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Gelfert
Hans-Dieter Gelfert: Was ist gute Literatur? Wie man gute Bücher von schlechten unterscheidet
München: Beck, 2004. Taschenbuch: 224 Seiten. 2., überarb. Aufl. – Gelfert LinksGelfert Literatur
Ein Experiment um meine These "Es gibt keine falschen Töne" zu belegen ist die Aufforderung: "Pfeif mal einen falschen Ton!" Das konnte noch niemand befolgen. Meine Folgerung: wenn es nicht mal einen falschen Ton gibt, dann auch nicht mehrere. Folglich: "Es gibt keine falschen Töne". Statt mit "falsch" kann man es mit anderen Attributen wie "scheußlich" durchspielen.
Ähnlich dachte ich mir dies bei allen ästhetischen Urteilen. Objektivität gibt es da nicht.
Die Lösung des Knotens bei den Tönen liegt zum Teil darin, dass es falsche Töne in Bezug auf eine beabsichtigte Melodie gibt. Wer vorgibt den River-Kwai-March zu pfeifen und es kommt "Lili Marleen" heraus, der pfeift falsch.
Die Lösung beim Urteil über gute und schlechte Literatur zeigt Hans-Dieter Gelfert auf. Er beruft sich auf Immanuel Kant und der Kritik der Urteilskraft (S. 25). Es gibt ein intersubjektives Urteil über Fragen zur Güte künstlerischer Werke.
Man analysiert, was Lesen angenehm / immer wieder erstrebenswert macht. An diesen Kriterien misst man das jeweilige Werk. Einfach gesagt, doch Gelfert
• nennt Erwartungsspannung und Befriedigungslust (und die Mittel, die diese bewirken),
• gibt dafür die folgenden dreizehn (möglichen) Kriterien (Kap. 5):
• Vollkommenheit
• Stimmigkeit
• Expressivität
• Welthaltigkeit
• Allgemeingültigkeit
• Interessantheit
• Originalität
• Komplexität
• Ambiguität
• Authentizität
• Widerständigkeit
• Grenzüberschreitung
• Das gewisse Etwas
Bevor Kritik aufkommt, sollte man Gelferts Ausführungen dazu lesen. Sie sind schlüssig.
Diese Kritierien sind von Literaturkundigen anerkannt, wenn ihre Gewichtung und Anwendung auch reichlich verschieden sein kann.
Selbst wenn man sich in der Literatur schon gut auskennt (was ich von mir behaupte), kann man aus Was ist gute Literatur? noch viel mitnehmen. Vieles war nicht neu für mich, doch Gelfert begründet, warum es so ist; beispielsweise warum Literatur dann besser ist, wenn sie keine eindeutigen Aussagen macht. Damit erschließt sich auch, warum die Literatur zwar wie PC-Spiele eine virtuelle Welt eröffnet, letztlich aber (da sie sehr viel mehr Freiräume läßt; da sie breitere Thematiken behandelt; da sie Fragen aufwirft; etc.) vorzuziehen ist. 
So nebenbei beantwortet Gelfert auch Fragen, die man hier zunächst nicht vermutet. Etwa, warum in der deutschen Literaturkritik Komplexität so hoch bewertet wird (S. 159) oder warum es in der deutschen Literatur an der Thematik "Urbanität" mangelt (S. 187ff) und warum man in Deutschland zum stilistischen Overstatement neigt (S. 190f).
Jeder Literaturfreund wird sich die in Was ist gute Literatur? behandelten Fragen stellen. Hier findet er Antworten. Ein grosser "Aha!"-Effekt stellt sich ein. Das Verdienst des Autors ist es, dass er nicht spröde wissenschaftlich schreibt, sondern spannend wie man es manchem Roman wünscht. Sehr empfehlenswert.
Links
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Rezensionen
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