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Robinsonaden
Robinsonliteratur, utopisches Idyll und Einsamkeit
Auszug aus: Leo Maduschka: Das Problem der Einsamkeit im 18. Jahrhundert im besonderen bei J. G. Zimmermann. S.36-40.
Einzelerscheinungen, Sonderfragen
1. Robinsonliteratur, utopisches Idyll und Einsamkeit.
      Lange bevor Defoes „Robinson Crusoe” erschien, gab es in der deutschen Literatur bereits das Bild eines solchen insularen Einsiedlers: Grimmelshausen läßt – im 6., später angefügten Buch des „Simplicissimus” – seinen Simplicius, nachdem dieser auf seiner Fahrt um die Südspitze von Afrika Schiffbruch erlitten hat, mit einem Gefährten eine paradiesische Insel erreichen und dort erst mit diesem, später allein, sein Leben in köstlicher Einsamkeit verbringen. So wird Simplicius zum ersten Robinson. Doch auch vorher schon, am Schluß des 5. Buches (der Ausgabe von 1668) spielt das Einsamkeitsmotiv herein: als Simplicius sich enttäuscht von der Welt und ihrem Wahn in die Wälder zurückzieht „und wieder ein Einsiedler wurde”. Die Einsamkeit wird hier durchaus im Geiste des Barock erlebt und begriffen: als klösterliche Einsamkeit, als eine Stätte des Friedens und der Rast nach einem Leben, das zu nichts geführt hat und dessen letzte Erkenntnis die Einsicht in die Vergänglichkeit und Eitelkeit alles Irdischen und die Hinwendung zu Gott ist. Vanitas vanitatum: diese Erfahrung treibt Simplicius in die Einsamkeit und in ihr zu Gott hin, aus diesem dunklen Lebensgefühl heraus wird er ein einsamer Klausner und spricht sein: „Ade, o Welt!" [109]
      Nach einem halben Jahrhundert, in Defoes „Robinson Crusoe” (1719), hat sich die Stellung des insularen Einsiedlers zur Einsamkeit wesentlich geändert. Der „Robinson Crusoe” ist nicht mehr ein Bekenntnis und eine Mahnung zur religiösen Abgeschiedenheit wie die Schlüsse des „Simplicissimus”; es ist vielmehr, wenn auch noch religiöse Motive wirksam sind, im Grunde ein schon durchaus aufklärerisches Buch, ein Bekenntnis zum ausgeprägten Individualismus der Aufklärung, dessen letzte Folgerung hier gezogen wird. Defoes Buch ist ein fast triumphierender Hinweis auf die Größe des Menschen, dem auch das ärgste Mißgeschick nichts anhaben kann, ein optimistisches Bekenntnis zur Autarkie des Einzelnen, der sich gewissermaßen aus dem Nichts eine kleine Welt erschafft. Auch die moralischen und pädagogischen Tendenzen der Zeit sind in Defoes Buch bereits stark wirksam: Robinson ist als das Ideal eines selbständigen, ganz in und auf sich beruhenden, ganz allein auf sich angewiesenen Menschen dargestellt und ist so in gewissem Sinn der erste self made man großen Stils in der Literatur. Die Einsamkeit ist hier also schon ganz im Geist des Rationalismus erfaßt: als Raum und Möglichkeit für die Entfaltung individuellen Könnens und persönlicher Leistung, und – ganz aufklärerisch-optimistisch gedacht – als Medium zu einer besseren und höheren Form der Lebensweise und Kultur. – Defoes Buch fand eine ungeheure Nachfolge; über 60 verschiedene Robinson-Bücher [110] erschienen im Laufe des 18. Jahrhunderts. Auch in Deutschland setzte eine wahre Hochflut an Robinsonnachahmungen ein, von denen aber die allermeisten reine Abenteurerromane von niedrigem Niveau und geringem literarischen Wert darstellen; nur einige wenige, wie der „deutsche” und der „sächsische” Robinson, der „Landcron” und die „Begebenheiten des Herrn von Lydio” stehen auf höherer Stufe und bewahren noch das Motiv des insularen Lebens, das die Abenteurerromane meist schon völlig aufgegeben haben. – Eine neue entscheidende Wendung und Vertiefung des Robinsonproblems tritt erst ein mit dem Erscheinen von J. G. Schnabels „Insel Felsenburg” (1731), auch einem der Lieblingsbücher des 18. Jahrhunderts. In der „Insel Felsenburg” nun ist bereits das Eindringen sentimental-empfindsamer Momente spürbar. Die Einsamkeit wird hier nicht mehr so real und nüchtern, als zwingende Notwendigkeit zu Arbeit und Leistung wie bei Defoe empfunden, sondern sie erhält schon einen idyllisch-gefühlvollen, in den Anfängen des Romans sogar religiösinnigen Beiton. Im Zusammenleben von Albert und Concordia auf dem abgeschiedenen Eiland [111] wird ein Einsamkeitsidyll reinster Art geschildert, das Glück zweier Liebender auf einer einsamen Insel des Friedens dargestellt. Es ist offenbar, wie hier bereits Kräfte einer sentimentalen Gefühlskultur wirksam sind und auch die Einsamkeitsauffassung eine idyllisch-empfindsame Färbung angenommen hat. Doch sind in der „Insel Felsenburg” neben diesen Gefühlsmotiven auch noch andere, politisch-utopische von Bedeutung. Nachdem namlich aus Alberts und Concordias Ehe Kinder erwachsen sind und nachdem Schiffbrüchige und Auswanderer aus Europa auf das Eiland gefunden haben, entsteht dort ein kleines Gemeinwesen patriarchalischer Art. Und in dessen Schilderung kommen nun verschiedene politische und soziale Tendenzen zu Wort, es wird Kritik an Europa geübt und das Bild eines utopischen Kleinstaates gezeichnet. Damit ist das einsame Idyll Alberts und Concordias aufgehoben, in weiterem Sinn aber ist die Einsamkeit dennoch bewahrt, da auch das kleine insulare Gemeinwesen in einer gewissen „geselligen” Einsamkeit, abgeschlossen und fern der Zivilisation Europas, lebt. So verbinden sich in der „Insel Felsenburg” Robinsonade, Idyll und Utopie zu einem einheitlichen Werk, in dem die Einsamkeit in verschiedener, vor allem aber in idyllisch-empfindsamer Form einen bedeutsamen Rang einnimmt. Diese Weiterführung des eigentlichen Robinsonmotivs zum Idyll und zur Utopie, wie schon in der „Insel Felsenburg”, wobei das Idyllische neben seiner Eigenbedeutung auch noch die Funktion eines Kontrastmittels zu den gesellschaftlich-sozialen Mißständen Europas hat, weist in der gleichzeitigen Literatur zahlreiche Entsprechungen und auch eine ausgedehnte Nachfolge auf. Es sind fast durchweg mehr oder weniger verdeckte Satiren auf die Zeit mit utopischen Einschlag oder in utopischer Verkleidung, wobei als positives Gegenbild zur negativen Kritik dann in einigen Fällen die Darstellung irgend eines Idealzustandes oder eines Idylls dient. Hier können nur einige Werke genannt werden, die zur Einsamkeit wirklich Bezug haben. – Haller's „Alpen” (1724) geben bereits ein solches Idyll; die großartige, erhabene und einsame Natur des Hochgebirges, sowie das natürliche, freie und reine Leben ihrer Bewohner wird hier in idealisierter Form der Zivilisation und ihren Mängeln und Schäden gegenübergestellt. Das Idyllische ist aber, trotz seiner Funktion als Gegenbild, bei Haller durchaus selbstgenügsam und besitzt soviel Eigenleben, um über seiner Schönheit seinen Zweck als Kontrastmittel fast völlig vergessen zu lassen. – Auch Voltairs [!] „Candide” (1759) ist mit seiner pessimistischen Kulturkritik hierher zu rechnen. Und das Rezept zur irdischen Glückseligkeit, welches der greise Muselmann am Ende der Erzählung dem Helden gibt, lautet: in Einsamkeit „arbeiten und seinen Garten bebauen”. – Eine Art von idyllischer Robindonade ist noch viel später S. Gessners kleine lyrische Erzählung: „Der erste Schiffer” (1761). Gessner, der in seiner Jugend von Defoes Buch so stark bewegt wurde, daß es ihn zur Literatur bestimmte (auch in seinem „Tod Abels” klingen Robinsonmotive an), stellt in dieser Idylle sehr feinfühlige Beobachtungen und Betrachtungen über die seelische Entwicklung eines einsamen Menschen an. – Ein später und entfernter Ausläufer dieser Gattung in Deutschland ist in gewisser Beziehung W. Heinses „Ardinghello” (1787), in dem am Schluß der Held auf den „glückseligen Inseln” ein Reich der Schönheit, des Sinnenkultes und der „geselligen” Einsamkeit gründet. – Zuletzt sei noch kurz auf einen Franzosen hingewiesen, auf B. H. de Saint-Pierre, der in den „Voeux d'un solitaire” (1793) unter der Maske eines Einsiedlers allgemeinmenschliche, politische, soziale und naturwissenschaftliche Erwägungen anstellt und in seinem kleinen Roman von „Paul und Virginie” (1788) die rührsam-gefühlvolle Geschichte von Liebe und Tod zweier junger Menschen auf einem wundervollen Tropeneiland erzählt. In diesem Roman, der schon stark von Rousseau'schem Geist erfüllt ist und schon in manchem romantischen Charakter in sich trägt, ist noch einmal der ganze Zauber eines einsam-idyllischen Insellebens zusammengefaßt; fern und frei von „Europens übertünchter Höflichkeit” – ein Motiv, das hier schon deutlich hörbar anklingt – lebt das sich liebende Paar auf dem Inselparadies, bis die Zivilisation schließlich störend in das Naturidyll eingreift und es zu einem mehr traurig-rührsamen als tragischen Ende kommt. Sentimental-empfindsame Einsamkeitsstimmung durchtränkt das ganze Buch, spielt bereits in der Rahmeneinkleidung (ein alter Einsiedler in einer einsamen Bucht erzählt dem Dichter die rührende Geschichte) eine Rolle und ist in der eigentlichen Erzählung fast auf ,jeder Seite, besonders anläßlich der leuchtenden und farbensatten Schilderung von Natur und Landschaftsbildern, direkt oder indirekt lebendig. – Zusammenfassend: die Einsamkeitsauffassung der Robinsonade ist bei Grimmelshausen (um nochmal soweit zurückzugreifen) weltabgewandt., klösterlich und religiös, im eigentlichen „Robinson Crusoe” bereits deutlich aufklärerisch: realistisch, nüchtern und praktisch, um dann in der „Insel Felsenburg” die entscheidende Wendung zum Sentimental-Idyllischen, verbunden mit Zeitkritik und utopischen Ideen, zu nehmen.
Fußnoten
[109] Grimmelshausen, Simplicius Simplicissimus, 5. Buch, (Schluß). zurück
[110] Vgl. A. Kippenberg, Robinson in Deutschland bis zur Insel Felsenburg (Hannover 1892), S. 42. zurück
[111] „Insel Felsenburg”, 1. Bd. zurück
Robinson Leo Maduschka
Robinson J. G. Zimmermann

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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 27.11.2003