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Motiv Umherirren Stadt Wilhelm Jensen Eine Schachpartie
Motiv: Umherirren in der Stadt
Aus: Wilhelm Jensen. Eine Schachpartie. In: Meisterwerke neuerer Novellistik. Leipzig: Max Hesse, o.J. S.108-111
In Eine Schachpartie will der Student Wolfgang Wegerdanz anfänglich nicht der Einladung zu einer Schachpartie in der Wasserstraße Nr.7 folgen. Es ist Weihnachtsabend und die Aussicht auf einen Gewinn, stimmen ihn um.
“Um jeden Preis mußte er die Doppelkrone noch heut' abend haben, und das Medaillon in seine Brusttasche bergend, drückte er den Hut wieder auf den Kopf, in dem sein Gehirn sich in ähnlich taumelnden Sprüngen bewegte, wie seine Füße sie die Treppe heruntermachten. Draußen war es jetzt befremdlich still, die Straßen der Großstadt lagen fast so unbelebt, wie sonst nur in den ersten Stunden nach Anbruch des Morgengrauens. Es schneite nicht mehr, und die wenigen Leute, die da und dort in fast taghellem Licht gingen, hatten etwas wunderlich Spukhaftes, als seinen sie nicht aus Türen hervor, sondern unter dem weißen Überzug der Erde heraufgekommen, um ein paar Stunden lang die von den Lebendigen heut' verlassenen Plätze und Straßen in Besitz zu nehmen, mit horchenden Ohren und starrenden Augen zwischen den Häusern umherzuwandeln. Nicht die Gaslaternen allein warfen ihre Helle um sich, auch aus allen Fenstern vom höchsten bis zum untersten Stockwerk brach, verhängt oder durch freie Scheiben funkelnd, der Glanz des Weihnachtsabends aund flimmerte aus den Millionen winziger Frostkristalle am Boden zurück. Wie ein großes Sarglaken überzog es ihn, hing von Simsen und Ecken gleich Streifen und Fetzes eines Leichentuches herunter. Ein lebendig klopfendes herz gehörte offenbar gegenwärtig nicht in diese friedhofartig anschauernde Welt hinaus.
Wolfagnag Wegerdanz' Phantasie nahm es auf und trieb's ihm durchs kreisende Blut zu sonderbaren Erscheinungen und Tönen vor Blick und Gehör, aber sin klopfendes herz trieb ihn noch stärker und ohne Anhalt fort. Der Wind blies noch scharf und warf manchmal vom Dach eine niederstäubende Lawine über den laufenden; er besaß nur eine allgemeine Vorstellung von der Richtung, in der sich die Wasserstraße befand, diese selbst hatte er nie betreten, kannt sie kaum dem namen nach. Der Weg führt weit aus dem zentrum der Stadt nach Nordost, allmählich in dunkle und wie völlig ausgestorbene Gegenden. Hier gingen selbst die schattenhaften Wanderer nicht mehr um, in einem Gewirr alter, enger, gekrümmter Gassen konnte der vergeblich Suchende niemanden befragen. So drehte er sich irr in einem unbekannten Kreise, bis ihn einmal ein klatschender Ton ans Ohr schlug und er an einem breiten schwarzen Strich durch die weiße Schneedecke erkannte, daß er neben dem Fluß stehe, der das Nordende der Stadt durchzog. Vor seinen Füßen rauchste dumpfgurgelnd das Wasser; bei dem Ton kam's ihm, daß die Wasserstraße danach den namen führen möge. Hierher und dorthin blickte er herum, dann war ihm ein günstiger Zufall behilflich. Eine vereinsamte Laterne warf noch eben ihr flackerndes Licht bis an den rand einer alten, halbverfallenen schwärzlichen Mauer, an der ein Straßenschild befestigt war, von dem sich mit scharfer Augenanstrengung der Name "Wasserstraße" buchstabieren ließ.
Aus dieser selbst sah keine Beleuchtung mehr hervor, wie ein dunkler Schlauch wand sie sich abwärts und verlor sich in Nacht. Sie schien weniger aus Gebäuden als aus Lücken zu bestehen, die durch tür- und fensterloses Mauerwerk ausgefüllt wurden; eine hausnummer zu unterscheiden, fiel unmöglich. Wolfgang zählte, doch zwecklos, denn nichts gab einen Anhalt, auf welcher Seite sich die ungeraden zahlen befänden; tastend fühlte seine Hand nach einem Türklopfer umher. Dann geriet ihm einmal ein solcher, eisig an der hand klebend, zwischen die Finger; er schritt vorbei, weit, bis er wieder auf Türen stieß, doch nirgendwo fand sich ein zweiter. So kehrte er zurück; nach dem gefühl bildete der Klopfer einen alten metallenen Drachenkopf. Er sah an einer hohen schwrzen Hauswand in die Höh'; alles daran war totenstill und lichtlos, hier gab es keinen Weihnachtsabend. Nur das Murren des Flusses kollerte hinter dem Gebäude herüber; wie der junge Student den Fuß gegen die Schwelle vorsetzte, trat er in eine tiefe Schneewehe hinein. Unwillkürlich bückte er die Augen darauf nieder, keine leichteste Spur befand sich darin. Es sah aus, als sei kein lebendes Wensen heut' darin aus oder ein gegangen.
Zaudernd legte er seine Hand auf den Klopfer.”
jensen Rezension: Eine Schachpartie

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