: „So bist Du denn gerächt, Sandovalle!” Nach vielen Bitten ließ derselbe sich herbei, folgendes zu erzählen: »Es sind nun 40 Jahre, seit mein Bruder Lopez d'Aranda aus Kummer über seinen Sohn Don Sandovalle, der, wie er selbst gemeldet, sich mit seinen in Peru erworbenen Reichtümern und seiner schönen Frau Lorenza nach Spanien eingeschifft hatte, verstarb, nachdem Don Sandovalle und seine Braut seit ihrer Einschiffung in Lima verschollen waren. Kurze Zeit vor seinem Tode hatte der Verstorbene einen sonderbaren Traum gehabt. Er hatte Sandovalle mit einer tiefen Wunde im Kopfe gesehen, wie derselbe blaß und entstellt nach einer Jungfrau zeigte, die an den Mast des schwarzen Schiffes gebunden war und bald gen Himmel blickte, bald auf einen vor ihr stehenden Becher starrte, den sie nicht erreichen konnte. Vergeblich flehte sie um einen Trunk Wasser, allein die rohe Mannschaft um sie her verweigerte ihr dieses Labsal. Da loderten ihre Augen auf und mit fester Stimme rief sie auf das Haupt eines gewissen van Evert einen Fluch herab, ehe sie in Folge der schrecklichen Behandlung für immer ihre Augen schloß. Als mein Bruder dies im Traum erschaut hatte, verschwand das Bild und eine Stimme rief: „Sandovalle und Lorenza ihr sollt gerächt werden!”«– So endete der Spanier seine Erzählung; er zweifelte gar nicht daran, daß das von meinem Matrosen gesehene Phantom das Schiff des van Evert gewesen, welcher verdammt worden sei, ewig das Meer zu durchkreuzen. Von dem Schiffe, in welchem sein Bruder von Peru abgereist, hatte man nämlich nie wieder etwas gehört, und um dieselbe Zeit hatte auch ein berüchtigter holländischer Seeräuber aufgehört, das Meer zwischen dem Laplatastrom und dem Vorgebirge der Guten Hoffnung zu beunruhigen.
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Heinrich Smidt. Fußnote zum Gedicht "Der ewige Segler"
Als Heinrich Smidt sein Gedicht "Der ewige Segler", erstmals erschienen 1822 in Hammonia, im Sammelband Poetische Versuche, 1825 wieder veröffentlichte, fügt er die folgende Fußnote bei.
Die Sage, worauf sich dieses Gedicht gründet, geht schon seit undenklichen Zeiten, wie ein Erbtheil von Mund zu Mund unter den Englischen und Holländischen Seeleuten gemeinerer Classe umher, und wird als eine unzubestreitende Zuverlässigkeit angenommen. Die Holländer erzählen: einer ihrer Landsleute (die Engländer geben ihn für den ihrigen aus,) dessen Name aber im Strome der Zeiten untergegangen ist, sey aus Ostindien zurückgekehrt, habe aber den Ort seiner Bestimmung, Amsterdam (bei den Engländern London,) nicht erreichen können weil ohne Aufhören ein contrairer Wind geweht habe. Nach zwanzigwöchentlichem Umhertreiben habe er sich und sein ganzes Schiff verflucht und der Hölle zugeeignet, und geschworen, er wolle sein ganzes Leben im Ocean zubringen. Plötzlich erhob sich ein Sausen und Brausen, es war wie finstre Nacht; die Schiffsleute wurden den Augen des Schiffers entrückt, und durch die Vorsehung in ihr Vaterland versetzt; nur er blieb zurück, ein ewiger Spielball der Elemente. Mit ihm ein großer, weißer Pudel. Dieser sitzt immer aufrecht bei seinem Herrn am Steuerruder, ein Platz, den dieser nie verläßt. Unaufhaltsam treibt Sturm und Wetter ihn von Land zu Land, von Küste zu Küste; und wenn er landen will führt ihn ein pfeilschneller Sturm von dannen. Eingehüllt in einen schwarzen Mantel und unbedeckten Hauptes starrt er in die dunkle Nacht hinaus:
“So haben, bei schauriger Winde Weh'n,
Ihn oftmals die Söhne des Meeres gesehn.”
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