| Virginia Woolf: Mrs. Dalloway Paris: Albatross, 1947. 286 Seiten |
| Virginia Woolfs Mrs. Dalloway
hinterlässt bei mir gemische Gefühle. Einerseits fand ich einen
stilistischen Hochgenuss, subtile Beobachtungskraft und minimale Mittel um den
Leser zu bewegen; andrerseits fand ich den Roman stellenweise langweilig
(Partygespräche ab Seite 243 bis auf Seite 271 endlich mit dem Tod was
Aufregendes ins Gespräch kommt). Wichtig scheint mir, daß man von vornherein keine Sezierung und Handlung erwartet. Virginia Woolf betreibt ihre Absichten sehr viel feiner gesponnen und undurchsichtiger. Die Leser begleiten Clarissa Dalloway, 51 Jahre alte Dame der Londoner Gesellschaft [ Die vorherrschenden Themen sind: Tod, Gott, Leere der Gesellschaft Londons, Bindung von Mann und Frau. Immer wenn diese Themen angesprochen wurden elektrisierte mich der Text. Mehrmals sinnt Clarissa im Laufe des Tages über den Tod nach und kommt zur Überzeugung, daß es keine Götter gibt. Niemand kann verantwortlich gemacht werden. Man tut Gutes nicht für deren Wohlgefallen oder für künftige Belohnung, sondern man tut Gutes um des Guten willen (S. 115). Ich meinte eingangs, man darf in Mrs. Dalloway keinen Maugham-Roman erwarten, doch sie werfen ähnliche Fragen auf. Die Wahl und Diskrepanz zwischen Konventionalität (Clarissa) und Besonderheit, Aussenseitertum (Peter Walsh) untersuchen sowhol Woolf als auch Maugham. Insbesondere der Kriegsteilnehmer Septimus Warren Smith bringt die Fahlheit der menschlichen Existenz in die farbige, doch seichte Oberwelt. Im Laufe der Lektüre merkte ich, daß meine Vorstellung von Clarissas Charakter sich allmählich wandelt. Zuerst scheint sie die lächelnde, souveräne Mutter des Haushalts zu sein, doch sie verwandelt sich, oder genauer: der Leser muß diesen Eindruck korrigieren. Ihr Leben ist ein Geflecht aus Leere und Trug (S. 189). Der Arbeitstitel für Mrs. Dalloway war The Hours, da sich der Tagesablauf an den regelmässigen Uhrschlägen vor allem von Big Ben strukturiert. Öfters betont Virginia das Unwiderrufliche des Zeitablaufes. Stilistisch wurde ich durch häufigen Subjektwechsel hereingelegt, den Virginia ihrem Leser unterjubelt. Beispiel von S. 114: "Oddly enough, she was one of the most ..." (Subjekt: Clarissa) "... he had ever met" (aha: Subjekt ist Richard) "and possibly ..., possibly she said ot herself" (doch Clarissa!). Übrigens kamen Clarissa und ihr Mann Richard bei Woolf bereits in The Voyage Out (1915), in Mrs. Dalloway in Bond Street (1923) und anderen Kurzgeschichten vor. Wenn ich eingangs vom ambivalenten Lesevergnügen schrieb: Mrs. Dalloway steckt so voller Symbolik und überdenkenswerter Bilder, daß beim nochmaligen Lesen sicher manches klarer und damit genußvoller wird. Wer's noch nicht kennt, sollte Mrs. Dalloway daher lesen, damit er sich wie ich auf's Wiederlesen freuen kann. |
| Mrs Dalloways Alter In Kindlers Literatur Lexikon (S. 6488) und anderen Sekundärquellen, beispielsweise "She was not old yet. She had just broken into her fifty-second year. Months and months of it were still untouched. June, July, August!" (S. 54). Wer ins 52.Jahr kommt ist genau 51 Jahre alt. Aus der Monatsangabe "June" geht auch hervor, dass sich diese Bemerkung auf die Gegenwart im Roman (und nicht etwa eine zurückliegende Erinnerung ist) bezieht: er handelt an einem Tag im Juni. |
Mrs. Dalloway, S. 14 und S. 44, zitiert: Fear no more the heat o' the sun, Nor the furious winter's rages; Thou thy worldly task hast done, Home art gone, and ta'en thy wages. Guiderius in William Shakespeare: Cymbeline, IV, 2. |
Fürchte nicht mehr Sonnenglut, Noch des grimmigen Winters Drohn! Deine Erdenarbeit ruht, Heim gingst du und nahmst den Lohn. Übersetzung: August Wilhelm von Schlegel und Ludwig Tieck |
| Verfilmungen Mrs Dalloway. Großbritannien/Niederlande 1997. Regie: Marleen Gorris; mit Vanessa Redgrave, Natascha McElhone, Rupert Graves, Michael Kitchen, Alan Cox, Lena Headey. The Hours Von Ewigkeit zu Ewigkeit. UK/USA 2002. Regie: Stephen Daldry; mit Meryl Streep, Julianne Moore, Nicole Kidman, Ed Harris. Musik: Philip Glass. Basierend auf Michael Cunningham: The Hours. Roman über Virginia Woolf. |
| Edward Mendelson behandelt in
seinem The Things That Matter: What Seven Classic Novels Have to Say about
the Stages of Life (siehe |
| Links |
| Literatur |
| Alex Zwerdling: "Mrs. Dalloway and the Social System". PMLA (Publications of the Modern Language Association of America). 92. 1. (1977). S. 69-82. |
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| Virginia Woolf: Mrs
Dalloway. Penguin, 1996. Broschiert, 213 Seiten. |
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| Virginia Woolf: Mrs
Dalloway. Frankfurt am Main: Fischer, 2003. Broschiert. |
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