| Das
Ende der Kurzgeschichte als Echo des Anfangs Zirkel – Reprise – The Fixed Idea – "Genauigkeit und Kürze – das sind die vornehmsten Eigenschaften der Prosa." Alexander Puschkin: Über die russische Prosa. Gesammelte Werke in sechs Bänden, Bd. V, S. 17 |
| In der Theorie zur Struktur der Kurzgeschichte ist die
Wiederholung
wohl bekannt. Es kann sich um einzelne Wörter, Phrasen,
eine fixe durchgehende Idee oder eine Reihung mit Wiederholung
derselben Konjunktion (Polysyndeton) oder manches andere handeln. Eine
ähnliche verwandte Struktur ist der Parallelismus als eine Wiederholung
einer rhetorischen Figur, auch als Parallelführung zu einem anderen
literarischen Werk, beispielsweise in Kurzgeschichtenzyklen. Eine spezielle Wiederholung ist ein Ende der Kurzgeschichte als Echo des Anfangs (»a parallel structuring«). Dieses Echo scheint mir weniger erforscht. Deshalb sammle ich hier einige Beispiele. Das Echo kann eine Kurzgeschichte abrunden, auf eine Idee hinweisen oder sie besonders betonen. Chuma Nwokolo nennt das Echo den Zirkel des fixierten Gedanken und bemerkt dazu: “This ‘Fixed Idea’ is to the short story what the rhyme is to the poem“ ( |
| Echo einer Idee |
| Naomi Alderman: „Other People's Gods“ (2009) |
| Naomi Alderman beginnt ihre Story „Other People's Gods“
mit einem Bibelzitat. Das führt unmittelbar, aber versteckt – nicht
jeder erkennt Psalm 26,1 – ins Thema ein. Am Ende steht wieder ein
Zitat aus der Bibel. Diesmal dient es als Pointe. Die jüdischen
Gemeindemitglieder werden daraufhin gewiesen, dass sie zweierlei Mass
anlegen. |
| Jane Rogers: „Hitting Trees with Sticks“ (2009) |
| Die Protagonistin und Ich-Erzählerin beobachtet ein
zehnjähriges Mädchen, das einen Baumstamm mit dem Stock traktiert.
Davon ausgehend entspinnt sich der gesamte Monolog und die Handlung von
„Hitting Trees with Sticks“. Im letzten Absatz der Story ergreift die
Ich-Erzählerin selbst zum Besen und schlägt den Baum. |
| Wiederholung einer Phrase oder eines Satzes |
| Charles Dickens: „The Signalman“ (1866) |
| „The Signalman“ beginnt unvermittelt mit dem
Ruf „Halloa! Below there!“, der eine zentrale Rolle in der
Geschichte spielt. Es ist zunächst nicht klar, wer ruft, doch in
wenigen Absätzen weiß/vermutet man: der Ich-Erzähler. Der Ruf
wiederholt sich beim Geist, der den Signalmann heimsucht. Und etwas
abgewandelt wird „Below there! Look out! Look out!“ zum
Warnruf des Lokführers am Ende der Story. |
| Francisco Jiménez: „The Circuit“ (2004) [1973] |
| Der Zirkel steht hier schon im Titel der Story. Jiménez
wendet ihn in der Story selbst nicht plump Anfang – Ende an, sondern
schiebt eine Episode vor, die den (wiederholten) Aufbruch thematisiert.
Der Ich-Erzähler stellt dann fest:
„Everything we owned was neatly packed in cardboard boxes“ (S. 67).
Diese exakte Wortfolge bildet auch den Schluss der Geschichte: der
Aufbruch wiederholt sich (S. 76). Well done, Mr. Jiménez! |
| Svenja Leiber: „Drillen“ (2005) |
| Diese Kurzgeschichte beginnt mit einem 1-Wort-Satz und
einer Reihung von Möglichkeiten als zweiten Satz: „Schlag. Rechts,
links oder mittenrein“ (S. 69). Zur Erhärtung wird der Leser kurz
darauf nochmals geschlagen: „Rechts, links oder mittenrein“
(S. 69). Am Ende kann sich die Autorin die Beschreibung des Schlages
sparen und sie dem Leser überlassen. Sie macht ihn klar durch
Wiederholung des Wortes vom Anfang: „»Mittenrein«, sagte er
leise“ (S. 81). |
| Sara Maitland: „Moss Witch“ (2009) |
| Mit dem ersten Teilsatz „Perhaps there are no more Moss
Witches“ springt Sara Maitland direkt in ihre Geschichte: sie
legt nahe, dass es vielleicht doch Mooshexen gibt. Das wird durch das
„no more“ verstärkt, denn es suggeriert, dass es zumindest mal welche
gegeben hat. Im letzten Satz wird die These „Perhaps there are no more Moss Witches“ wiederholt, jetzt aber ergänzt – der Leser weiß inzwischen mehr – mit einer Klausel. Daher passt dieses Beispiel auch in die nächste Kategorie: der Gedanke am Anfang wird zwar am Ende aufgegriffen, wurde aber inzwischen weiterentwickelt. |
| Edith Wharton: „Afterward“ |
| In „Afterward“ wird die Eingangsphrase im letzten Satz
der Story abgewandelt wiederholt. Beide Sätze werden zudem von
derselben Person Alida Stair, der Immobilienmaklerin, (am Ende ist es
genauer nur ihre Stimme) im selben Garten von
Pangbourne gesprochen. 1. Satz: „Oh, there is one, of course, but you'll never know it.“ Die letzten Sätze: „You won't know till afterward,“ it said. „You won't know till long afterward,“ Übrigens: schon der Titel der Story verweist auf die Phrase. |
| Entwicklung einer Phrase oder eines Satzes |
| Die Wiederholung am Ende der Kurzgeschichte kann auch eine Weiterentwicklung einschließen. Die/der Protagonist/in und damit auch der Leser hat etwas dazugelernt. |
| William S. Maugham: „Mr Know-All“ (1925) |
| Die Story dreht sich um Vorurteile und ihre Korrektur.
Schon der Name genügt: der Ich-Erzähler ist geneigt, seinen
Kabinengenossen abzulehnen. Der erste Satz drückt es treffend aus: „I
was prepared to dislike Max Kelada even before I knew him“. Im vorletzten Satz wird die Revision der Vorurteile zugestanden: „At that moment I did not entirely dislike Mr. Kelada“. |
| Thomas Wolfe: „Only the Dead Know Brooklyn“, The New Yorker, June 15, 1935 |
| Der Titel signalisiert die Paradoxie: die Toten wissen
natürlich
nichts. Trotzdem zieht jeder Leser aus dem "only" sofort den Schluss:
die Lebenden kennen Brooklyn nicht. Genauso behauptet der erste Satz
der Geschichte in Brooklyn-Slang (soweit der Southern Tom Wolfe das
hinkriegt): „Dere's no guy livin' dat knows Brooklyn t'roo an' t'roo, because it'd take a guy a lifetime just to find his way aroun' duh f_____ town“. Es wird auch eine Begründung geliefert: man braucht ein volles Leben, nur um sich einigermassen auszukennen. (Nach der Vorschau im Archiv von The New Yorker zu urteilen (sehr klein), steht dort »goddam«.) Die ganze Story kann man als Untermauerung dieser Eingangsthese lesen. Am Ende zieht der Erzähler das Resümee. Er wiederholt zuerst die These: "It'd take a guy a lifetime to know Brooklyn t'roo an' t'roo“. Und dann schränkt er es ein: „An' even den, yuh wouldn't know it all“. „Only the Dead Know Brooklyn“ ist eine hervorragende Grossstadtbeobachtung, die das Lesen lohnt, auch wenn der Slang gewohnungsbedürftig ist. |
| Allgemeine Anmerkungen zur Short Story |
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„The short story being a form conditioned by its length has to resort
to all sorts of tricks to be able to say more thanks to less; hence the careful use of stylistic and rhetoric devices such as chiasma, alliterations, parallels as well as that of metaphors, metonymies and symbolism, a trait acknowledged by all the contributors.“ Louvel, Liliane (2000): "Introduction". Journal of the Short Story in English 34, S. 4. |
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„Although the short story is not in vogue nowadays, I stll believe that
it constitutes the utmost challenge to the creative writer. Unlike the
novel, which can absord and even forgive lengthy digressions,
flashbacks, and losse construction, the short story must aim directly
at its climax" |
| Links |
| Literatur |
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| Bettina
Greese: Die
Kurzgeschichte auf dem Weg ins 21. Jahrhundert. Schöningh,
2007. Broschiert, 132 Seiten |
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| Ann
Charters: The Story
and Its Writer,
Compact Edition: An Introduction to Short Fiction.
Bedford 2006. Taschenbuch, 1152 Seiten |
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| Charles E.
May: New Short
Story Theories. Ohio UP, 1994. Taschenbuch, 364
Seiten |
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